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29.08.06

Oliver Morsch

Notbremsung

Letzte Woche hat jemand im Zug die Notbremse gezogen. Erst piepste es laut, dann gab es ein langes Zischen, und schließlich stand der Zug still. Das alles ging ziemlich schnell, und da es sich um meine erste Notbremsung handelte, wusste ich zunächst nicht, was passiert war. Wir hatten gerade einen Tunnel passiert, und die Aussicht war herrlich – Sonne, Sandstrände, im Hintergrund erhob sich der Monte Argentario. Als mir bewusst wurde, warum wir plötzlich standen, dachte ich: Nun, vielleicht ist das ja kein Zufall, sondern ein Zeichen. Vielleicht bedeutet es etwas, hier so plötzlich in dieser schönen Landschaft zu stehen, die man ansonsten nur ganz flüchtig sieht. Und vielleicht hat Peter Sloterdijk Recht, wenn er in der »Zeit« schreibt, dass wir mit voller Fahrt auf etwas zurasen (ich hatte in dem Moment vergessen, was – ich glaube, das Ende der Menschheit). Und die Notbremsung bedeutete – ja, sie bedeutete –...

In diesem Moment bemerkte ich, dass hinter mir aufgeregt diskutiert wurde. Ich drehte mich um und sah eine große Reisetasche, die alle anstarrten. Ein Schaffner lief aufgeregt in den nächsten Waggon. Ich sah auf meine aufgeschlagene »Zeit« und den Artikel über die vereitelten Flüssigsprengstoffanschläge von London und dachte: Aha, Terroralarm. Während ich noch darüber nachsann, ob eine Explosion bei voller Fahrt oder bei Stillstand mehr Schaden anrichten würde (vorläufiges Ergebnis: bei voller Fahrt, wegen der Entgleisung), kam der Schaffner schon mit dem capotreno zurück. Beide machten sehr ernste Gesichter und fragten, wer die Notbremse gezogen habe, wer was gesehen habe, und so fort. Die Tasche stand weiter in der Mitte des Korridors.

Ich dachte: Verdammt, ich lese gerade etwas über Terror, und prompt steht da ein verdächtiges Gepäckstück. Wie aktuell die Presse doch immer ist, wie lebensnah! Wer weiß, was jetzt noch passiert – die ganzen Touristen in diesem Zug, bestraft für ihr Verlangen, Florenz und Siena zu sehen. Hatte ich nicht kurz vorher in der »Herald Tribune« gelesen, dass der Tourismus ein Fluch für so manches italienische Kleinod ist? Die Einheimischen von San Gimignano etwa wünschten die Touristen im Großen und Ganzen zum Teufel, und eine dortige Stadträtin schlug sogar vor, wer ein Bild von sich mit den berühmten Türmen der Stadt im Hintergrund wolle, solle das doch bitte digital per Photoshop erledigen. Virtueller Tourismus, ohne Flugzeuge und daher auch ohne Entführungen und Flüssigsprengstoffe – welch Idee! Von der Stadt sehen die von Tourbussen ausgespuckten Ein-Stunden-Touristen ohnehin nichts. Und wenn wir, wie der Astrophysiker Stephen Hawking vermutet, bald auf den Mars auswandern müssen, um zu überleben (siehe aber: Sloterdijk!), werden Wochenendtrips in die Toskana auch hinfällig.

Hinter mir wurde weiter aufgeregt diskutiert und gestikuliert, aber ich wollte den Zeichen auf den Grund gehen. Was bedeutet es zum Beispiel, wenn Marc Brost in derselben »Zeit« mahnt, die Bundesregierung dürfe den wirtschaftlichen Aufschwung nicht als ihren Erfolg verbuchen, und in der »Herald Tribune« lese ich dann, dass Angela Merkel stolz verkündet hat, Deutschland sei nicht mehr der kranke Mann von Europa, und das sei auch ihr Verdienst? Ganz klar: Die Ohnmacht der Presse! Nicht einmal die »Zeit« kann Frau Merkel vorschreiben, was sie darf oder nicht darf. Und wenn nicht die »Zeit«, wer dann?

Durch diese Abschweifungen kam ich leider völlig von meinem eigentlichen Vorhaben ab, unsere Notbremsung zu deuten. Mittlerweile verhörte der capotreno einen Verdächtigen, einen etwa 60-jährigen Mann mit fleischigen Händen und ängstlichem Blick. Ja, es sei seine Tasche, gab er kleinlaut zu. Sie sei schwer, und als er sie aus dem obersten Gepäckfach habe herunterholen wollen, sei der Tragegriff an diesem Hebel hängen geblieben, und dann habe es gepiepst. Ah, dachte ich, was will uns das nun wieder sagen...

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Oliver Morsch

Jahrgang 1970 und eigentlich Kasselaner. In jungen Jahren von den Eltern in die Türkei verpflanzt, wo er sich sauwohl fühlte und mit dem Wandervirus infiziert wurde. Nach Rückkehr in die alte [..]

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