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13.01.11

Michael Meyn

Diese Geschichte ist Käse!

Wer mir eine richtige Freude machen will, der schenkt mir ein massives Stück Käse. Dann kriege ich sofort gute Laune. Meine Favoriten sind ein schöner weicher Gouda und Schweizer Käse, obwohl mich bei Letzterem die Löcher nerven. Im Grunde mag ich aber alle Käsesorten bis auf die meisten verschimmelten Versionen, welche ich eher abstoßend finde.

Ich bin extrem käsesüchtig. Oft reiße ich meinem Rippchen die Einkaufstüten aus der Hand, sobald sie aus dem Supermarkt tritt und mampfe den Käse scheibenweise direkt aus der Verpackung. Ich glaube, diese Verhaltensstörung begründet sich in meiner Kindheit. Zuhause gehörte eine Scheibe Käse auf die entsprechende Scheibe Brot. Niemals, unter keinen Umständen, durften wir einfach mal so eine Scheibe ohne alles essen. Das war streng verboten. Ich weiß nicht warum. Zucht und Ordnung waren bei uns nicht angesagt, aber Käse ohne Brot zu essen hatte immer Taschengeldentzug zur Folge. Dennoch bin ich fast jede Nacht leise in die Küche gerobbt, um meinen Heißhunger zu stillen. Irgendwann wurde ich unvorsichtig, stieß mit der Schulter gegen den Küchentisch und löste dadurch den Alarm aus. Da war der Ofen natürlich aus. Bis heute bekomme ich kein Taschengeld mehr!

Meine Sucht geht so weit, dass ich sämtlichen Käse verstecke, wenn Besuch kommt. Gewöhnlich versorgen wir unsere Gäste mit trocken Brot. Demzufolge kam es schon oft zu sehr interessanten Gesprächen:

»Könnten wir bitte etwas Butter haben? Und vielleicht noch Wurst dabei?«, fragt der Besuch.

»Wurstaufschnitt gibt es bei uns nicht. Wäre ja auch Blödsinn, weil da kein Käse drin ist.«

»Ach, ihr habt Käse?«

»Nein. Ihr?«

Wenn mein Rippchen kocht, vergewissere ich mich immer, dass zumindest in den Beilagen Käse enthalten ist. In absolute Ekstase verfalle ich bei Gerichten, die mit Käse überbacken sind. Hähnchenbrust mit überbackenem Käse ... lecker! Ist das Leben nicht schön? Ich würde mir am liebsten meine Zahnbürste überbacken lassen, so genial finde ich das.

Momente, die niemals vergehen dürften, sind solche, in denen mein Rippchen für einen gemütlichen Fernsehabend großzügige Käseplatten vorbereitet. Da gibt sie sich besonders viel Mühe und bohrt Zahnstocher durch kleine Käsewürfel und Weintrauben. Allein dafür liebe ich sie! Die Weintrauben schmeiße ich zwar immer hinter die Couch, aber es ist der Gedanke, der zählt.

Heulen könnte ich, wenn ich mich im Spiegel betrachte. Dann verstehe ich sofort, warum ich Mops genannt werde. Ich sollte ernsthaft in Erwägung ziehen, mehr auf meine Gesundheit zu achten. Es gibt so leckere Salate und Früchte und Esspapier ohne Zucker! Man muss sich einfach nur einreden, dass Essen nicht so wichtig ist.

Nun hat aber mein Rippchen vor einiger Zeit etwas Sensationelles entdeckt: Käse mit Meerrettich. Besser als Sex! Ja, um mich überhaupt noch ins Schlafzimmer locken zu können, muss sie sich mindestens vier Scheiben Meerrettichkäse auf die Brüste legen. Dann schaue ich kurz vorbei und reiße meine Beute wie ein Kojote, bis ich Durst bekomme, weil der Meerrettich so scharf ist. Ist der Rausch abgeklungen, werde ich stutzig und denke: »Das Weib mästet mich noch zu Tode!«

»Ab sofort werden gar keine Nahrungsmittel mehr gekauft!«, entschied ich streng und erkannte am skeptischen Gesichtsausdruck meines Rippchens, dass sie mehr Informationen benötigte.

»Wie? Gar nichts?«

»Null.«

»Warum?«

»Ich bin zu fett.«

»Warst du schon immer.«

»Ja, aber jetzt will ich nicht mehr.«

»Das hältst du doch gar nicht durch.«

»Du unterschätzt mich.«

»Und was ist mit mir? Muss ich etwa auch hungern?«

»Du kannst draußen auf der Treppe essen, wenn es unbedingt sein muss. Lieber wäre mir aber, du würdest mich unterstützen.«

»Ich kenne dich doch. Heute Abend schnauzt du mich wieder an, weil nichts zu Essen im Haus ist.«

»Genau.«

»Wie soll ich dich denn da unterstützen?«

»Das hat etwas mit Willenskraft zu tun, Schnuckie! Man muss schon wollen, sonst erreicht man nichts im Leben.«

Ich bin das Dicksein so satt! Ich überlege schon, meine Memoiren zu schreiben, mit dem Titel »In 80 Tagen um den Meyn«. Gestern ging mir beim Doppelklick auf die Maus die Puste aus. Dreimal hätte ich nicht geschafft. Längst habe ich die Fernbedienung des Fernsehers feierlich meinem Rippchen überreicht; zappen ist zu schweißtreibend. Eine strenge Nulldiät ist hier die einzig vernünftige Lösung. In zwei bis drei Monaten dürfte ich wieder in Topform sein. Wenn das Rippchen mitspielt. Sie liegt bereits im Bett. Und ich rieche Meerrettich ...

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Foto: Michael Meyn

Michael Meyn

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