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03.10.06

Michael Meyn

Man kann sich nicht alles merken

Eben erhob ich mich von der Couch. Dies mache ich nur selten und dann auch nur aus gutem Grund. Nun stand ich dort, zwischen Couch und Wohnzimmertisch und wusste nicht, in welche Richtung ich gehen sollte. Ich hatte meinen guten Grund vergessen.

Es ist bestimmt lustig, jemanden dabei zu beobachten, wie er, zwischen Couch und Wohnzimmertisch stehend, sein unrasiertes Kinn massiert und mit einem offenen und einem zugekniffenen Auge die weiße Decke anblinzelt. Da war doch was. Irgendwas wollte ich tun. Aber was?

Diese verdammte Vergesslichkeit! Ich vermute ernsthaft, dass es mit meinem Alter zu tun hat. So alt bin ich noch gar nicht, aber eigentlich bin ich es doch. Schon mit dreizehn Jahren hatte ich den Schnäuzer eines Seelöwen. Meine Freunde schickten mich immer los, Bier und Schnaps für Feten zu besorgen, weil ich älter aussah als mein Vater und weil mein Vater uns nie Bier und Schnaps besorgen wollte. Mit fünfzehn wurde mir von meiner Schuldirektorin mit einer Anzeige gedroht, sollte sie mich noch einmal in der Nähe von Achtklässlern vorfinden. Nun steuere ich unaufhaltsam auf die 40 zu und ich sehe wahrscheinlich aus wie ein alter Greis. Genügend graue Haare habe ich bereits, um einen Senioren-Pass zu beantragen.

Viele Leute verwechseln ja grundsätzlich rechts und links. Zu 50% habe ich das im Griff. Ich weiss genau wo rechts ist, nur wenn ich auf Anhieb links ausfindig machen soll, komme ich durcheinander. Auch Namen wollen mir oft nicht einfallen. Ich habe seit zwei Jahren einen Arbeitskollegen, von dem ich bis heute nicht weiß, wie er heißt, obwohl er, auf mein Drängen, ein Namensschild trägt. Ist das schon altersbedingt?

»Ok, Meyn, wie geht's weiter?« fragte ich mich. »Sag' mir, was du machen willst oder setz' dich wieder hin.«
»Ich weiß es doch nicht mehr!« antwortete ich mir selbst etwas widerwillig. Normalerweise versuche ich Selbstgespräche zu vermeiden, weil es immer in einem großen Streit endet.
»Ich wette, du wolltest den Müll raus bringen.«
»Ich wette, das wollte ich nicht.«
»Blumen gießen?«
»Mach' ich morgen.«
»Warum nicht heute? Du stehst doch gerade.«
»Aber deswegen stehe ich nicht. Es muss etwas Anderes gewesen sein.«
»Musst du zur Toilette?«
»Nein.«
»Sicher?«
»Jetzt nicht mehr.«

Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass man trotz aller Vergesslichkeit so gut wie nie vergisst, dass man etwas vergessen hat? Wieso kann man dieses Wissen nicht auch ganz einfach vergessen? Das Leben wäre dann viel leichter.

Meine Mutter sagte früher immer: »Wenn dir etwas nicht einfallen will, setze dich aufs Klo, dann erinnerst du dich wieder.« Ich habe vergessen, ob das klappt, jedoch war ich zu einem Versuch bereit und ging darum ins Badezimmer.

»Aha! Musst also doch zur Toilette.«
»Nein, ich will nur etwas ausprobieren.«
»Jau, stimmt! Das alte Hausfrauenrezept deiner Mutter.«
»Genau.«
»Meinst du, das funktioniert?«
»Meinst du, du könntest mich mal in Ruhe lassen?« motzte ich stirnrunzelnd, dass mir die getrocknete Faltencreme in die Augen bröckelte.
»Ok.«

So völlig untätig auf der Kloschüssel zu sitzen, ist gar nicht mal so tosend. Da passiert nicht viel. Was mich an der ganzen Sache am meisten wurmte, war, dass es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um etwas gänzlich Unwichtiges handeln musste. Bestimmt wollte ich mir lediglich einen Zahnstocher besorgen oder ein Wort im Wörterbuch nachschlagen oder ein paar Chinchillas züchten.

»Und? Kommt was?«
»Sonja.«
»Sonja?«
»Ja, das Mädel, mit dem ich damals am Strand von Ampuria Brava rumgeknutscht habe, hieß Sonja. Und sie hatte Strand im Mund. Noch Tage später knirschte es fies zwischen meinen Zähnen. Das hatte ich total vergessen.«
»Interesssant. Mir ist auch gerade was eingefallen.«
»Was denn?«
»Du hattest als Kind Plattfüße.«
»Hatte ich nicht!«
»Na klar! Du musstest Einlagen tragen, und einmal bist du im Regen durch Pfützen gelaufen. Die Einlagen waren so nass, dass du sie zum Trocknen auf die Heizung gelegt hast, und über Nacht rollten sie sich auf wie Lakritzschnecken.«
»Stimmt. Das war wirklich so.«
»Und da wir gerade von Lakritzschnecken sprechen: Du solltest zwischendurch mal abziehen. Hier müffelt es ein wenig.«
»Okidoki.«
»Deine allererste Platte war Popcorn von der Gruppe Popcorn. Kurz darauf kam Bahama Mama von Boney M. In deiner Plattensammlung befindet sich sogar die Scheibe Die Wanne ist voll von Dieter Hallervorden und Helga Feddersen, und weißt du noch, wie du damals vor Rührung geheult hast, als ABBA ...«
»Es reicht! Ich gebe auf.«

Wütend stampfte ich in die Küche und schnappte mir die Mülltüten. Wenn mir schon nicht einfallen wollte, was ich zu erledigen hatte, so wollte ich zumindest etwas Sinnvolles tun. Später würde ich dann, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, noch die Pflanzen gießen und mit dem Feudel den Deckenpropeller abstauben. Ich öffnete die Wohnungstür und stolperte fast über einen gigantischen Koffer, den mein Rippchen dort abgestellt hatte, während sie mit einem gereizten Blick in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel suchte.

»Schnuckie! Du? Hier? Oh no! Flughafen! Abholen! Vergessen! So sorry! Schnuckie? Sorry ...?«
»Na, hast du wieder vor der Couch gestanden und zwei Stunden überlegt, was du machen wolltest?«
»Dort und auf dem Klo ...«
»Du Arsch!!!«
»That's me. Willst du für einen Moment rein kommen?«

Diese Kolumne finden Sie auch in Michael Meyns 2007 erschienenem Buch »Vegas, Schnuckie!«.

Seit Mitte 2011 ist »Vegas, Schnuckie!« endlich auch zum Beispiel bei buecher.de als Ebook erhältlich!



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Michael Meyn

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