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29.03.10

Michael Meyn

Wulfgäng und Facebook

Kürzlich las ich einen Artikel im Internet, in dem stand, dass Facebook inzwischen erfolgreicher als Google ist. Die Welt liebt »social networking«. Mich persönlich interessiert das eigentlich nicht, aber es fiel mir eben wieder ein, als Wulfgäng quengelte: »I wanna be on Facebook!« Klar, Katzen können nicht sprechen, das weiß ich auch. Dennoch, unsere Katze spricht. Anscheinend nur zu mir, denn wenn ich meinem Rippchen von Wulfgängs Talenten erzähle, hält sie mich für verrückt. »Ich verstehe nicht, warum du dich immer so wichtig machen musst«, sagt sie dann. Als würde mich ein sprechendes Haustier zu einer wichtigen Person machen. Im Gegenteil, ich wäre viel ausgeglichener, würde Wulfgäng ihre verdammte Schnauze halten. Hinzu kommt, dass sie mich nicht ausstehen kann. Ständig beleidigt sie mich. Wenn wir uns im Hausflur begegnen, schüttelt sie den Kopf und beschimpft mich. »Loser« und »fat man« sind Teil ihrer täglichen Hasstiraden, die sie auf mich loslässt. Dabei bin ich es, der für Futter und Katzenstreu sorgt! Zumindest finanziell. Sie ist ein gänzlich undankbares Tier und ich hasse sie.

»Schnuckie, Wulfgäng will ihre eigene Seite auf Facebook«, rief ich, woraufhin mein Rippchen meine Schreiberecke betrat und mich mitleidig anschaute.

»Schatz, das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Sie hat's mir aber gerade gesagt.« Wulfgäng saß auf meinem Schreibtisch und nickte: »That's right!«

»Da! Hast du das gehört?«

»Nein, aber wenn du unbedingt eine Seite für unsere Katze einrichten willst, dann kannst du das machen, ohne Märchen zu erfinden.«

»Ich erfinde keine Märchen. Allerdings weiß ich nicht, ob es eine gute Idee ist, Wulfgäng bei Facebook anzumelden.«

Mein Rippchen klärte mich auf: »Viele Leute haben ihre Haustiere auf Facebook. Ich find's eher albern, aber wenn du das unbedingt machen möchtest ...«

»Es geht nicht um mich. Wulfgäng besteht drauf.«

»Ok. Und was willst du nun von mir? Fragst du mich um Erlaubnis?«

»Ich habe ein schlechtes Gefühl dabei. Sie wird den Computer beschlagnahmen und überall Stunk machen.«

Nun blickte mein Rippchen von weit oben auf mich herab. »Manchmal wünschte ich mir, uns würde ein Ozean trennen.« Dann drehte sie sich um und verließ das Zimmer. Wie gesagt, sie hält mich für verrückt.

»C'mon, fat man, sign me up!« Wulfgäng ließ nicht locker.

»Warum sprichst du eigentlich nicht Deutsch?«, fragte ich genervt.

»We're in America. People speak English here.«

»Ich wette, du kannst kein Deutsch.«

»Of course I can speak German!«

»Beweise es.«

»Don't want to.«

»Siehst du. Du kannst es nicht.«

»I can do anything!«

Wulfgäng spielte bockig und streckte sich über den gesamten Schreibtisch. Gerade wollte ich mich meiner neuen Kurzgeschichte widmen, da fing sie wieder an zu plaudern:

»Put me on Facebook!«

»Nein!«

»Why not?«

»Ich habe Wichtigeres zu tun.«

»You're an ass!«

»Meinetwegen bin ich ein Arsch. Das ist mir egal.«

Wulfgäng sprang mir in den Schoß, stützte sich mit den Vorderpfoten auf meinen Brustkasten und führte ihre Schnauze ganz dicht an meine Nase. Langsam und im bedrohlichen Tonfall sagte sie: »I said: Put me on Facebook!«

Unbeeindruckt packte ich das Tier am Nacken und setzte es auf den Boden. Fauchend schob Wulfgäng ab. »You're the worst fat man in the world!«, hörte ich sie rufen. Wahrscheinlich schmollte sie nun unterm Bett im Schlafzimmer. Keine zehn Minuten später kam sie schon wieder angekrochen und kreiste schnurrend um meine Beine.

»Das Boot.«

Was auch immer sie mir damit sagen wollte, ich hielt es für angebracht, sie zu ignorieren.

»Told ya I speak German«, erklärte sie stolz. »Ein Bier bitte.«

Ich seufzte. »Du wirst mich bis ans Ende aller Tage nerven, stimmt's?«

»That is correct.«

Seit heute hat Wulfgäng ihre eigene Seite auf Facebook. Ich ahne Fürchterliches ...

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Foto: Michael Meyn

Michael Meyn

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