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09.01.10

Michael Meyn

Besuch aus Germanyland – In der Stille der Nacht

»Hörst du das?«

Mir wurde das rechte Augenlid hochgezogen. Die Leuchtanzeige des Radioweckers blendete mich. Zwei Uhr morgens.

»Was denn?« Ich war hundemüde.

»Da stöhnt jemand«, flüsterte mein Rippchen.

Ich richtete mich auf und lauschte in die Dunkelheit hinein. Ja, auch ich vernahm ein leises Stöhnen. »Wer oder was mag das sein?«, fragte ich. Und warum werde ich deswegen geweckt, dachte ich.

»Ich glaube, das sind die Krafziks. Die machen Liebe.«

»Machen Liebe? Was ist das denn für ein Ausdruck?«

»Sagt man doch so, oder nicht? Making love. Liebe machen.«

»Das sagt kein Mensch.« Belehrend fuchtelte ich mit dem Zeigefinger in der Schwärze des Raumes herum. »Man treibt es miteinander, man spielt Matratzentrampolin, man geht mit Bello Gassi, man stellt die Sonnenuhr auf Sommerzeit, man po-«

»Das Stöhnen wird lauter!«

In der Tat. Die unterdrückten Laute klangen nun weniger unterdrückt. »Hm, hört sich überhaupt nicht nach Frau Tülle an«, bemerkte ich. »Ist das etwa Jürgen selbst?«

Die Silhouette meines Rippchens nahm eine nachdenkliche Haltung ein. »Meinst du? Der muckt doch noch nicht mal, wenn er mit dir im Auto sitzt. Und das soll was heißen!«

»Vielen Dank! Kann ich jetzt weiter schlafen, bitte?«

»Wie kannst du bei diesem Lärm schlafen?«

»Ich will es zumindest versu ...« Ich war eingeschlafen. Alsbald träumte ich von einer ausgedehnten Autofahrt durch eine reizvolle Gebirgslandschaft mit unseren Freunden. Jürgen lobte ununterbrochen meinen Fahrstil. Sein schwärmendes Gesicht verwandelte sich plötzlich in einen Radiowecker. 2:37 Uhr.

»Reiß mir nicht ständig die Augen auf!«

»Schatz, die sind immer noch dran.«

»Na und? Gönne ihnen doch ihren Spaß.«

»Ja, schon. Aber ...«

»Aber was?«

»Jetzt habe ich auch Lust auf ein wenig Spaß bekommen.«

»Ich muss arbeiten. Wenn ich mich jetzt überanstrenge, komme ich gleich nicht mehr aus dem Bett.«

»Oooooooohhh!«, rief jemand ungehemmt. Mein Rippchen fuhr hoch und presste ein Ohr an die Wand zum Nebenzimmer. »Wow! Ich glaube, das war Jürgen.«

»Siehst du. Der Spuk ist vorbei. Leg dich wieder hin!«, forderte ich sie erleichtert auf und drehte mich auf die Seite. Ich war schon fast wieder eingeschlafen, da ging die Stöhnerei erneut los.

»Mensch, Jürgen!«, knurrte ich in mein Kopfkissen. »Geht das jetzt bis zum Morgengrauen so weiter?«

»An deiner Stelle würde mich das ziemlich belasten«, provozierte mein Rippchen unterschwellig.

»Wieso?«

»Nun, der Mann hat Ausdauer ...«

»Die habe ich auch!«

»Das wissen die Krafziks aber nicht. Von uns bzw. dir war in den letzten zwei Wochen nichts zu hören, sieht man mal von deinem Schnarchen ab.«

»Wir schätzen halt unsere Privatsphäre. Es muss doch nicht jeder mitbekommen, wenn bei uns die Glocken läuten, oder?«

Insgeheim gab ich ihr Recht. Unsere Freunde mussten denken, wir hätten uns in prüde Amerikaner verwandelt. Dem sollten wir entgegen wirken!

»Ok, Schnuckie, hier ist der Plan: Du befolgst meine Anweisungen bis ins Detail. Wenn alles so läuft wie ich mir das vorstelle, werden die Krafziks nachher beim Frühstück vor Neid kein Wort rausbringen.«

»Ich bin ganz Ohr.«

Kichernd flüsterte ich: »Sprich mir nach: Oh ja, Schatz, mach weiter!«

»Was soll ich machen?«

»Du sollst wiederholen, was ich sage.«

»Ok.«

»Und los!«

»Was denn?«

»Oh ja, Schatz, mach weiter!«

»Ach so.« Mein Rippchen schnurrte in gespielter Erregung: »Oh ja, Schatz, mach weiter!«

»Nicht schlecht. Etwas lauter, bitte, sonst hören sie es nicht.«

Sie holte tief Luft: »Oh ja, Schatz, mach weiter!«

»Perfekt!«

»Und jetzt?«

Ich überlegte. »Worüber reden wir denn sonst so beim Sex?«

»Ich weiß nicht. Reden wir überhaupt?«

»Bestimmt. Du hast doch immer irgendwas zu meckern.«

Nebenan steuerte das Gestöhne auf einen neuen Höhepunkt zu. Wir mussten uns beeilen.

»Dann sage jetzt: Hui, das ist gut!«

»Ich habe noch nie in meinem Leben ›hui‹ gesagt.«

»Da kannst du mal sehen, was die Lust mit dir anstellt.«

»›Hui‹ klingt so unerotisch.«

»Nun mach schon!«

»Na schön. Hui, das ist gut!«

»Mehr Volumen, bitte!«

»HUI, DAS IST GUT!«

»Großartig! Und weiter: Nicht aufhören!«

»NICHT AUFHÖREN!«

»Du machst das so gut.«

»DU MACHST DAS SO GUT!«

»Ruhig etwas keuchen. Das wirkt authentischer.«

»DU MACHST DAS SO GU-HUT!«

»Du wildes Tier.«

»DU WI-HILDES TI-HIER!«

»Du bist so groß.«

»DU BIST EIN SPINNER!«

Kräftig klatschte ich in die Hände. »Jetzt werden sie denken, ich hätte dir einen Klaps auf den Hintern gegeben. Das nennt man Spanking. Macht heutzutage jeder.«

»Tatsächlich?«

»Ja. Nun fällt mir aber nichts mehr ein.«

»HAU MIR NOCHMAL AUF DEN ARSCH!«

»Hey, nicht vulgär werden! Denk dran: Die Krafziks sind Christen wie wir auch.«

»Entschuldigung ...«

»Wir sollten uns so langsam auf die erste Klimax vorbereiten.«

»Oh, die erste Klimax? Ich werde gleich mehrmals beglückt? Wie komme ich zu dieser Ehre?«

»Naja, jetzt bin ich eh wach.«

Ich trug meinem Rippchen auf, in immer kürzeren Abständen ›hui‹ und ›weiter so, Schatz‹ zu rufen. Unterdessen ruckelte ich am Schreibtisch und ließ die Glasschale einer Stehlampe klirren.

»Was machst du da?«, fragte sie interessiert.

»Ich erwecke den Eindruck, bei uns würden sich vor Geilheit die Balken biegen. Oder so ähnlich.«

»Tolle Idee! HUI!« Meine Bettgefährtin bot sogleich ihre Unterstützung an und rollte rummsend gegen die Schrankwand. »Sie werden noch befürchten, dass – WEITER SO, SCHATZ! – unsere Luftmatratze platzt.«

»Das sollen sie auch! Mehr Spanking?«

»Gerne! DAS IST GUT! HUI-HUI!«

Frau Tülle klopfte an unsere Tür. Sie wartete gar nicht erst auf eine Antwort, sondern unterbreitete unverzüglich ihr Anliegen:

»Ich weiß, wir sind hier nur zu Gast bei euch in diesem fernen, fremden Land. Wäre es aber eventuell möglich, dass ihr die Güte mit der Gastfreundschaft verbindet und uns ein wenig Schlaf gönnt? Wir sind nun schon seit Stunden Ohrenzeugen der sexuellen Gelüste eurer Nachbarn. Müsst ihr jetzt auch noch damit anfangen?«

»Stell dich schlafend, Schnuckie!«, zischte ich und begann sofort laut zu schnarchen. Etwas kleinlaut entgegnete mein Rippchen: »Mein Mann hat nur schlecht geträumt. Jetzt ist wieder alles in Ordnung.«

Mir war die Angelegenheit sehr peinlich. Mussten unsere prüden, amerikanischen Nachbarn ausgerechnet dann ihren Trieben nachgeben, wenn wir Besuch aus Germanyland hatten? Enttäuscht klatschte ich ein letztes Mal in die Hände.

»Ich glaube, ich lasse das Frühstück ausfallen und fahre direkt zur Arbeit.«

»Kein schlechter Gedanke. Ich komme mit!«

»Lieber Vater«, murmelte wenig später der kleine Inder aus dem Halbdunkel. Eine Feder kratzte über Papier. »Sahib Meyn hat gerade die heilige Ziege gerieben, wie du mich gelehrt hast, die Vereinigung von Mann und Frau zu nennen ...«

Lesen Sie die gesamte Reihe »Besuch aus Germanyland / Briefe vom kleinen Inder« von Michael Meyn und Elke Schröder:

  1. Michael Meyn: Die Ankunft
  2. Michael Meyn: Die Luft ist raus
  3. Michael Meyn: Klasse Wetter
  4. Michael Meyn: Grand Canyon
  5. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (1)
  6. Michael Meyn: Friss oder stirb!
  7. Michael Meyn: Explosionsgefahr beim Doppelkopf
  8. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (2)
  9. Michael Meyn: In der Stille der Nacht
  10. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (3)
  11. Michael Meyn: Da waren's nur noch zwei
  12. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (4)


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Foto: Michael Meyn

Michael Meyn

Geboren wurde er irgendwo in Oberhausen, und zwar am 11.11.1968. Berichten seiner Mutter zufolge begann Michael im zarten Alter von drei Jahren, die Tapeten seines Kinderzimmers mit Fäkalien zu [..]

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