.


Zur Druckversion

24.05.10

Michael Meyn

Wanna be my Friend?

Christ zu sein hat diverse Vergünstigungen. Es plagt einen nicht ständig das schlechte Gewissen, wenn man mal nicht ganz korrekt gehandelt hat, da man weiß: Die Sünde hat Gott längst verziehen. Selbstverständlich soll dies nicht zur totalen Anarchie führen, wo jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Gott bewahre! Jedoch es ist sehr beruhigend, eine Vollkaskoversicherung für das Leben nach dem Tod zu haben. Dementsprechend entspannt langte ich nach Wulfgängs Gurgel und drückte erbarmungslos zu.

»Das war's für dich. Sag brav ›Auf Wiedersehen‹.«

»Stop it!«, röchelte sie. »This is highly illegal!«

Ich nickte mörderisch grinsend: »Richtig. Und trotzdem komme ich in den Himmel!«

»Please, I'll do anything you want! Just don't kill me!«

Wulfgäng hatte es mal wieder zu weit getrieben. In ihrer Gier war sie über meinen Snack hergefallen. Gut und gerne zwanzig Käsewürfel – edelster Gouda – hatte sie binnen weniger Sekunden verdrückt. Man konnte das verfluchte Tier einfach nicht aus den Augen lassen.

»Was fällt dir ein, meinen Käse zu fressen?«, schrie ich sie an.

»I thought it was dessert ...«

»Die gleiche Entschuldigung hast du damals auch gehabt, als du den kleinen Inder verschlungen hast.«

»He stood right next to my food. What was I supposed to think? Please, fat man, don't kill me!«

Mein Rippchen gesellte sich zu uns. »Oh, wie süß! Spielt ihr schön?«

Schnell ließ ich von Wulfgängs Gurgel ab, nahm sie mir zur Brust und streichelte übertrieben auffällig ihr flauschiges Fell im Bauchbereich. »Ja, Schnuckie. Ich bin sooo froh, dass wir eine Katze haben!«

»Ich auch, Schatz. Ich auch.«

Später stellte ich unser Haustier zur Rede:

»Warum hasst du mich?«

»I don't hate you. You just get on my nerves, that's all.«

»Ich habe dir nie etwas getan. Kannst du mir nicht einfach aus dem Weg gehen?«

»I could. But it's too much fun to drive you nuts.« Dann wechselte sie das Thema: »Hey, can you help me with my facebook page

»Nur unter einer Bedingung. Du lässt mich für den Rest des Abends in Ruhe.«

Wulfgäng erhob eine Pfote zum Schwur. »I promise!«

Ein Friedensabkommen mit Luzifer wäre wahrscheinlich ebenso sinnlos gewesen, aber ich wollte es auf einen Versuch ankommen lassen. Der Christ in mir drängte auf Annäherung. In meiner Schreiberecke schaltete ich den PC an, während Wulfgäng auf den Schreibtisch hopste und sich erwartungsvoll vor dem Monitor aufbaute. Kurz darauf loggte ich mich auf ihrer Seite bei Facebook ein und fragte: »Wo liegt das Problem?«

»So much confusion. Not sure what to do.«

»Zum Beispiel?«

»Who are all those people here on the side?«

»Das sind Freundschaftsvorschläge. Freunde deiner Freunde.«

»I see. So who is that woman right there?«

»Nina Hagen.«

»She looks cool. Let's make her a friend!«

»Lieber nicht. Das ist eine ganz verrückte Nudel.«

»Crazy noodle. LOL! How funny!«

»LOL sagt man nicht. LOL schreibt man.«

»What do you mean?«

»LOL ist Internetslang. Eine Abkürzung für ›laughing out loud‹.«

»Who cares? Let's get back to Nina Hagen. I like her. Please tell her that I wanna be her friend.«

»Na gut. Wenn du unbedingt willst ...«

Per Mausklick sendete ich eine Freundschaftsanfrage in Richtung Crazy Noodle. Sie würde eh nicht antworten, dachte ich mir. Wulfgäng studierte ihre Facebookseite; die Schnauze dicht am Monitor, wie ein kurzsichtiger Professor. Am oberen Rand hielt sie plötzlich inne.

»What's this?«

»In den Kasten schreibst du Botschaften an die Welt. Alle deine Freunde können es dann lesen.«

»Fabulous! Let's send a message right away!«

»Okay, was soll ich schreiben?«

Wulfgäng dachte kurz angestrengt nach. »I got it! Type this: ›Michael Meyn has a small penis.‹ LOL!«

»Soll ich dich wieder würgen?«

»Why? That's important stuff. People need to know!«

»Sowas gehoert sich nicht.«

»But it's true! I've seen your penis. Unfortunately ...«

Ich ignorierte ihren dämlichen Vorschlag und widmete mich meinem neuen Snack: Pommes mit Ketchup.

»Alright, how about this: ›I love chicken!‹«

»Das willst du schreiben?«

»Yes, please.«

»Genau aus diesem Grunde meide ich Facebook. Kein Mensch interessiert sich für solch einen Mist.«

»That's what you think. You have a boring life. But I have tons of things to talk about.«

»Meinetwegen ...« Folgsam schrieb ich »I love chicken!« in die Messagebox. »Nun wissen alle deine Freunde Bescheid.«

»Thanks. Do you think Nina Hagen will send me a chicken?«

»Es würde mich nicht wundern.«

»Because I'm special, right?«

»Ja, das bist du wirklich.«

»Thank you very much! You know, you're not so bad for a fat man.«

»Danke! Und du bist auch nicht so schlecht.«

Mit ihrem Kopf stupste sie mich an.

»Friends?«

»Freunde!«

Wulfgäng war begeistert: »Yay! You're my first friend with a small penis!«

Ehe ich protestieren konnte, tunkte sie ihre rechte Pfote in den Ketchup und machte eine kurze Notiz auf ein Stück Papier, welches sie mir mit ernster Miene zuschob. Neugierig schaute ich darauf. »LOL« stand da geschrieben. Wulfgängs Bauch bebte. Innerlich lachte sie sich kaputt.

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Michael Meyn.

Foto: Michael Meyn

Michael Meyn

Geboren wurde er irgendwo in Oberhausen, und zwar am 11.11.1968. Berichten seiner Mutter zufolge begann Michael im zarten Alter von drei Jahren, die Tapeten seines Kinderzimmers mit Fäkalien zu [..]

Ausgewählte Kolumnen von Michael Meyn

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Michael Meyn