Manche Dinge werden erst dann zu einem Problem, wenn man über sie nachdenkt. So ging es mir mit meinem Bücherregal – genauer gesagt: mit seinem Inhalt.
Wie ordnet man Bücher im Schrank? Darauf gibt es eine einfache und eine komplizierte Antwort. Die einfache lautet: Aufrecht nebeneinander in Reih und Glied, mit dem Rücken nach vorn. Die komplizierte: Man sortiert sie nach einem sinnvollen System.
Und genau da liegt das Problem.
Wer mehr als drei Bücher besitzt, ahnt: Die können nicht einfach planlos herumstehen. Erstens ist eine Büchersammlung repräsentativ. Ein bisschen stolz ist man ja schon auf seine Bildung und Belesenheit, und da hat meine Perry-Rhodan-Sammlung nichts neben der Wittgenstein-Werkausgabe verloren. Zweitens liebe ich die Ordnung in manchen Dingen und gestehe mir ungern ein, ein Bücher-Messie zu sein. Und drittens verlor ich irgendwann die Übersicht und kaufte Bücher, von denen ich zu Hause feststellte, dass ich sie schon längst besaß. Spätestens an diesem Punkt kam ich ins Grübeln.
In grauer Vorzeit pflegte ich Bücher nach Genres zu ordnen. Das gab ich bald auf, weil dieses System mehr Probleme aufwirft als es löst. Ein Mankell-Krimi ist ein Krimi, aber wohin gehört ein Mankell, der kein Krimi ist? Fest stand: Bücher desselben Autors gehören zusammen. Was die Literatur zusammengeführt hat, das soll der Mensch nicht trennen, gelobte ich mir. Aber wie den guten Vorsatz in die Tat umsetzen?
Mein zweites System trug der Erkenntnis Rechnung, dass eine thematische Zuordnung meiner Bücher in vielen Fällen unmöglich ist. Konsequent ordnete ich die Autoren alphabetisch. Das wahrte immerhin den Vorteil des guten Überblicks. Die Nachteile waren aber offensichtlich: Die Bücher fügten sich zu haarsträubenden Kombinationen zusammen. Michel Houellebecq weitete die Kampfzone nach links auf den Fußballnarren Nick Hornby aus, nach rechts auf Florian »Generation Golf« Illies. Letzterer findet sich mit Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz Rücken an Rücken, obwohl er nicht einmal würdig wäre, ein Zimmer mit ihm zu teilen. Und Thomas Harris (»Das Schweigen der Lämmer« – ganz recht, auch ich lese Spannungsliteratur), trieb mit Judith Hermann (»Nichts als Gespenster«) nebenan widernatürliche Unzucht.
Es war klar: Das konnte nicht so bleiben. Meine Bekannten konnten mir nicht helfen. Unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit gestand mir Freund M. – ein Literaturexperte, der lieber anonym bleiben möchte –, er sei verzweifelt, wache nachts schweißgebadet auf, traue sich kaum noch in sein Arbeitszimmer etcetera. Das neue Regal – das bekannte System B. des schwedischen Einrichtungshaueses I. – helfe auch nicht, die Bücherflut einzudämmen. Als er sich endlich durchgerungen habe, neue Böden einzuziehen, habe der Hersteller den Farbton gewechselt. Ich solle mir aber keine Sorgen um ihn machen, die neuen Beruhigungsmittel schlügen sicher bald an.
Ich sah mich schon einem ähnlichen Schicksal entgegendämmern, bis mir die Erleuchtung kam. Wildes Chaos ließ sich vielleicht durch Gruppieren nach Sprach- und Kulturräumen vermeiden. Und innerhalb dieser Gruppen würde mir die Literaturgeschichte helfen: Ich ordnete einfach chronologisch nach Erscheinungsjahr, so dass sich die Autoren nach Stilepochen zusammenfanden. Stolz teilte ich dieses System meiner Freundin mit.
»Und was machst Du, wenn sich die Gesamtwerke verscheidener Autoren zeitlich überschneiden?«, wandte sie ein.
Ich ignorierte den Einwand. Frauen können manchmal furchtbar logisch sein.
So machte ich mich an die Arbeit, die sich als ausgesprochen fruchtbar entpuppte. Auf wundersame Weise wuchs zusammen, was zusammengehört. Zeitgenossen wie Kurt Tucholsky, Alfred Döblin und Thomas Mann teilen nun ihren Platz im Regal. Hin und wieder mogelt man sich über die Chronologie hinweg, weil man bestimmte Autoren nebeneinander sehen will, wie z.B. Frisch und Dürrenmatt. Das ist meine persönlich Note.
Auch vor Überraschungen ist man nicht gefeit. So entschied ich mich gegen meinen ursprünglichen Plan, alle englischsprachigen Autoren in einer Gruppe zu führen. Es erschien mir plötzlich natürlicher, die Amerikaner separat zu stellen (unabhängig vom aktuellen Stand der transatlantischen Beziehungen). Und aus einem Grund, den ich sicher noch herausfinden werde, müssen bei mir die Niederländer direkt neben den Skandinaviern stehen.
Insgesamt ist das System eher von meiner persönlichen als von einer natürlichen Logik geprägt, und einem Außenstehenden mag es immer noch so kompliziert erscheinen wie das Labyrinth im »Namen der Rose« (Umberto Eco bitte jetzt bei unter »Südeuropa« suchen). Aber ich bin sein persönlicher Hüter. Man muss nur seinen Literaturverstand einsetzen, und schon gibt es keine Rätsel mehr. Alles findet sich.
Jetzt fehlt mir nur noch ein plausibles Ordnungssystem für CDs und DVDs. Vorschläge bitte an mich persönlich!