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02.12.09

Michael Meyn

Besuch aus Germanyland – Die Ankunft

»Beeil dich, wir müssen los!« Mein Rippchen schubste unwirsch meine Beine vom Wohnzimmertisch.

»Los? Wohin?« Was hatte ich denn nun schon wieder vergessen?

»Zum Flughafen. Die Krafziks kommen.«

»Die kommen doch erst nächsten Monat, Schnuckie.«

»Du irrst. Schau auf den Kalender. 22. Februar: ›Ankunft Krafziks: 14:05 Uhr. Unbedingt Käse verstecken!‹«

»Komisch. Wie komme ich dann bloß auf den 22. März?«

»An dem Tag reisen sie wieder ab.«

»Was?!« Mir wurde übel. »Die bleiben einen ganzen Monat?«

»Ja, sicher. Aber das wusstest du auch.«

»Ich muss es irgendwie verdrängt haben.« Ich überlegte kurz. »Sind wir denn überhaupt auf Besuch vorbereitet?«

»Wie meinst du das?«

»Hast du den Käse in Sicherheit gebracht?«

»Komm jetzt!«

Auf der Fahrt zum Flughafen versuchte ich mir noch schnell ein paar Infos zu holen:

»Welches Hotel haben die Krafziks gebucht? Weißt du, das ist alles ganz schlecht geplant. Wir hätten für sie von hier aus buchen sollen. Als Bürger von Nevada bekommen wir doch einen Rabatt.«

»Nicht nötig. Sie wohnen bei uns.«

Nun war ich etwas überrascht. »Doch nicht etwa in meinem Schreibzimmer, oder? Wo soll ich denn dann schreiben?«

Mein Rippchen schaute mich an, als wollte sie mich fragen: Wo warst du eigentlich, als wir das alles gemeinsam besprochen haben? Stattdessen sagte sie ruhig:

»Sie werden in unserem Schlafzimmer schlafen.«

»Und wir?«

»Wir schlafen im Gästezimmer.«

»Wir haben kein Gästezimmer.«

»Gut, dann schlafen wir halt in deinem Schreibzimmer.«

»Dort steht aber kein Bett.«

»Richtig. Darum habe ich uns ja auch eine Luftmatratze gekauft.«

Gern hätte ich laut gemeckert. Die Vorstellung, die nächsten vier Wochen auf einem aufblasbaren Wackelpudding schlafen zu müssen, machte mich seekrank. So wollte ich nicht leben. Kräftig trat ich aufs Gaspedal und steuerte auf ein größeres Kasino zu. Mit einem geübten Griff ins Lenkrad brachte uns mein Rippchen wieder auf den richtigen Kurs.

»Hast du das Schild noch im Kofferraum?«, fragte sie mich. Bereits vor zwei Monaten hatte sie mir aufgetragen, ein Willkommensschild anzufertigen.

»Ja.«

»Brav.«

Am Terminal eines Flughafens, oder besser gesagt, vor einer Schiebetür zu stehen und auf Besuch zu warten, ist ungefähr so spannend wie vor einer Schiebetür am Flughafen zu stehen und nicht auf Besuch zu warten. Warten ist einfach langweilig.

»Halte das Schild hoch, Schatz!«, forderte mich mein Rippchen aufgeregt auf. »Sie können jeden Moment durch die Tür kommen.«

Ich gehorchte und hielt mir das Schild, auf dem ›Welcome Friends!!!‹ stand, über den Kopf. In unregelmäßigen Abständen öffnete sich die Schiebetür, durch die übermüdet aussehende Touristen mit ihren Gepäckwagen traten. Viele bedankten sich für den freundlichen Willkommensgruß. Ein kleiner Inder fühlte sich gar ermutigt, mich lieb zu drücken und wich mir nicht mehr von der Seite. Mit der Hüfte schubste ich ihn mehrmals in eine Gruppe deutscher Senioren, doch er kehrte immer wieder zurück.

Dann endlich: Da waren sie, die Krafziks! Jürgen mit seiner Holden, die wir alle nur Frau Tülle nannten. Gestresst sahen sie aus, mit bleichem, deutschem Teint. Fast wären sie an uns vorbei gegangen. Ich schnitt ihnen den Weg ab und hielt Jürgen das Schild ins Gesicht. Mein Rippchen war sogar noch aufdringlicher; sie warf sich dem erschöpften Mann direkt um den Hals. Freudentränen. Großes Hallo. Stürmische Umarmungen. Und ich stand doof da mit meinem Schildchen und einem kleinen Inder am Bein.

Vier Wochen Besuch aus Germanyland. Let the fun begin!

Lesen Sie die gesamte Reihe »Besuch aus Germanyland / Briefe vom kleinen Inder« von Michael Meyn und Elke Schröder:

  1. Michael Meyn: Die Ankunft
  2. Michael Meyn: Die Luft ist raus
  3. Michael Meyn: Klasse Wetter
  4. Michael Meyn: Grand Canyon
  5. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (1)
  6. Michael Meyn: Friss oder stirb!
  7. Michael Meyn: Explosionsgefahr beim Doppelkopf
  8. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (2)
  9. Michael Meyn: In der Stille der Nacht
  10. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (3)
  11. Michael Meyn: Da waren's nur noch zwei
  12. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (4)

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Foto: Michael Meyn

Michael Meyn

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