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[english] This column's translation: »The cockroach slipper«

29.04.06

Michael Meyn

Der Kakerlakenschlappen

Wer in Amerika lebt, muss sich mit einer Tatsache abfinden: hier gibt's Kakerlaken. Sie sind einfach überall, daran lässt sich nichts ändern. Ganz gleich, wie oft man den Exterminator ruft, welcher dann giftige Chemikalien in der gesamten Wohnung versprüht, die lästigen Schaben lassen sich nicht vertreiben. Sie kommen, sie bleiben, sie treiben mein Rippchen in den Wahnsinn.

Im Grunde habe ich mich schon längst an sie (die Kakerlaken, aber an mein Rippchen selbstverständlich auch) gewöhnt. – Ich lebte einmal eine zeitlang in New York; da war es noch viel schlimmer. Die Kakerlaken krabbelten sogar im Bett herum. Damals konnte ich damit noch nicht so gut umgehen, weshalb ich meist am Küchentisch schlief, den Kopf in beide Hände gestützt. Auch ließ ich immer Licht brennen, weil ich feststellte, dass sich das Ungeziefer besonders gern in der Dunkelheit verbreitete.

Da geht es uns hier in Las Vegas schon viel besser. Eigentlich haben wir nur zwei Problemzonen in der Wohnung: die Küche und das Badezimmer. Während ich die Küche als Ziel noch nachvollziehen kann, verstehe ich nicht, was ein Käfer so interessant an einem Badezimmer findet. Oder heißen die Biester etwa Kackelaken? Dann würd's ja wieder Sinn machen. Jedenfalls knirscht es gelegentlich schonmal unter den Füßen, wenn ich mich nachts zur Toilette begebe.

Eine gewöhnliche Kakerlake in Las Vegas ist im Schnitt zwischen drei Zentimeter und zwei Meter lang. Bei Sichtung eines großen Exemplars macht man erstmal einen eingeschüchterten Schritt nach hinten, ehe man mit dem Schlappen drauf haut. Mein Rippchen ist in der Beziehung ein echter Killer. Sie hat ein geschultes Auge für Feindbewegungen in der Wohnung. Pro Stunde erlegt sie locker 50 Schaben mit ihrem Kakerlakenschlappen, und jede Exekution wird von einem angewiderten »Bäh!« begleitet. Sie hasst Kakerlaken, und zwar so sehr, dass sie beim Draufhauen all ihre Kräfte mobilisiert. Wer da versehentlich in ihren Ausholbereich gerät, muss mit schlimmen Verletzungen rechnen.

Das Problem der unerwünschten Mitbewohner hat in letzter Zeit leider etwas Überhand genommen. Es hat den Anschein, als würden sie in neue Gebiete vordringen, beispielsweise in die Kaffeetasse, ins Abendessen oder auf meine linke Hand, während ich dies schreibe. Alles Bereiche, wo der Kakerlakenschlappen eher Schaden anrichten würde. Letzte Woche riss meinem Rippchen darum der Geduldsfaden. Hocherzürnt stürmte sie rüber in die Hausverwaltung und ließ die Managerin wissen, dass wir ausziehen würden, sollte man das Kakerlakenproblem nicht endlich in den Griff kriegen.

»You're not going anywhere!«, prophezeite die Managerin, und drückte auf einen geheimen Knopf unter ihrer Schreibtischplatte. Kurz darauf betrat ein düster dreinblickender Mann das Büro und baute sich vor meinem Rippchen auf. Sie wollte gerade mit ihrem Kakerlakenschlappen zuschlagen, als die Managerin in verschwörerischem Ton verkündete:

»May I introduce you to Rocky, our George W. of pest control! He will take care of all your problems.«

Mein Rippchen machte zunächst einen höflichen Knicks und ging dann sofort in einen ehrfürchtigen Kniefall über.

»Thank you, mighty Rocky! Thank you so much!«

Rocky kam noch am selben Abend bei uns vorbei, um den Ernst der Lage zu prüfen. Nachdenklich schritt er durch unsere Wohnung, inspizierte sämtliche Zimmer, inklusive einer Besenkammer, die mir bis dahin noch nie aufgefallen war, und machte sich Notizen in einem kleinen Büchlein. Kitschig fand ich es, dass er dabei ununterbrochen die Melodie zu Eye of the Tiger summte. Kurzzeitig war er mal komplett verschwunden, was in Anbetracht unserer relativ kleinen Wohnung ein ziemlich beeindruckendes Phänomen darstellte.

Abschließend gab uns Rocky zu verstehen, dass wir es hier nicht mit gewöhnlichen Kakerlaken zu tun hätten. Wir seien Opfer der sogenannten »German roaches«, hartnäckige Schaben, die sich ihren Namen dadurch verdient haben, dass, wenn sie erstmal irgendwo einmarschiert waren...

Rocky war sich sicher, die German invasion erfolgreich abwehren zu können.

»Give me one week and the bugs will be gone.«

An strategisch wichtigen Punkten stellte er peanutbutter traps auf, kleine Plastikfallen, gefüllt mit vergifteter Erdnussbutter. Zudem sprühte er ein top secret Schädlingsbekämpfungsmittel in der Wohnung aus. Dann verabschiedete er sich mit den Worten »I'll see you in one week.«

Das war am letzten Mittwoch. Einen Tag später stieg ich mit starken Kopfschmerzen aus dem Bett. Hinzu kamen Schwindelgefühle, arg juckender Aussschlag am ganzen Körper und leichter Zahnausfall. Meinem Rippchen musste es ähnlich ergangen sein; sie lag bewusstlos an der Türschwelle zum Badezimmer, den Kakerlakenschlappen mit beiden Händen fest umklammert.

»Sei ehrlich, Schnuckie«, fragte ich sie, als sie wieder zu sich kam. »Du hast dich an der Erdnussbutter versucht, stimmt's?«

»Quatsch!«, fauchte sie mit blutigem Zahnfleisch. »Das ist das verdammte Zeug, was hier gesprüht wurde.«

Dies erschien auch mir einleuchtend. Rocky hatte nicht wie ein Iraker ausgesehen, sonst hätte ich wohl endlich gewusst, wohin die Massenvernichtungswaffen verschwunden waren. Ich riss alle Fenster auf, in der Hoffnung, etwas frische Luft würde uns jetzt gut tun.

»Deine Augen sind ganz geschwollen!«

»Macht nix, Schnuckie«, beruhigte ich sie. »Ich sehe eh alles verschwommen.«

Völlig entkräftet ließ ich mich wieder ins Bett fallen. Das letzte was ich hörte war der an eine Wand geknallte Kakerlakenschlappen, gefolgt von einem angewiderten »Bäh!« Dann fiel ich ins Koma.

Bald ist die Woche rum. Diesem Rocky werde ich was erzählen! Die German invasion ist weiterhin in vollem Gange. Und nun haben wir auch noch vor unserer Haustür ein paar Schwarze Witwen entdeckt. Da traut sich selbst mein Rippchen mit ihrem Kakerlakenschlappen nicht ran. Wir spielen mit dem Gedanken, eine Hausratversicherung abzuschließen und die Wohnung dann einfach abzufackeln.

Diese Kolumne finden Sie auch in Michael Meyns 2007 erschienenem Buch »Vegas, Schnuckie!«.

Seit Mitte 2011 ist »Vegas, Schnuckie!« endlich auch zum Beispiel bei buecher.de als Ebook erhältlich!

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Michael Meyn

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