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17.10.07

Michael Meyn

Auf gute Freunde ist Verlass

Falls sich jemand gewundert hat, warum es von mir in der letzten Zeit nichts zu lesen gab, hier ist der Grund: Urlaub. Urlaub auf Hawaii! Auf Muttis Kosten von Insel zu Insel hüpfen und in den besten Hotels übernachten. An schneeweißen Stränden Sonne und Aussicht genießen und sich von süßen Aloha-Miezen mit frischen Ananasscheiben füttern lassen. Herrlich! Kann es etwas Schöneres geben? Ja. Noch schöner wäre es gewesen, wenn ich auf diesen Trip gegangen wäre und nicht mein Freund und Arbeitskollege Mike.

Wenn Mike Urlaub macht, und das erlaubt er sich mehrmals im Jahr, bricht in der Firma das Chaos aus. Als Produktionsleiter schmeißt er quasi den Laden. Er ist der Einzige mit Überblick, nichts funktioniert ohne ihn. Während seiner Abwesenheit muss ich in seine Rolle schlüpfen, was mir überhaupt nicht liegt. Im Grunde kann ich das Arbeitspensum nur mit Doppelschichten bewältigen, inklusive Wochenenden.

Als hätte ich nicht schon genug am Hals, hat Mike mich auch noch gebeten, nach seinen Katzen zu schauen. Obwohl weiblich, wurden sie von ihm mit einem männlichen Namen versehen: Mike. Ein Rätsel, hinter dessen Lösung ich nie gekommen bin. Um sie besser auseinanderhalten zu können, nennt er sie Black Mike und White Mike. Auch hier steckt Verwirrung drin, denn White Mike ist dunkelgrau. Unter Freunden hilft man sich, und ich versprach, mich um die Viecher zu kümmern.

Es mag an der frischen Seeluft liegen, dass Mike sich einbildet, er würde mir einen Gefallen tun, indem er mich mit Fotos an seinem Urlaub teilhaben lässt. Unter der Überschrift »Photo of the Day« versendet er täglich Schnappschüsse seiner Rundreise mit seinem neuen iPhone. Mal sieht man ihn auf einem Vulkan stehen, einen Dschungel durchwandern oder mit einem exotischen Cocktail bewaffnet in die Kamera grinsen. Stolz fotografierte er sogar Mama Keyko, wie sie sich selbst das Spielen auf einer Ukulele beibrachte. »Isn't my mom amazing?«, stand unter dem Bild. Whatever, Muttersöhnchen!

Bislang habe ich seine Mails einfach ignoriert, doch als ich gestern ein Foto von einem reich gedeckten Tisch mit Bergen von Shrimps und Mikes hochgehaltenen Daumen in meiner Mailbox vorfand, konnte ich mich nicht mehr beherrschen. Grimmig setzte ich mich an meinen PC und verfasste folgende Email:


Lieber Mike,

wahrscheinlich liegst Du gerade im Bett und lauschst entspannt Mama Keykos Gezupfe auf der Ukulele, während durch die offene Balkontür das Geräusch sanften Wellenschlagens dringt. Du bist wirklich zu beneiden, doch der Urlaub sei Dir gegönnt. Vielen Dank auch für die schönen Fotos! Hawaii scheint das reinste Paradies zu sein.

Ich wollte mich nur kurz bei Dir melden, um Dir zu versichern, dass hier alles in Ordnung ist. Bei den Katzen schaue ich jeden Tag vorbei. Es geht ihnen gut. White Mike sieht man nicht allzu oft. Eigentlich nie. Ein Nachbar erzählte mir kürzlich, er hätte sie früh morgens draußen auf einer Palme hocken gesehen. Sie muss mir wohl entwischt sein, als ich das alte Katzenstreu zum Müllcontainer gebracht hatte und dann direkt nach Hause gefahren war, ohne die Haustür zu schließen. Manchmal bin ich schon etwas vergesslich, weißt Du. Naja, sie wird sich schon melden, wenn sie Hunger bekommt. Aber wo sind denn all Deine Elektrogeräte? Hast Du die beiden Fernseher und die Stereoanlage verkauft? Selbst die Mikrowelle ist verschwunden. Magst es wohl eher spartanisch, was?

Black Mike ist sehr anhänglich. Sie dreht unaufhörlich Kreise um meine Beine. Ich muss höllisch aufpassen, sie nicht zu treten. Black Mike ist übrigens auch der Grund, warum ich auf Deine beachtliche Sammlung von Sex Toys in der verschlossenen Schublade gestoßen bin. Das war so: Ich bin über die Katze gestolpert und dabei versehentlich mit einer aufgebogenen Büroklammer in das Schloss der Schublade geraten, welche sich dann auf wundersame Weise öffnete. Ohne auf den Inhalt näher eingehen zu wollen, ich war erstaunt. Doch keine Bange, über Deine geheimen Hobbys werde ich schweigen. Ich schreibe dies auch nur, damit Du Dich nicht über die unverschlossene Schublade wunderst. Und den »Ass-Master« bekommst Du zurück, sobald mein Rippchen und ich ihn ausgiebig erforscht haben.

Ich konnte nicht umhin, mich über den leckeren Sirup in Deinem Kühlschrank herzumachen. Wirklich köstlich! Es ist jetzt schon fast Tradition; immer wenn ich bei Dir bin, mache ich mir schnell ein Sirup-Sandwich. Leider habe ich den Küchenboden mit dem klebrigen Rübensaft versaut. Black Mike kam angelaufen, ehe ich die Sauerei aufwischen konnte und klebte mit den Pfoten am Linoleum fest. Selbst mit einem Spachtel konnte ich sie nicht befreien. Ich musste den Boden um sie herum ausschneiden. Also bitte aufpassen, wenn Du die Küche betrittst, sonst landest Du eine Etage tiefer. Vielleicht löst sich der Sirup ja im Lauf der Jahre. Man könnte auch eine kontrollierte Sprengung vornehmen. Mal schauen, wie ich da vorgehe. Vorerst habe ich das arme Tier mitsamt Bodenstück vor den Fressnapf gestellt, damit es nicht verhungert.

Noch was: Du hattest mich doch gebeten, Deinen Gehaltsscheck auf Dein Konto einzuzahlen. Ich dachte auch, dass ich das getan hatte. Dem war aber nicht so. Irgendwie landete das Geld auf meinem Konto. Dein Vermieter hat sofort mit einer Räumungsklage gedroht, weil die Miete bei ihm nicht eingangen war. Letzte Woche hing eine Nachricht von ihm an der Tür, und heute war die Tür versiegelt, so dass ich mich nicht um die Katzen kümmern konnte. Ich glaube, der Termin für die Räumung ist morgen. Vielleicht solltest Du mal beim Vermieter anrufen. Die Angelegenheit lässt sich bestimmt friedlich klären. Deinen Lohn zahle ich in kleinen Monatsraten ab. Du kannst Dich auf mich verlassen!

Ich bin froh, wenn Du wieder arbeiten kommst. Zwar habe ich alles im Griff, doch es ist schon recht anstrengend. Du kommst mit Stress besser klar als ich. Unser Boss hat mich heute gelobt. Ich würde Dich gut ersetzen, hat er gemeint, und ich witzelte, dass wir eigentlich auch auf Dich verzichten könnten. Zunächst lachte er, doch dann hatte er wieder diesen Blick drauf. Du kennst ihn; er schaut immer so drein, wenn ihm eine gute Idee zu praktischen Einsparungen kommt.

Nun habe ich irgendwie Deine Emailadresse verbummelt. Nicht schlimm. Ich poste diese Mail einfach auf meiner Website. Ich weiß ja, dass Du dort oft reinschaust. Mach Dir noch ein paar schöne Tage, Mikey! Bald ist der Urlaub vorbei und dann geht der Arbeitsstress wieder los. Ich hoffe, dass Du gut erholt nach Hause kommst.

Bis bald und viele liebe Grüße an Mama Keyko!

Micha


Nach Beendigung der Mail erinnerte ich mein Rippchen daran, zu Mikes Wohnung zu fahren und die Katzen zu füttern. Sie macht das brav jeden Tag, weil ich keine Lust habe. Ich hasse Katzen.

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Foto: Michael Meyn

Michael Meyn

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