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16.05.07

Michael Meyn

Lasterhafter Zeitvertreib

In Las Vegas zu wohnen und zudem noch dem Glücksspiel verfallen zu sein, nein, das verträgt sich nicht. Unzählige Menschen haben hier schon Haus und Hof verloren und sind anschließend, des Lebens müde, von einer hohen Immobilie gehüpft.

Doch wer nun glaubt, man müsse sich einfach nur von den Kasinos fernhalten, um nicht in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten, der irrt. Den Spielautomaten kann man nicht entkommen. An Tankstellen werfen Leute nahezu reflexartig ihr Wechselgeld in die Automaten, in Supermärkten verspielen kettenrauchende Mütter das Haushaltsgeld, und in jeder Kneipe sind die Spielautomaten so geschickt in die Theke eingelassen, dass man bequem sein Bier darauf stellen und gleichzeitig zocken kann.

Als Christen halten mein Rippchen und ich selbstverständlich überhaupt nichts von der Glücksspielerei. Besonders wenn wir mal wieder eine höhere Summe verloren haben, ärgert uns das tierisch. Ganz so locker haben wir das Geld nämlich auch nicht sitzen. Darum versuchen wir unsere Spielsucht auf gelegentliche Bingoabende zu reduzieren. Es ist erschwinglich, weil der Schaden in der Geldbörse bereits vor Spielbeginn festgelegt wird und es macht auch noch Spaß. Zudem stehen die Chancen auf einen kleinen Gewinn gar nicht mal so schlecht, wenn man bedenkt, dass pro Runde auf jeden Fall mindestens einer der Teilnehmer gewinnen wird. Diese Garantie hat man an einem Spielautomaten nicht. Und um unsere Gewinnchancen zu erhöhen, ziehen wir meistens nachts los, da die Bingohallen zu später Stunde nicht allzu überlaufen sind.

Leute, die sich über Bingo lustig machen, haben keine Ahnung. Bingo ist ein knallharter Sport! Man braucht flinke Beine zur Sicherung eines Tischs mit guter Sicht und Aschenbecher; übermenschliche Reflexe, denn die Getränke gibt's kostenlos und die Kellnerinnen sind so unglaublich schnell, dass sie schon längst an einem vorbeigerauscht sind, ehe man auch nur die Hand zur Bestellung gehoben hat; Toleranz für seltene Nachtschattengewächse oder zumindest Übung im Umgang mit ihnen; und ganz besonders wichtig: Nerven wie Stahlseile.

Letzte Nacht waren wir wieder unterwegs. Als wir die Bingohalle betraten, ging ich sofort zur Aufgabenverteilung über: »Siehst du den Tisch da hinten, neben der Frau, die Dehnungsübungen macht? Renn! Ich besorge uns Karten. Ach, und bestelle mir zwei Jack Daniel's mit Eis.«

»Roger!«. Mein Rippchen sauste los.

Ich reihte mich in die Warteschlange an der Kasse ein und beobachte mein Rippchen dabei, wie sie sich zu einem der letzten freien Rauchertische vorkämpfte. Zunächst hatte sie leichte Schwierigkeiten, doch mit ihren Ellenbogen schlug sie erfolgreich eine Schneise durch eine Gruppe wild schnatternder Senioren. Am Ziel angekommen, grinste sie zu mir herüber und hielt einen Daumen hoch. Verliebt malte ich mit beiden Zeigefingern ein Herz in die Luft.

Kurze Zeit später setzte ich mich mit einem Stapel Bingokarten zu meinem Rippchen an den Tisch. Getränke hatte sie uns auch schon besorgt. Zufrieden gab ich ihr einen Kuss auf die Wange.

»Gut gemacht, Schnuckie. Was trinkst du da? Orangensaft?«

»Mh-hm ... mit Wodka.«

»Wodka?!«

»Lass mich doch auch mal etwas trinken!«

»Und wer soll uns später nach Hause fahren?«

»Wir gewinnen heute genug Geld für ein Taxi. Ich hab's im Gefühl!«

Sie ließ sich vom Stuhl fallen und ging nahtlos in Liegestütze über. Auch ich begann mein Aufwärmtraining: Ex und hopp! Der erste Jack war weg.

Es ging los. Eine weibliche Stimme kündigte über Lautsprecher die erste Runde an. Prompt wurde es ganz still. Runde Eins: Einfacher Bingo. Eine komplette Zahlenreihe, waagerecht, senkrecht oder diagonal. Nervös wippte ich mit den Beinen. Ex und hopp! Der zweite Jack war weg. Ich brauchte Nachschub. Wo war die Kellnerin?

Bereits nach fünf gezogenen Zahlen rief ein Mann: »Bingo!« Sämtliche Köpfe drehten sich vorwurfsvoll stöhnend in seine Richtung. Er trug Frauenkleider, doch das konnte man nicht als Entschuldigung gelten lassen.

»Wie kann man so schnell einen Bingo haben?« wollte mein Rippchen wissen. »Das nimmt ja die ganze Spannung aus dem Spiel.« Empört schlürfte sie ihren Wodka.

»Streng dich an, Schnuckie. Sonst müssen wir nach Hause laufen.«

Zweite Runde: Double Bingo. Zwei komplette Zahlenreihen, waagerecht, senkrecht oder diagonal. Die zweite Runde wurde auf der Bingokarte aus der ersten Runde gespielt. Somit war der Mann in Frauenkleidern klar im Vorteil. Und weit und breit noch immer keine Kellnerin.

Weitere Zahlen wurden gezogen, und es dauerte nicht lange, da fehlten mir nur noch drei Zahlen zum Bingo ... nur noch zwei ... nur noch eine. Ich war so aufgeregt. Mit zusammengezogenen Augenbrauen versuchte ich die Lautsprecherstimme zu hypnotisieren. Siebenundzwanzig, Bingo-Mutti, ganz gleich welche Zahl du als Nächstes ziehst, du hauchst jetzt »siebenundzwanzig« durchs Mikrofon! Gott, wo blieb die Kellnerin?! Bingo-Muttie hauchte: »And the next number is: Twenty ... ssssssss ... ssssssssssix!«

Jemand schrie so laut »Bingo!«, dass ich heftig erschrak. Der Schrei kam von einer Dame, die uns gegenüber saß.

»Endlich mal wieder gewonnen!« Ihre Freude drückte sie in deutscher Sprache aus. Unter ihrer doof aussehenden Schirmmütze blinzelte sie uns zu. Unsere Nationalität war somit also aufgeflogen.

»Kacke«, flüsterte mir mein Rippchen ins behaarte Ohr. »Jetzt können wir noch nichtmal mehr auf Deutsch fluchen. Die versteht uns!«

»Ist mir wurscht. Ich bin eh ganz gelassen.«

Eine Stimme hinter mir quiekte »Cocktails!« und ich spürte einen leichten Luftzug im Nacken. Als ich mich umdrehte, war die Kellnerin bereits am anderen Ende des Saals.

Ich rief ihr hinterher: »Hinterfotzige Kellnersau!«

Frau Schirmmütze gab mir recht. »Ja, der Service ist hier ganz schlecht.«. Dann erschien Bingo-Mutties Bingo-Tochter im schneidigen Bingo-Outfit und überreichte unserer Landsmännin den Gewinn von satten einhundert Dollar.

»Darf ich fragen, wo Sie herkommen?«

»Mülheim, anner Ruhr.«. Wenn mein Rippchen zuviel getrunken hat, wird ihr nicht nur die Zunge schwer, sie verfällt auch in ein ganz hässliches Ruhrpottdeutsch. Ich übrigens auch, doch glücklicherweise schreibe ich fast ausschließlich im nüchternen Zustand.

»Ah, und Sie?«

»Las Vegas. I'm an American. Always been, always be.« Ich konnte schon immer sehr trotzig sein.

»BINGO!!!«

Der Dschungelruf war erneut von dem Mann in Frauenkleidern ausgestoßen worden. Wir hatten die dritte Runde verpasst. »Merde!« brüllte ich so laut ich konnte, in der Hoffnung, nicht von Franzosen umgeben zu sein. Befriedigt nahm ich zur Kenntnis, wie ihm sein Tischnachbar wütend mit einer Hand durchs Gesicht ging und das Make-up verschmierte.

»Cocktails!«

Diesmal erwischte ich die Kellnerin gerade noch am Pferdeschwanz. »Five Jack Daniel's, please. On the rocks.«

»And I'd like twooo mo' vodka wis or'nge shoes«, lallte mein Rippchen


30 Minuten später

Besoffen Bingo zu spielen, ist keine angenehme Sache. Man kriegt wenig mit, die Zahlen auf den Karten erscheinen einem eher ausländisch, und ständig hat man das Gefühl, sich übergeben zu müssen.

Ich spreche jetzt nicht von mir. Ich kann schon eine Menge verpacken. Hingegen ging es meinem Rippchen gar nicht so gut. Dreieinhalb Wodka mit Orangensaft und insgesamt zehn erfolglose Bingorunden hatten ihren Biorhythmus stark gestört: »Boh, ist mir schlecht!«

»Reiß dich zusammen, Schnuckie. Wir müssen gewinnen!«

»Ok, ich bin breit ... bereit. Ich bin beireit. Bereit! Bin ich.«

Gesucht wurde der Buchstabe »X«, also zwei diagonale Zahlenreihen auf der Karte. Meinem Rippchen war das zu hoch: »Wie, jetzt werden Buchstaben gezogen?«

In solchen Momenten schaue ich sie einfach nur entgeistert an. Jedes Wort würde sie nur noch mehr verwirren. Und mich auch.

»Ach so, ich hab's. Wir bilden einen Buchstaben aus Zahlen. Das ist aber interessant!«

Frau Schirmmütze nickte ihr zu. »Meine Lieblingsrunde.«

»Oh, you speak German?«

Nach etwa zwanzig gezogenen Zahlen blickte ich skeptisch auf meine Karten. Nirgendwo war auch nur im Ansatz ein »X« zu erkennen. Ich hatte ein »I« und auch noch ein »P«, welches sich, sollten die Zahlen 54 und 70 gezogen werden, zu einem »R« ausbauen ließe. Den Gewinn über 300 Dollar gab es aber nur für ein »X«. Bei meinem Rippchen sah das jedoch schon ganz anders aus. Zwar beklagte sie sich darüber, lediglich ein »Y« zustande zu bringen, aber nachdem ich ihr erklärte, dass ihr nur zwei Zahlen fehlten, um daraus ein »X« zu machen, wurde sie nervös.

»Wooohooo! Gimme 50 and gimme 69. Gimme, gimme, gimme!«

»Nicht so laut, Schnuckie.«

»Sorry, Schatz.«

»Next number: Sixty ... nnnnnnnnnine.«

Meinem Rippchen brach der Schweiß aus. »Nur noch eine Nummer, Schatz. Oh mein Gott, lass uns beten!«

»Bingo!« krakeelte der Mann in Frauenkleidern, und gleich hinterher: »Just kidding!«

Wir senkten unsere Köpfe für ein SOS-Gebet. Lieber Gott, schenke uns die Nummer 50!

»Next number: Fffffffffffffifty.«

Jubelnd sprang mein Rippchen auf: »X! I got it!« Übrigens auf Deutsch, also »Icks!« Sie warf die Arme in die Höhe und ließ ihre Hüften kreisen. »I got an Icks! I got an Icks!« Dann zeigte sie unhöflich mit dem nackten Zeigefinger auf Frau Schirmmütze. »And you got nix! And you got nix!«

Die Lautsprecherstimme blieb unbeeindruckt: »Next number: Twenty ... threeeeeeeee.« Fast der gesamte Saal rief einstimmig »Bingo!«. Verdutzt schaute mein Rippchen auf den Lautsprecher an der Wand.

»Hey, Bingo-Bitch, I got an Icks! Stop calling out numbers!«

»Might wanna yell ›Bingo‹ next time, stupid tourist!«. Der Vorschlag kam von irgendwo aus den Tiefen das Saals. Vielleicht auch von der Lautsprecherstimme selbst. Schmollend setzte sich die besoffene Frau, die ich einmal in einem Anflug von naivem Optimismus geheiratet hatte, auf ihren Platz. »Wat 'ne Scheiße! Und jetzt?«. Zärtlich streichelte ich ihre Hand. »Jetzt setze ich mich an einen anderen Tisch und du lässt dir deinen Gewinn auszahlen.«

»Du bleibst schön hier! Was meinst du, wieviel wir gewonnen haben?«

»Hättest du ›Bingo‹ anstatt ›Icks‹ gerufen, wären es 300 Dollar gewesen. Nun müssen wir uns den Gewinn teilen.«

Bingo-Mutties Bingo-Tochter eilte herbei und warf uns 76 Cents auf den Tisch. »Congratulations!«

»Reicht das für ein Taxi?«

Die letzte Runde begann. Es war die Runde, auf die alle Teilnehmer gewartet hatten. Jetzt konnte man richtig absahnen. Für den Cover-all (sämtliche Zahlen auf einer Karte müssen gezogen werden) gab es 1000 Dollar zu gewinnen.

»Hui, das könnten wir schon ganz gut gebrauchen. Nich wahr, Schatz?«

»Viel Glück!«, kam es gönnerhaft von Frau Schirmmütze.

»Hi. How are you?«

Beim Cover-all ist es wichtig, einen guten Start zu erwischen. Wer von den ersten zehn gezogenen Zahlen nicht mindestens acht oder neun auf seiner Karte findet, kann eigentlich schon aufgeben. Ich hatte einen guten Start erwischt; fast jede Zahl, die von der Lautsprecherstimme angekündigt wurde, war auf meinen Karten zu finden. Angeberisch nickend schaute ich zu meinem Rippchen. Ihr war der Alkohol auf die Augen geschlagen. Mit ihrem Stift markierte sie ihr wichtig erscheinende Stellen auf dem Tisch. Ihre Karten traf sie nur selten. Von ihr war heute nichts mehr zu erwarten.

Die Spannung stieg ins Unermessliche, als mich nur noch fünf Zahlen vom Cover-all und somit von einem ganzen Batzen Geld trennten. Etwa zwei Minuten ließ ich mich zu gedanklichen Träumereien hinreissen, in denen ich meinen Gewinn in ein modernes Laptop anlegte, bis mir Frau Schirmmütze im perfekten Englisch »Bingo!« ins Gesicht jodelte. Die Welt war so ungerecht!

Schon bald erschien wieder die Bingo-Tochter und legte eine ansehnliche Zahl Geldscheine in die ausgestreckte Hand der Gewinnerin. Wie in Las Vegas üblich, wartete die Geldbotin nun auf ein hübsches Trinkgeld.

»Forget it, she's German«, bemerkte mein Rippchen im verächtlichen Unterton. Auch ich hatte miese Laune. »Ich will nach Hause!«

Unsere negativen Schwingungen ignorierend, wandte sich Frau Schirmmütze an uns: »Dürfte ich Sie um einen großen Gefallen bitten? Würde es Ihnen etwas ausmachen, mich zum Parkhaus zu begleiten? Mit soviel Bargeld bin ich nicht so gern allein unterwegs.«

Dazu hatte ich nun wahrlich keine Lust. Ich schüttelte bereits widerwillig den Kopf, doch mein Rippchen machte einen sinvollen Vorschlag: »Lass uns mitgehen. Vielleicht fährt sie uns nach Hause, dann hätten wir das Geld für ein Taxi gespart.«

»Wir haben kein Geld für ein Taxi.«

»Eben.«

Wir erreichten das Parkhaus, während Frau Schirmmütze ununterbrochen schwatzte. Sie erzählte uns Geschichten aus den achtziger Jahren, als dies alles hier (also das Parkhaus, in dem wir standen) noch Wüste gewesen war und es vor Schlangen und Skorpionen nur so wimmelte. Wir hofften jeden Moment auf ihr Angebot, uns heimzufahren.

»Na, also vielen Dank nochmal für die Begleitung! Da fühlt man sich ja doch etwas sicherer. Las Vegas ist nicht mehr das, was es früher war. Zuviel Verbrechen. Für ein paar Dollar wird hier gemordet. Und die Polizei ist machtl-«

Mein Rippchen setzte zu einem gezielten Handkantenschlag an und brach ihr das Genick. Keuchend zerrte sie den leblosen Körper an den Füßen hinter einen schmucken SUV. Dann torkelte sie, mit einem Bündel Geldscheine winkend, an mir vorbei.

»Komm, Schatz. Lass uns zum Taxistand gehen.«

Diese Kolumne finden Sie auch in Michael Meyns 2007 erschienenem Buch »Vegas, Schnuckie!«.

Seit Mitte 2011 ist »Vegas, Schnuckie!« endlich auch zum Beispiel bei buecher.de als Ebook erhältlich!



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