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04.05.08

Antoine Monot, Jr.

Meine Zukunft ist Gegenwart

Es war wohl 1985 und ich zehn Jahre alt. Ich lag auf der Kuhwiese, hatte einen Grashalm im Mund und schaute den Wolken zu, die vorbei rasten. Damals wünschte ich mir, in einer anderen Zeit zu leben: später. Zu viel war jetzt noch nicht möglich. Ich erfand ständig Sachen. Ich erfand mir die Zukunft. Ich erfand das Einfacher Einkaufen, das Schlauer Fernsehen, das Wasser Kaufen ohne Tragen oder das Lernen ohne Schule. Kurz, ich wollte, dass Abläufe schneller, einfacher vonstatten gingen. Ich wollte die Zukunft in der Gegenwart.

Heute liege ich auf keinen Wiesen mehr herum, da ich gelernt habe, dass Grasflecken selber entfernt oder zumindest in der Reinigung selber bezahlt werden müssen, ekele mich vor Grashalmen im Mund im Allgemeinen, da ich unwiderruflich das Bild von pipi-enden Hunden und a-a-enden Katzen sehe, die selbiges genau auf meinem Strohhalm tun, von Menschen, die spucken, und von saurem Regen ganz abgesehen.

Aber ich habe festgestellt, dass meine Erfindungen erfunden werden. Jetzt. Wiesen hin oder her.

Heute ist meine geträumte Zukunft der Vergangenheit Gegenwart geworden, oder um es verständlicher auszudrücken: meine Zukunft ist Gegenwart:

Mein Fernseher zeichnet mir jetzt dank einer Set-Top-Box vom Kabelfernsehbetreiber und einer auf dem Bildschirm integrierten Programmzeitschrift, die sich EPG (Electronic Program Guide) nennt, alles auf, was ich möchte. Auch in Serie. Ein Klick, und alle Folgen werden automatisch auf meine Set-Top-Box mit integriertem Festplattenrekorder aufgezeichnet.

Das hat meine Sehgewohnheiten komplett revolutioniert. Rund 60 Stunden habe ich zur Verfügung. Jetzt nimmt mir mein zweites Ich jeden Tag »King of Queens«, »Kulturplatz« und »Kulturjournal« auf. »Wetten, dass ...?« ist mein ständiger verzögerter Begleiter geworden, und ich verpasse plötzlich auch keine Folge mehr von »Schmidt & Pocher«. »Polylux« ist sowieso dabei, »Das Perfekte Promi Dinner« auch, »WISO«, »Frontal 21«, »Plusminus« und »Nur die Liebe zählt«. Jeden Abend, wenn ich nach Hause komme, schaue ich nach, was mir die geträumte Zukunft der Vergangenheit Neues gebracht hat.

Mein Einkaufsverhalten hat sich auch revolutioniert. Bei mir um die Ecke gibt es eine Filiale einer Supermarktkette, die mich zum Programmchef des Einkaufs werden lässt. Betrete ich das Geschäft, scanne ich meine Mitgliedskarte und bekomme daraufhin das vollautomatische Go, einen Barcodescanner aus dem Regal zu ziehen. Mit diesem scanne ich jetzt meine Waren selber im Geschäft, bevor ich sie bereits direkt in meine Tüte tue. So laufe ich durch das Geschäft, bin ständig über Preise informiert, kann Rabatte überprüfen und werde so vom tumben Einkäufer zum Piloten meines eigenen Supermarkt-Lebens. Eigens für uns gibt es eine Kasse, an der nur noch mein Barcodescanner gescannt wird, und die Preise übertragen sich automatisch in die Kasse. Da ich alles schon eingepackt habe, muss ich nur noch zahlen und kann nach Hause.

Im Internet las ich just vor ein paar Tagen, dass Forscher herausgefunden hätten, wie kabelloser Strom zu übertragen wäre. Das war das letzte, was ich noch erfinden wollte, als ich mit zehn Jahren auf meinem sauren Grashalm herum biss, der nach Scheiße schmeckte, und die Wolken anschaute. Liebe Zukunft, danke, dass du jetzt da bist, danke, dass wir zusammen sind.

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Foto: Antoine Monot, Jr.

Antoine Monot, Jr.

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