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This column's translation: »The Story«

13.02.06

Antoine Monot, Jr.

Die Geschichte

Jahrelang habe ich immer diese Geschichte erzählt. Diese Geschichte, wie wir uns kennen gelernt haben. Ich habe sie allen erzählt, denen, die Sie hören wollten und denen, die sie nicht hören wollten. Vier Jahre lang, sechs Monate und ein paar Tage.

Es war so ein Nachmittag an dem ich nicht mehr wusste, was ich machen sollte. Mir war einfach langweilig. Manchmal gibt's ja so was. Langeweile pur. Stunden, Tage, an denen du dich fragst, was du mit dir anfangen sollst.

Erst kurz zuvor hatte ich eine Werbung gesehen. Das Werbeversprechen war, dass ich ein Kontingent an Minuten kaufen und per Kreditkarte zahlen sollte, dann könnte ich dieses abtelefonieren, indem ich eine 0190er Nummer anrufe, ohne eben jene hohen Kosten haben zu müssen.

Ich wählte also. Telefonierte und lies mich mit einer Frau nach der anderen verbinden. Dem Laien sei kurz erklärt, dass auf den wenigsten 0190er Nummern Call-Girls arbeiten. Nein, die Betreiber machten es noch geschickter. Männer durften zu überhöhten Kosten anrufen und normale Landpomeranzen gratis. Ein Computer verband beide einfach wahllos miteinander. Hatte man keine Lust mehr, drückte man die Null und bekam die nächste.

Ich sprach, drückte die Null, sprach weiter, bis ich eine Stimme ans Telefon bekam, die mir gefiel. Eine sympathische. Wir unterhielten uns. Bis mir plötzlich die Line mitteilte ich hätte nur noch 60 Sekunden, dann wäre mein Guthaben aufgebraucht. Das Kontingent weg.

Ich sagte der Frau, die diese 60-Sekunden-Nachricht nicht gehört hatte, dass sie mir ganz schnell ihre Privatnummer geben solle, da ich gleich weg wäre. Für eine Erklärung bliebe keine Zeit. Hätten wir uns verloren, wären wir nie wieder zusammen gekommen. Ein erneutes zufälliges Treffen war fast ausgeschlossen. Sie zögerte. Die Zeit tickte. Die Uhr rann. Die Sekunden verstrichen. Ich wusste, wenn ich Sie jetzt dränge, erreiche ich nichts. Ich wusste, dass sie weg ist, wenn ich nichts unternehme. Sie überlegte. Ich wusste, gleich ist es vorbei. Dann nannte sie mir ihre Nummer. Ich schrieb mit. Just nachdem sie die letzte Zahl gesprochen hatte, wurde das Gespräch unterbrochen. »Ihr Guthaben ist aufgebraucht. Möchten Sie erneut kaufen, wählen Sie die Eins, möchten Sie...«

Kurz: Fünf Monate telefonierten wir. Sie rief mich an, ich sie. Täglich. Wir verstanden uns und wussten, über was reden. Es war so schön. Ich schickte ihr Bilder von mir, sie mir von sich. Ich wusste, als ich ihre Bilder sah, das ist sie. Sie wusste, als sie meine sah, das ist er auf keinen Fall.

Ich wollte sie treffen. Sie verschob es regelmäßig. Räumlich trennten uns gut zweihundert Kilometer. Ich ja, sie nein.

Ich blieb dran. Warb und bettelte um ein Treffen. Sie dachte, er hat eine tolle Stimme, reden kann ich gut mit ihm, nur aussehen tut er nicht. Ich war nicht ihr Typ. Dann dachte sie sich aber auch: Fotos täuschen und lügen, die gemeinen. Vielleicht sollte ich ihn doch treffen, vielleicht merke ich, dass er es ist. Er und kein anderer.

So kam es dann. Wir trafen uns. Ich fuhr zu ihr. Die Verabredung: verstehen wir uns nicht, reise ich noch am selben Nachmittag ab. Ansonsten kann ich über Nacht bleiben. Auf dem Sofa selbstverfreilich.

Der Tag kam. Der Tag war da. Sie kam und war da und ich wusste: Das ist sie. Nicht nur der Inhalt, auch die Verpackung ist meins. Und sie wusste: Das ist er – nicht. Der Inhalt stimmt, nur die Verpackung nicht. Sie sagte mir vorerst nichts. Wir lachten und unterhielten uns und verstanden uns prächtig.

Dann die Kür. Am Abend Essen mit ihr und der besten Freundin. Hier gilt es aufzupassen, da dieses Terrain schlimmstes Glatteis bedeutet. Ich muss weiterhin um sie werben, darf aber die beste Freundin nicht verschmähen. Schmähe ich sie aber zuviel, wird das Ziel der Begierde unruhig. Es gelang der Balanceakt. Am Abend durfte ich dann sogar in ihrem Bett schlafen. »Aber es läuft nichts, klar?«. Nahm ich mir zu Herzen. Ich machte nichts. »Du«, fragte ich zaghaft, »Du, darf ich mit dir kuscheln?«. Sie erstarrte. Um Gottes Willen. Sagte aber ja. Okay. Warum nicht. Wir kuschelten und ich bekam die dreiviertel Nacht kein Auge zu. Am Morgen bei Toasties gestand ich ihr dann zaghaft: »Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt«. Sie schwieg. Redete von »nicht offen sein für...«, »nicht daran denken, dass...«, »nicht wissen, ob...«. Ich weinte. Sie beschwichtigte. Ich fuhr.

Zu Hause angekommen sagten mir von alleine und unabhängig voneinander alle Freunde und Bekannte für das kommende Wochenende ab. Zur Mitte der Woche fasste und packte ich mein Glück an. Ich sagte ihr, ich wolle erneut kommen, sie zögerte und... sagte zu. Ich fuhr hin und wir redeten und lachten und freuten uns aneinander. Am Abend, ich schlief wieder in ihrem Bett, kam es zum unausweichlichen. Wir schliefen miteinander. Ich wusste, nun sind wir zusammen. Sie dachte, wenn schon einer da ist warum nicht mit ihm.

Ich war verliebt. Sie auf das Abenteuer aus. Es war das letzte Mal, dass wir uns vor ihrem Mallorca-Aufenthalt sehen konnten. Zwei Wochen Ferien mit der besten Freundin. Ich zögerte nicht, wusste, sie liebt mich und schickte Faxe, malte Bilder und war so glücklich mit ihr zusammen zu sein, dass es dazu kam: Sie fing an mich zu lieben. Sie fing an etwas für mich zu empfinden. Als sie nach 14 Tagen ihren Briefkasten zu Hause leerte, lag es da. Ein Zugticket zu mir, inklusive Reservierung. Per Express geschickt.

Sie kam. Seit diesem Tage waren wir zusammen. Wir zogen gemeinsam in eine dritte, neue Stadt, zogen in eine Wohnung und verlobten uns alsbald.

Diese Geschichte habe ich die letzten viereinhalb Jahren erzählt. Jedem, der es hören wollte und auch denen, die es nicht hören wollten. Nun haben wir uns getrennt und plötzlich fehlt mir unsere Geschichte. Die, wo alle immer sagten: »Das kann doch gar nicht sein«, »So ein Wahnsinn«, »So eine tolle Geschichte«, »Wirklich?«, »Unfassbar«. Plötzlich sind sie beide weg. Die Frau und die Geschichte. Wie sehr hängen wir doch daran, Erzähltes, Liebgewonnenes weiterzuerzählen. Bis es niemand mehr hören kann.

Jetzt sind alle erlöst. Jetzt habe ich die Geschichte zum letzten Mal erzählt. Jetzt ist sie weg. Die Frau und die Geschichte. Für immer.



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Der Schweizer Antoine Monot, Jr. wurde 1975 in Deutschland geboren. Nach seiner Ausbildung zum Regisseur an der Theaterhochschule Zürich übernahm Monot, Jr. mehrere PR-Mandate für Theatergruppen [..]

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