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22.08.06

Michael Meyn

Von der hohen Kunst der Faulheit

Ich will wirklich nicht andauernd aus meinem Privatleben erzählen. Ehrlich nicht. ... Naja, vielleicht doch. Manchmal kann ich halt nicht anders.

Nun ist es so, dass mein Rippchen zur Zeit verreist ist. Am Tag vor ihrem Abflug kochte sie für mich Nudeln zum Abendessen. Die esse ich sehr gern, und immer bleibt noch ein großzügiger Rest übrig, den ich dann am nächsten Tag mit zur Arbeit nehme. Auch an jenem Tag des Abschieds hätte ich die Nudeln mit zur Arbeit genommen, jedoch beging mein Rippchen am Abend zuvor einen taktisch unklugen Fehler: Die Umverteilung der Nudeln vom Kochtopf in die Tupperdose fand nicht statt!

Ich kann ihr keinen Vorwurf machen. Sie war sehr gestresst, hatte sogar ziemlich große Angst vor dem langen Flug. Das wird wohl der Grund gewesen sein, warum mein Lunch nicht griffbereit in einer Plastiktüte am Türknauf hing. Ich erinnere mich noch, wie ich dachte: »So'n Mist! Da sind die köstlichsten Nudeln im Kühlschrank und ich werde den ganzen Tag hungern müssen.«

Freilich, ich bin faul. Würde ich niemals abstreiten. Ich habe schon beim Popeln auf halbem Weg den Arm wieder gesenkt, weil der Aufwand es mir nicht wert war. Übrigens brachte ich auf dieser Seite in Erfahrung, dass faule Menschen in Kombination mit hoher Intelligenz sehr wertvolle Arbeiter sind. Dieses Prädikat habe ich mir jedoch mit einem früheren Beitrag verbockt. Das kauft mir keiner mehr ab.

Meine Arbeitskollegen fragen mich jeden Tag »Do you miss your honey?« und meine Antwort ist immer die gleiche: »Yes, I'm so hungry!« Seit mein Rippchen mich »verlassen« hat, habe ich sechs Pfund abgenommen. Ich esse eigentlich nur das, was direkt vor mir steht. Mir fehlt nicht nur die Begabung zum Kochen, sondern auch ganz besonders der Elan, bestimmte Impulse in eine Handlung umzusetzen. Klar, ich könnte mir eine Pizza in den Ofen schieben. Die muss aber erstmal gekauft und der Ofen vorgeheizt werden, dann muss man ständig auf die Zeit achten, man muss diese Handschuhe finden, mit denen man das Backblech anfassen kann, und ein Teller und Besteck müssen herangeschafft (notfalls sogar gespült!) werden. Zuviel Action für meinen Geschmack. -

Bei einem Zeitunterschied von neun Stunden zwischen Deutschland und Las Vegas ist es nicht immer einfach, einen passenden Termin für ein Telefongespräch zu finden. Tapfer steht mein Rippchen jeden Morgen um 5 Uhr auf, damit sie mich noch erreicht, ehe ich ins Bett gehe. Aber nicht etwa, weil sie sich nach meinem Wohlbefinden erkundigen will oder um mir heiße Liebesschwüre ins Ohr zu flüstern. Sie hat ein ganz anderes Anliegen: »Gammeln die Nudeln im Kühlschrank immer noch vor sich hin? Warum hast du die Nudeln noch nicht entsorgt?« Warum? Warum, Gott?

Die Antwort ist simpel: Ich fühle mich nicht danach. Aber das kann ich ihr natürlich so nicht sagen. Meine bislang beste Ausrede war ein kompletter Kreislaufkollaps, gleich nachdem ich die Wohnung betrat. Die ersten Zweifel kamen bei ihr auf, als ich erzählte, dass man bei uns eingebrochen und den Kühlschrank geklaut hatte. Sie verlangte daraufhin von mir, sofort die Polizei anzurufen, worauf ich ungeschickterweise entgegnete, dass dies nicht möglich sei, weil die Einbrecher das Telefon ebenfalls hatten mitgehen lassen. Seitdem sind unsere Gespräche eher angespannt.

So auch gestern:
»Hast du die Nudeln entsorgt?«
»Wer spricht da?«
»Hast du die Nudeln entsorgt?!«
»Nein. Noch nicht.«
»Warum nicht?«
»Bin ich nicht zu gekommen.«
»Na toll, das Zeug stinkt doch bestimmt schon.«
»Gut möglich.«
»Wann machst du das denn endlich mal?«
»Ich hab's mir für dieses Wochenende fest vorgenommen. Samstag oder Sonntag werde ich es tun. Direkt nach dem Aufräumen und Staubsaugen.«
»Machst du dich über mich lustig?«
»Wenn nicht ich, wer sonst?«
»Wie sieht der Rest der Wohnung aus?«
»Weiß nicht. Bin noch nicht allzu weit vorgedrungen.«
»Hast du die Pflanzen auf dem Balkon gegossen?«
»Brauchte ich nicht. Hier hat's zwei Tage lang geregnet.«
»Unser Balkon ist überdacht!«
»Das sagst du mir jetzt erst?«
»Und unser Wohnzimmer übrigens auch! Uns werden die Palmen eingehen, wenn du sie nicht gießt.«
»Seit wann brauchen Palmen Wasser? Ich dachte, sie seien die Kamele der Flora.«
»Egal, lass uns das Thema wechseln. Was machst du gerade?«
»Ich liege hier so rum.«
»Im Bett?«
»Ja. Wir haben das bequemste Bett der Welt!«
»Na, dann könntest du doch mal eben schnell die Nudeln entsorgen.«
»Haben wir wirklich Palmen im Wohnzimmer?«
»Schatz?«
»Ja, Schnuckie?«
»Bitte!«
»Aber wir unterhalten uns doch gerade so schön.«
»Nimm das Telefon mit. Wir können uns weiter unterhalten, während du die Nudeln entsorgst.«
»Du redest wie Greenpeace! Weißt du das eigentlich?«
»Kein Grund gleich die Kopfstimme einzusetzen, mein Lieber!«
»Ich versuche lediglich zu HAH HAH HAH HAH STAYING ALIVE!«
»Manchmal bist du echt blöd!«
»DON'T KNOW MUCH ABOUT HISTORY, DON'T KNOW MUCH BIOLOGY...«
»Ich glaube, du liebst mich nicht.«
»WORDS...DON'T COME EASY TO ME...HOW CAN I FIND A WAY...TO MAKE YOU SEE...I LOVE YOU...«
»Indem du die Nudeln entsorgst!«

Mir graut es schon vor heute Abend. Ich spiele mit dem Gedanken, den Stecker aus der Telefonbuchse zu ziehen, um so einen Stromausfall vorzutäuschen. Dann hätte ich bis nächste Woche Ruhe. Allerdings würde mir mein Rippchen in diesem Fall garantiert ein Telegramm zukommen lassen und mir auftragen, den gesamten Kühlschrank inklusive Eisfach leer zu räumen. Was für eine verdammte Zwickmühle!



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Michael Meyn

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