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24.06.10

Michael Meyn

Mops on the Road (1) Karriereknick

Mir klingen noch immer die Worte meines Chefs in den Ohren: »We can't afford you anymore«. Dabei hatte er mich über seinen Schreibtisch hinweg sehr seltsam angesehen, und ich Idiot bildete mir in dem Moment noch ein, gleich käme ein breites Grinsen und der Ausruf: »Überraschung! Wir geben dir trotzdem eine Lohnerhöhung!« Zehn Minuten darauf befand ich mich auf dem Nachhauseweg. Arbeitslos.

Zwischen lang andauernden Panikattacken – heimlich in der Besenkammer – redete ich wiederholt beruhigend auf mich ein. Das ist nicht das Ende der Welt, Micha, Amerika ist selbst heute noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Daran kann auch ein Obama nichts ändern. Zumindest nicht so schnell. Selbst mein Rippchen machte einen weitaus weniger besorgten Eindruck, als man es von einer typisch deutschen Ehefrau erwartet hätte. In ihrer unvergänglichen Liebe und Verbundenheit fand sie immer wieder aufbauende Worte für mich.

»Du bist so fleißig, Schatz, sicher findest du bald einen neuen Job. Musst du auch! Wie sollen wir sonst die Miete zahlen?« Und flugs wieder zurück in die Besenkammer!

Es folgten Wochen der Lethargie. Offiziell machte ich Urlaub, den ich mir redlich verdient hatte. Fünf Jahre hatte ich ohne Urlaub malocht. Entspannung sollte mir darum gegönnt sein. Die meiste Zeit verbrachte ich auf der Couch und starrte auf den Fernseher. Oder ich saß an meinem PC und starrte auf den Monitor. Es passierte nichts, doch solange ich starren konnte, war das Leben fast erträglich. Wulfgäng merkte schnell, dass etwas mit mir nicht stimmte. Sie hatte auch sogleich einen guten Vorschlag parat:

»You know, you should talk to Humphrey.«

»Wer ist Humphrey?«, fragte ich, wollte es aber eigentlich gar nicht wissen.

»My psychoanalyst. He lives next door.«

Jeder andere Mensch hätte nun gefragt, wieso seine sprechende Katze einen Psychiater benötigte. Ich hingegen stieß sofort zur wichtigeren Frage vor:

»Aha, und was kostet dich bzw. mich der Spaß?«

»Nothing. Humphrey is a parrot. He doesn't need much. Sometimes we talk from window to window. Very nice guy.«

Wulfgäng hatte also regelmäßige Sitzungen mit einem Papagei. Gott, mir ging es so beschissen!

Meinem Rippchen wurde es irgendwann zu bunt:

»Es ist April. Geh duschen, du Penner! Deinem Bart wächst ja schon ein Bart.«

»Lass mich bitte noch ein paar Monate hier sitzen, Schnuckie«, bat ich sie.

»Du hast genug gesessen. Schau mal in den Spiegel. Du siehst aus wie ein Mops!«

Okay, ich hatte etwas zugenommen, was sich bereits bei leichten Tätigkeiten bemerkbar machte. Während einer minimalen Hüftbewegung hatte ich meinen Gürtel gesprengt, Urinieren verursachte Atemnot und meinen Ehering musste ich in Sicherheit bringen, weil er beängstigende Risse aufwies. Aber musste man mich deshalb gleich Mops nennen? Wulfgäng ging sogar noch einen Schritt weiter. Den Ausdruck ›fat man‹ benutzte sie überhaupt nicht mehr. Stattdessen redete sie in Bezug auf mich nur noch von ›it‹. Innerlich war ich gekränkt, äußerlich starrte ich nur.

»Keine Sorge. Ich bin in Topform.«

»Such dir endlich einen Job!«

»Das ist nicht so einfach, Schnuckie.«

»Schön, dann ist es eben nicht so einfach. Such dir trotzdem einen Job! Uns geht das Geld aus.«

»Oh, this is just great!«, motzte Wulfgäng. »How are we gonna survive? Nobody is gonna hire it. It's too fat!«

Schlapp schlurfte ich ins Schlafzimmer, wo ich mich auf den Bettrand setzte. Mein Rippchen folgte mir.

»Irgendwas muss hier passieren, Schatz. Du wirst immer unselbständiger.«

»Blödsinn!«, murmelte ich und hob die Arme, damit sie mir das Schlafanzugoberteil überziehen konnte. »Mir fehlt momentan nur die Energie. Aber ich verspreche dir, dass ich mich morgen nach Arbeit umsehen werde.«

Mein Versprechen schien ihre Stimmung zu mildern. Sanft drückte sie mich ins Bett und zog mir die Decke bis ans Kinn. Ein flüchtiger Kuss auf die Stirn, dann knipste sie das Licht aus und verschwand ins Wohnzimmer. Nun hätte ich richtig schön in die Dunkelheit starren können, wäre da nicht Wulfgäng gewesen.

»Honestly, talk to Humphrey!« Dabei schnurrte sie und leckte an meinem Ohr herum.

»Ich glaube nicht, dass mir ein Papagei helfen kann.«

»Of course he can! He will help you reflect on yourself. I talk to him every time I have a problem. Just last night I told him that I was very worried about global warming.«

»Ach ja? Und was hat er dir geantwortet, der schlaue Vogel?«

»What do you think, you idiot? He's a parrot. He repeated it!«

In jener Nacht schlief ich sehr unruhig. Ich träumte von einer wilden Autoverfolgungsjagd. Wulfgäng und ich bretterten in einem Kleinwagen den Las Vegas Boulevard entlang. Humphrey steuerte einen riesigen Truck und war uns dicht auf den Fersen. Unentwegt schrie er: »Schnuckie! Schnuckie! Schnuckie!« Während Wulfgäng restlos verängstigt nach dem Sicherheitsgurt tastete, beobachtete ich fasziniert im Rückspiegel, wie Humphrey sich durch den dichten Verkehr kämpfte. Sein Truck schob mühelos alles zur Seite, was sich ihm in den Weg stellte.

»Erika!«, rief ich am nächsten Morgen zur Verwunderung meines Rippchens und sprang aus dem Bett. Natürlich hatte ich Eureka! rufen wollen, doch war mir das Wort nicht schnell genug eingefallen. Geschwind begab ich mich an meinen PC. Zwei Stunden lang googelte ich mich durchs Internet, bis ich alle wichtigen Informationen zusammen hatte. Dann unterrichtete ich mein Rippchen von meinem Vorhaben:

»Schnuckie, ich will Trucker werden!«

– Fortsetzung folgt! –

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