Die Schlacht ist vorbei, und ich bin glimpflich davongekommen. Vor zwei Wochen war es nochmal ganz knapp: »Armes Italien« hieß der Titel im »Zeit«-Feuilleton, und am nächsten Morgen ging ich angstvoll in meine Stammbar, wo mich Andrea, mein Barista, mit einem unerwarteten Lächeln empfing. Es war ein mildes Lächeln, etwas getrübt von den soeben verkündeten Fußball-Urteilen, aber zumindest kein säuerliches Gesicht wie so häufig in den letzten Wochen. Ach, was hatte ich für die deutsche Presse den Kopf hinhalten müssen – oder besser: für die unfähige italienische.
Alles hatte mit einer harmlosen Kolumne auf Spiegel Online angefangen. Ein gewisser Achim Achilles, der sich normalerweise über Wadenkrämpfe und Laufschuhe auslässt, hatte im Vorfeld des Halbfinalspiels gegen Italien etwas über den italienischen Mann geschrieben. Luigi hieße der im Schnitt, lasse sich zuerst von seiner Mutter und dann von der Ehefrau bekochen, und sei insgesamt eine recht erbarmungswürdige Spezies. Die italienische Presse schäumte: Frechheit! Typische anti-italienische Ressentiments! Der seriöse »Corriere della Sera« übersetzte die Glosse fast in Gänze und fügte, um das Prinzip zu illustrieren, noch das ein oder andere hinzu, was nicht drin stand. Am nächsten Morgen blickte Andrea mich vorwurfsvoll an, als er meinen Cappuccino hinstellte: »Aha, das ist also die tolle deutsche Presse! Vorurteile schüren, und sich nachher über uns beschweren!«. Der Tag fing schlecht an, und auch zum Mittagskaffee hatte Andrea sich noch nicht beruhigt.
Doch es kam noch schlimmer: Nachdem Italien schließlich gewonnen hatte (Ganz zu Recht! Von der ersten Minute an dominiert!), erschien in der Zeit Online ein – aus meiner Sicht – amüsanter Artikel, in dem dargelegt wurde, dass Italien sich mit Mafia-Mitteln ins Finale geschummelt und sich sogar Frankreich als Wunschgegner gekauft hatte. Ich war kaum am Ende angelangt – Problembär Bruno sei eigentlich ein Überläufer gewesen, der uns hatte warnen wollen und deswegen erschossen wurde -, da rief mein Kollege schon quer durch das Büro: »Frechheit, jetzt soll die Mafia Schuld an eurer Niederlage gegen uns sein!«. Ungläubig klickte ich die Webseite des »Corriere« an und staunte nicht schlecht. Da stand tatsächlich: »Deutsche Presse bezeichnet die Azzurri als mafiös«. Gerade so, als ob ein Leitartikel dazu in der FAZ gestanden hätte. Dass das Ganze online unter der Rubrik »Satira« (!) erschienen war, schien den eifrigen italienischen Journalisten entgangen zu sein.
Noch bevor Andrea an jenem Tag etwas sagen konnte, ging ich zur Vorwärtsverteidigung über: »Einen caffè macchiato – und übrigens, das in der ›Zeit‹ war eine Satire. Stand auch groß ›Satira‹ drüber. Und ein Bär als Geheimnisträger kam auch darin vor.«. Wenn ich glaubte, damit alles gesagt zu haben, hatte ich mich getäuscht. »Hm, ach so, und der ›Corriere‹ hat sich also alles nur ausgedacht? Das mit der Mafia und so?« fragte Andrea säuerlich. »Nein, aber erstens haben sie den Artikel nicht zu Ende gelesen, und zweitens nicht verstanden, dass er ironisch gemeint war.«. Doch Andrea ließ sich nicht beeindrucken und meinte im Verlauf des Mittagsgesprächts noch einige Male, dass die deutschen Zeitungen das italienische Ehrgefühl nun doch arg strapaziert hätten, etc. etc.
Das alles geschah natürlich, bevor Marco Materazzi im Endspiel Zinédine Zidanes Ehrgefühl strapazierte, indem er dessen Mutter / Schwester / andere weibliche Familienangehörige als Prostituierte bezeichnete, und sich dafür einen Kopfstoß einfing. Zidane ging, Italien gewann, das Land jubelte. Und die deutsche Presse konnte ihnen erstmal gestohlen bleiben. Was soll man einem Weltmeister schon anhaben! Das Glück währte ein paar Tage, dann sprachen die Fußballrichter und ließen die ehrwürdige Juve in die zweite Liga absteigen. Andrea war überglücklich, dann sauer, dann stoisch. Und jetzt ist er wieder fast der Alte, und die hiesigen Zeitungen interessieren sich ganz offenbar nicht mehr dafür, was man in Deutschland – im Scherz oder im Ernst – über Italien schreibt. Auch dann nicht, wenn die »Zeit« auf einer ganzen Seite erklärt, warum Italien arm dran ist. Und auch nicht, wenn im »Süddeutschen Magazin« steht, warum die Deutschen Italien nicht mehr so lieben wie früher. Mir soll's recht sein – sonst hätte ich Andrea womöglich noch den Titel erklären müssen, der auf der »Süddeutschen« stand: »Lecko mio!«. Stattdessen stellte er mir lächelnd meinen Cappuccino hin, und wir redeten darüber, dass es im Moment eigentlich viel zu heiß sei, um zu arbeiten. Besser so!