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30.12.06

Antoine Monot, Jr.

Deutschland, geliebtes Deutschland – Ein Abschiedsbrief

Da gehst du also hin. Ziellos und verwahrt. Verwehrt. Äh, Verwirrt. Was warst du doch einst schön und lieblich mit Zauberwörtern wie Vollbeschäftigung, Entnazifizierung und vielen anderen Leckereien überhäuft. Was konnten wir doch damals dankbar sein, unseren transatlantischen Freunden, unseren Amis. Hach, war das schön, als sie Kaugummis von den rettenden Panzern warfen und uns alle hin zu einer schönen, einer besseren Zukunft, einem guten Deutschland führten.

Hach, war unser Leben noch in Ordnung. Die Frauen bauten auf, die Männer unterstützten sie, indem sie sich um die Kleinen kümmerten und liebevoll die Wäsche übers Brett schrubbten.

Hach, was haben wir jetzt daraus gemacht? In welches Joch haben wir dich geliebtes Deutschland geworfen? Was ist aus dir geworden?

Du bist auf dem besten Weg in den Abgrund. Du bist faktisch und tatsächlich am Ende. Warum ich dir, geliebtes Deutschland, diesen Abschiedsbrief schreibe? Weil ich damals, es war wohl das Jahr 2001, mich klammheimlich losgesagt habe aus deinen Klauen. Ich mich einfach klammheimlich – ohne Adieu gesagt zu haben – eben nicht verabschiedet hatte, sondern mich klamm und heimlich ins politische Exil begeben habe. Ins politische? Ins wirtschaftliche?

Ich habe dich verlassen, so wie kein Hund sein Herrchen verlassen sollte. Und doch habe ich es getan. Und jetzt – nachdem ich im SPIEGEL immer wieder lesen darf, wie schlecht es um dich steht, wie wacklig du nach meinem Abgang (wegen meines Abgangs?) noch auf den Beinen stehst – jetzt muss ich das Wort an dich richten. Nicht reuig, nicht versöhnlich, aber liebevoll erinnernd. Zärtlich der Vergangenheit, den Trümmerfrauen nachweinend.

Oh geliebte Seen- und Flusslandschaft, das wird deiner wirklich nicht gerecht. So sollte es nie zu Ende gehen. Ja, du hast richtig gehört. Es geht deinem Ende zu. Deutschland ist tot, es lebe Deutschland. Das sollte dich doch aufmuntern, denn erst wenn du tot bist, am Boden, zerstört, erst dann ist es wieder möglich aufzuerstehen (siehe Jesus und andere).

Bitte, Land der Dichter und Denker, Verrückten und Unverrichteten, jetzt fang nicht an zu weinen. Komm wisch dir das kleine Tränlein weg, was da über deine linke Ostdeutsche Backe rinnt, so schlimm ist es nicht. Wie bitte? Ja doch, es ist fertig. Es geht dem Ende zu. Was in der Zwischenzeit passiert? Das kann ich dir gerne erzählen:

Es war einmal..., nein, Entschuldigung. Es gibt ein Land, dass gelähmt vom politischen Einheitswirrwarr, gelähmt von der eigenen Verfassung, dem Grundgesetz, zugrunde gerichtet von der Siamesischen Wiedervereinigung, und verspottet von Ausland-Exilianern seinem Ende entgegensieht. Es war einmal der Pol in einem Europa, das Angst hatte davor, wenn 1989 das zusammen kommt, was zusammen kam. Rundherum war entweder Unfähigkeit auszumachen oder der rote Lulatsch der in den Ländern rund um uns herum regierte.

Und jetzt? Jetzt, nachdem der Kommunismus aufgebrochen wurde, jetzt wird dich das Ausland überholen. Wie lange? Mein Lieber, meine Liebe, mein Deutschland, es wird noch rund 20 Jahre dauern, in denen du dahin siechen wirst. Von Jahr zu Jahr schlimmer werdend. Deine Bewohner werden in Scharen ausziehen, aber nur die, die etwas können und die, die nichts mehr können, kommen rein aus anderen Ländern, die noch schwächer sind. Und der kleine Prozentsatz, der noch ganze Sätze – am Stück wohlgemerkt – sprechen kann... ja, den kannst du dann auf kolumnen.de suchen gehen. Oder? Verzeih, im Ausland.

Ich wollte mich von dir verabschieden. In aller Form. Denn solange es dir so beschissen geht, so lange bin ich wech – nur dass das mal klar ist. Krieg dich wieder auf die Reihe, dann stehe ich auch wieder stützend neben dir. So aber, so aber musst du auf mich verzichten.

Wo ich jetzt bin? Im Land der Schokolade und Berge, dem Land der Banken und Filmfestivals, im Land der Eidgenossen und Helvetier. Adieu, mein geliebtes Land, adieu. Adieu.

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Foto: Antoine Monot, Jr.

Antoine Monot, Jr.

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