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09.11.06

Michael Meyn

Humor ist, wenn man trotzdem furzt

[english] This column's translation: »Fartvergnügen«

»Gestern Nacht hast du wieder im Schlaf gepupst.«

Diese Behauptung meines Rippchens ist ein klares Understatement. Ich weiß, zu welchen Leistungen ich fähig bin, wenn ich mich den ganzen Tag wohlerzogen zusammenreißen musste. Fakt ist, dass ich mich mit meinen nächtlichen Blähungen selbst aufwecke. Da ich die merkwürdige Angewohnheit habe, im Schlaf bis an den Rand des Bettes zu rutschen (Bindungsangst, Herr Meyn, Bindungsangst!), bin ich schon so manches Mal um Haaresbreite abgestürzt. Dies natürlich zur Belustigung meines Rippchens. Zum einen, weil sie mich dabei beobachtet, wie ich mit meinem Gleichgewicht kämpfe, zum anderen, weil sie Fürze mindestens ebenso lustig findet, wie ich das Wort Pillermann. Ich wette, sie schreit sich bereits bei der Überschrift meiner Kolumne weg.

Ich war schon immer ein verklemmter Bursche. Hätte ich einen Wellensittich, ich würde in seiner Gegenwart nicht furzen. Wenn ich mir das so richtig überlege, ich glaube, mein ganzes Leben ist darauf ausgerichtet, niemals versehentlich einen sausen zu lassen. Darum ärgert es mich ungemein, dass ich nicht in der Lage bin, auch nachts meinen Körper unter Kontrolle zu haben.

Mein Rippchen ist da das genaue Gegenteil. Rückblickend kann ich nur sagen, dass ich besser auf frühe Signale hätte achten sollen. Nachdem wir uns vielleicht gerade mal vier Stunden kannten, machte ich einen taktisch unklugen Fehler: Ich brachte sie zum Lachen. Mit einem gewaltigen Knattern bügelte sie ihren Faltenrock glatt. Ich war nicht nur empört, ich war entsetzt! Seitdem bin ich sehr bemüht, sie auf Distanz und bei schlechter Laune zu halten.

Einmal pro Jahrtausend übernehme ich das Kommando in der Küche. Dann koche ich Chili con carne; neben Kaffee so ziemlich das einzige, was ich kochen kann. Ein Spezialrezept habe ich nicht, aber ich achte darauf, dass Zwiebeln, Bohnen, Mais (ja, Mais!) und Knoblauch mehr als reichlich enthalten sind. Besonders Knoblauch. Und Zwiebeln. Bohnen müssen nicht sein.

Vor ein paar Wochen war es wieder soweit. Wir hatten uns per Netflix zwölf Folgen der zweiten Staffel von »24« schicken lassen. Absolut spannende Serie, und ich bin froh, dass wir sie erst so spät entdeckt haben, denn wir können uns nun noch drei weitere Staffeln in einem durch anschauen. Zur Feier des Tages setzte ich meine imaginäre Kochmütze auf und bereitete einen großen Topf meines Jahrtausendchilis zu.

Es schmeckte natürlich hervorragend. Mir jedenfalls. Für mein Rippchen war der Knoblauchanteil etwas heftig, aber sie beklagte sich nicht. Bereits nach der ersten Folge unserer langen Filmnacht kam ihre Ankündigung:

»Ich muss pupsen.«

Sofort verfrachtete ich meinen Kopf von ihrem Schoß ans andere Ende der Couch.

»Jetzt? Hier?!«

Sie fing an zu lachen, woraufhin ich mich eilig von der Couch entfernte.

»Stell dich doch nicht so an, Schatz!«

»Sorry, aber das ist nicht meine Welt.«

»Was? Mein Humor?«

»Ja, und wie du deinen Humor zum Ausdruck bringst.«

»Na schön, ich werde mich beherrschen.«

»Danke!«

Wir schauten uns die zweite Folge an. Inzwischen merkte ich, wie es in meinem Magen rumorte. Das hörte auch mein Rippchen.

»Na, musst du pupsen?«

»Nein.«

»Ich aber!«

»Wehe!«

Die nächsten zwei Folgen verliefen ohne Zwischenfälle. Gelegentlich rutschte mein Rippchen unruhig auf der Couch herum, allerdings konnte ich sie mit warnenden Blicken von unerzogenen Taten abhalten. Ich selbst nahm nun auch eine etwas verkrampfte Haltung ein. Es drückte schon recht ordentlich. Jetzt war es wichtig, bei voller Konzentration zu bleiben.

Dieser Jack Bauer aus »24« ist ein Mann nach meinem Geschmack. Wie er es schafft, dass ihm über einen Zeitraum von 24 Stunden trotz extremster Stressaussetzung, übelster Folter und harter Schläge in die Magengrube, nicht das leiseste Fürzchen entfleucht, ist mir richtig symphatisch. Mir würde das auch nicht passieren.

»Sei ehrlich, du musst auch pupsen.«

»Absolut nicht.«

»Lass dich gehen, Schatz. Mich stört das nicht.«

»Niemals! Weisst du was, ich glaube, ich esse noch einen Teller Ch..«

Das letzte Wort ging in einem lauten Donner unter und sofort wurde es im Wohnzimmer diesig. Synchron hechteten Jack und ich dem Ausgang entgegen. Ihm gelang die Flucht, mir nicht, weil ich in meiner Panik die Tür nicht auf bekam.

»Hihi, der ist mir so raus gerutscht.«

Ihr freches Lachen wurde von drei kleineren Detonationen in schneller Sequenz untermalt. Ich zog mir mein T-Shirt über Mund und Nase und schob die Balkontür auf. Gern hätte ich mir an der frischen Luft Erleichterung verschafft, denn die Blähungen nahmen mittlerweise schmerzhafte Ausmaße an. Ich hinderte mich selbst an meinem Vorhaben, weil mein Rippchen über ein sehr gutes Gehör verfügt. Beim kleinsten verräterischen Geräusch wäre sie vor Lachen geplatzt. Um meine steife Brise ungehört wehen lassen zu können, hätte ich mich in den Schlafzimmerschrank stellen müssen, aber das war mir dann doch zu doof und ich hatte auch ein wenig Angst um meine Kleidung.

So setzte ich mich wieder zu meinem vergnügten Furzkissen und sah mir mit ihr die restlichen Folgen an. Ab Folge 8 mit unangenehmen Ohrensausen und unter Einbüßung meiner Zurechnungsfähigkeit.

Später hatte ich einen schlimmen Alptraum. Jack Bauer wurde nach erfolgreicher Rettung der Erde vom Präsidenten der Vereinigten Staaten stürmisch umarmt und gedrückt. Dabei verlor er für einen Moment die Kontrolle über seinen durchtrainierten Schließmuskel und blähte in die schockierten Visagen der gesamten Administration. Er wurde auf der Stelle exekutiert.

Schreiend wachte ich auf; das kichernde Gesicht meines Rippchens direkt vor der Nase.

»Erwischt! Du hast gepupst! Hihi.«

Diese Kolumne finden Sie auch in Michael Meyns 2007 erschienenem Buch »Vegas, Schnuckie!«.

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Foto: Michael Meyn

Michael Meyn

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