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20.07.07

Michael Meyn

iPhone

»Ich muss dir was zeigen!«, rief Freund Mike ungewohnt erregt ins Telefon.
»Ok, komm vorbei«, schlug ich vor.
»Bin schon da. Mach die Tür auf!«

Ich öffnete die Haustür und wurde sogleich zu Boden geschleudert. Mike drückte mir einen schwarzen Gegenstand ins Gesicht. »iPhone, baby!« Flink wie ein Wiesel schnappte ich mir das Gerät und schloss mich im Badezimmer ein. Hui, in meinen Händen hielt ich das sagenumwobene iPhone. Schön sah es aus. Sehr elegant. 500 Dollar muss man dafür latzen. Ich tippte auf dem Display herum, so wie ich es in der Werbung gesehen hatte. Es tat sich nichts.

»Komm raus, Micha! Das ist mein iPhone!«
»Verschwinde! Sonst rufe ich die Polizei.«
»Scheiß deutscher Bastard!«
»Immer schön die Schnauze halten, du japanische Franzosen-Ami-Schwuchtel! Sag mir lieber, wie man das Ding anschaltet.«
»Es würde dir nichts nützen, weil ich es mit einem Kennwort versehen habe. Komm raus!«

Geschlagen trat ich raus in den Flur, wo Mike mich mit erhobenen Fäusten empfing. »Hier hast du's zurück. Aber du musst mir alles zeigen, ok?« Mike grinste breit. »Logisch! Ich sage dir: Star Trek ist Realität geworden. Ich komme mir vor wie Seven of Nine!«

Im Wohnzimmer setzten wir uns im Schneidersitz auf den Boden und blickten voller Bewunderung auf die größte technische Errungenschaft der letzten 20 Jahre.

»Was ist das?«, wollte mein Rippchen wissen. Doof ist sie nicht. Nur selten auf dem neusten Stand.
»iPhone, Schnuckie. iPhone!«
»Das ist aber groß. Viel zu groß für meinen Geschmack.«
»Pssst! Bitte jetzt nicht reden.«

Mike schaltete das Superhandy ein. Die Demonstration konnte beginnen. »Fangen wir ganz simpel an. Das Touch-Screen macht die sonst üblichen Knöpfe überflüssig, bis auf diesen einen hier. Wenn du da drauf drückst, gelangst du sofort ins Hauptmenü. Von dort aus kannst du alles mit einfachen Fingerberührungen kontrollieren. So macht man zum Beispiel Fotos.« Fachmännisch fing er meinen eingewachsenen Zehnagel ein.
»Wow, tolle Auflösung!«
»Yup.« Mike nickte. »Besser als so manche Digi-Cam.«
»Zeig mal her!« Mein Rippchen griff interessiert nach dem iPhone, motzte aber sogleich wieder los: »Viel zu schwer!«
Mike riss ihr irritiert seinen Schatz aus der Hand. »Siehst du, hier ist meine Telefonliste. Ich kann sogar jedem Namen ein Foto beifügen.« Er machte ein paar Bewegungen mit dem Zeigefinger und – schwupps – war der eingewachsene Fußnagel neben meiner Telefonnummer zu sehen.
»Fantastisch!«, rief ich berauscht.
»Doch jetzt kommt der Hammer.« Mit einem feierlichen Gesichtsausdruck berührte Mike das Youtube-Symbol. Binnen Sekunden war er mit der Website verbunden, auf der er ein hübsches Musikvideo auswählte. Dann drehte er das Handy auf die Seite. Das Musikvideo machte die Drehung mit und nutzte plötzlich die gesamte Breite des Displays.
»Ziemlich üble Soundqualität«, urteilte das Rippchen. »Oder liegt's am Lied?«
»Ich kann mir Filme runterladen, wenn ich will, und ich habe immer eine direkte Verbindung zu iTunes. Es gibt sogar eine Version von Google Maps. Schau mal!« Er gab den Namen meiner Heimatstadt ein, worauf sich uns ein Satelitenfoto von Oberhausen präsentierte. Dabei führte er Daumen und Zeigefinger auf dem kleinen Bildschirm zusammen. »So gehst du näher ran.« Dann bewegte er die beiden Finger voneinander weg. »Und so zoomst du wieder raus.«
»Unglaublich! Kaufst du mir auch eins, Mikey?«, fragte ich neidisch.
»Hihi. Nein.«

»Schwarz wirkt irgendwie zu dunkel. Gibt's das Teil auch in anderen Farben?«

Wir knebelten mein Rippchen und fesselten sie an einen Stuhl auf dem Balkon. »Und unseren Hochzeitstag kannst du dir dieses Jahr von der Backe streichen!«, schrie ich ihr noch durch die geschlossene Balkontür hinterher. Die nächsten zwei Stunden verbrachten wir mit Surfen im Internet. Wir schauten uns versaute Filme an, verschickten E-Mails mit dem Foto meines Zehnagels an Leute, die wir nicht leiden konnten und suchten einen passenden Klingelton aus. Science-Fiction Style, versteht sich. Mike freute sich wie ein kleines Kind:

»Hey, Micha, sollen wir jetzt Star Trek spielen?«
»Ja, bitte!«



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Michael Meyn

Geboren wurde er irgendwo in Oberhausen, und zwar am 11.11.1968. Berichten seiner Mutter zufolge begann Michael im zarten Alter von drei Jahren, die Tapeten seines Kinderzimmers mit Fäkalien zu [..]

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