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31.10.06

Michael Meyn

Von der hohen Kunst der Doofheit

Es ist noch nicht lange her, da gab ich mutig zu: Ich bin gerne doof. Es stört mich auch nicht, wenn mir Leute einen begrenzten Intellekt vorwerfen, weil ich eh nicht wüsste, wie sich ein unbegrenzter Intellekt vortäuschen ließe. Dieses Kunststück überlasse ich gerne meinen Kritikern.

Das war leider nicht immer so. Früher glaubte ich, es sei wichtig viel bzw. alles zu wissen. Da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Vielleicht bei der Literatur?

Schonmal versucht, Martin Heidegger zu lesen? Ich spreche jetzt wirklich nur vom Lesen, nicht mal vom Verstehen seiner Texte. Da fliegen einem Sätze wie diese um die Ohren:

»Als Seinkönnen vermag das Dasein die Möglichkeit des Todes nicht zu überholen. Der Tod ist die Möglichkeit der schlechthinnigen Daseinsunmöglichkeit. So enthüllt sich der Tod als die eigenste, unbezügliche, unüberholbare Möglichkeit.«

What?! Jemand wie Sartre hatte sich sowas auf der geistigen Zunge zergehen und zum Existentialismus inspirieren lassen. Keine Bange, über das Gewesensein von Sartre und seinen schlechthinbezüglichen Unüberholbarkeitsabsichten weiß ich nix.

Dann schon lieber Goethe. Bei ihm kann man sich wenigstens der gelungenenen Reime erfreuen, ohne sich gleich gezwungen zu sehen, die komplizierte Gretchenfrage beantworten zu müssen.

Zeitweise habe ich mich mal als Dichter versucht. Da vertextete ich Geistesblitze, richtig bedeutungsschwanger, wie »Meine Oma fährt im Hühnerstall ganz übel ab!« oder »Des Einen Leid ist des Anderen Wichsvorlage.« Die Sachen habe ich ausgedruckt und an Leute verteilt, die nicht schnell genug nein sagen konnten. Eine meiner letzten literarischen Gefühlsexplosionen (so nannte ich sie) lautete: »Lieber Gott, verschone mich mit jenem Jahr, in dem ich dieses Jahr vermissen werde!« Es waren also nicht gerade meine besten Zeiten ...

Auch im Bereich der bildenden Kunst kann ich selten eine Verbindung zwischen mir und dem Künstler bzw. dem Kunstwerk herstellen. Vielleicht muss man dazu in die Rolle des Künstlers schlüpfen, das kann sein. Aber solange sich mein Rippchen von mir lediglich ent-, aber nicht verpacken lassen will, werden mir Christos Gedankengänge für immer verschlossen bleiben. – Im Gegensatz zu Picasso, dessen Bilder ich nie verstand, hatte ich bei Salvador Dali stets den Eindruck, dass der Mann wirklich malen konnte. Eine brennende Giraffe ist halt schöner fürs Auge, wenn sie auch wirklich wie eine brennende Giraffe aussieht. Im New Yorker Museum of Modern Art stand ich vor vielen Jahren vor einem Ei, welches in einer Ecke des Raumes angebracht war. Von der Decke rieselte in regelmäßigen Abständen gelbe Trockenfarbe auf das Ei. Über den Sinn dieses hoch versicherten Kunstwerks brütete ich solange, bis mein Visum abgelaufen war und ich das Museum bzw. das Land verlassen musste.

Seit ich mich damit abgefunden habe, wenig zu wissen, vieles nicht zu kapieren und wahrscheinlich sogar allergisch gegen Gehirnzellen zu sein, lebt es sich viel besser. So eine Einsicht kann ein richtiger Befreiungsakt sein. Ehrlich! Ich kann es nur wärmstens empfehlen. Selbst mein Rippchen macht inzwischen mit. Die meiste Zeit schauen wir uns nur noch ratlos und schulterzuckend an.

Stellt man mir heute Fragen jeglicher Art, antworte ich fast reflexartig: »Keine Ahnung.« Ich werde mich hüten so zu tun als sei ich Einstein. Von seiner Relativitätstheorie habe ich nur soviel begriffen, als dass ich mich, sollte ich sie zu schnell verstehen, in einer anderen Zeit wiederfinden könnte. Da lasse ich dann doch lieber die Finger davon. Wer sich an die Materie traut, bittesehr, aber sagt mir damals nicht, ich werde euch nicht warnen!

Diese Kolumne finden Sie auch in Michael Meyns 2007 erschienenem Buch »Vegas, Schnuckie!«.

Seit Mitte 2011 ist »Vegas, Schnuckie!« endlich auch zum Beispiel bei buecher.de als Ebook erhältlich!

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Foto: Michael Meyn

Michael Meyn

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