Jeder Mensch hat seine Marotte, eine kleine Schrulle, die ihn erst richtig interessant macht. Manche von ihnen schleichen sich still in unser Leben ein und fallen erst bei näherem Hinsehen auf, wie ein diskreter Begleiter. So war es auch mit meiner Aversion gegen Kugelschreiber.
Ja, Sie haben richtig gelesen: ich kann Kugelschreiber nicht ausstehen. Das musste ja so kommen, werden Sie sich vielleicht sagen: wir erinnern uns noch gut daran, wie er uns mit Notizbüchern malträtiert hat, diesmal müssen es unschuldige Schreibgeräte sein. Deren Bedeutung wird jedoch allgemein unterschätzt, obwohl niemand leugnen würde, dass es einen Unterschied macht, ob ich einen Brief von Hand oder mit dem Computer schreibe. Schreibmaschinen – die älteren unter uns werden sich erinnern – werden heute nur noch von Erpressern, Polizeibeamten und Günter Grass benutzt. Doch womit schreiben wir unterwegs, wen wählen wir zum Begleiter? Sage mir, womit du schreibst, und ich sage dir, wer du bist.
Einst legte ich mir einen teuren Füllfederhalter zu. Füllfederhalter sind exklusiv und demonstrieren Schreibkultur, sind aber etwas altmodisch. Übrigens ein guter Rat: Tun Sie sich einen Gefallen und benutzen Sie niemals rote Tinte. Es gibt Leute, die dann reflexartig »Lehrertinte!« schreien. Diese armen Menschen können nichts dafür, sie sind Opfer schlechter Erfahrungen aus ihrer Schulzeit, die mir ganz fremd sind. Etwas Kurioses erlebte ich, als ich einst in Grün schrieb. Immer wieder traf ich auf Zeitgenossen, die etwas von »Kanzlertinte« murmelten. Das habe ich lange nicht verstanden, bis man mir erzählte, dass Helmut Schmidt zuweilen grüne Tinte benutzte.
Mein Füller dankte schließlich ab und wurde durch billige Faserschreiber ersetzt, die schon lange auf diese Revolution gewartet hatten und ihre Stunde nun gekommen sahen. Wie es bei Revolutionären manchmal vorkommt, verloren manche von ihnen ihre Köpfe, sprich: ihre Kappen. Zudem missfiel mir diese Aura des Flüchtigen, die diesen Stiften anhaftet.
Ein kurzes Intermezzo führte mich zu den Bleistiften. Sie strahlen Einfachheit und Wertigkeit aus. Wer mit Bleistiften schreibt, demonstriert Sinn für das Wesentliche. Man mag einwenden, dass von allen Stiften gerade sie die flüchtigsten Spuren hinterlassen, aber sie sind eben etwas für den wertvollen Augenblick. Von ihnen bleibt nur eine schwache Spur von Graphit. Bleistifte stehen also für Vergänglichkeit. Aber sie pieken in der Tasche, und ihre Spitzen brechen ab. Daher nahm ich Abschied von meinen feingeistigen Freunden in Grün.
Die Frage, warum ich keine Kugelschreiber benutze, stellt sich Ihnen jetzt sicher um so drängender. Für mich war sie natürlich all die Jahre virulent. Dennoch widerstand ich stets, wenn sich die Schreiberfrage aufs Neue stellte, den Einflüsterungen der Kugelschreiber-Industrie. Eine Stimme in mir sagte: Nimm doch einfach eins von diesen billigen Dingern, die Dir überall nachgeworfen werden, oder kauf Dir einen anständigen Marken-Kugelschreiber, der was hermacht! Und stets antwortete ich: Nein, ich will keins von diesen unzuverlässigen, klecksenden Dingern, bloß weil alle Welt die benutzt, eher sage ich, dann erst recht nicht. Die Kugelschreiber, die ich besaß, waren nämlich alle notorisch unzuverlässig, egal ob Mont Blanc oder Sparkasse draufstand. Entweder sie waren inkontinent und sonderten an ihrer Spitze ein klebriges Tintensekret ab, oder sie verweigerten ihren Dienst. Man setzt an zu schreiben, merkt, es geht nicht, und fängt dann an, am Rand des Papiers schnelle kleine Kringel zu machen, um die Kugel, deren Existenz der Kugelschreiber seinen Namen verdankt, wieder in Gang zu bringen. Erst hinterlässt diese Kringelbewegung nur Abdrücke im Papier, dann geht es irgendwann, und man kann endlich loslegen. Ich habe mich schon gefragt, ob in ferner Zukunft mal Altertumsforscher einer anderen Zivilisation unsere Kultur untersuchen werden und Rückschlüsse aus den vielen Kringeln ziehen, die über die Ränder unserer Dokumente verstreut sind. Vielleicht werden sie glauben, dass es sich um eine Art Geheimschrift handelt, oder um kultische Symbole. Wir werden es nicht erfahren.
Natürlich war meine Flucht vor den Kugelschreibern umsonst. Für jeden, den man wegschmeißt, kriegt man zwei neue. Wo auch immer ich hinkomme, der Kugelschreiber ist vor mir da. Diese Omnipräsenz ist mir immer verdächtig gewesen. Nicht umsonst heißt das Ding Kuli. Der Kugelschreiber ist der Chinese unter den Stiften. Von denen gibt es auch Milliarden, und die sind uns schließlich auch nicht geheuer: ein Heer billiger Schreibarbeitskräfte, dessen Siegeszug nicht aufzuhalten ist. Selbst auf dem Mond war der Kuli bereits, aber dahin hat sich der Chinese ja auch schon aufgemacht.
Aber jetzt ist das Unglaubliche passiert: Ich habe mich tatsächlich auf eine kreative Liaison mit einem Kugelschreiber eingelassen. Erst im Geheimen, dann zeigte ich mich öffentlich mit dem dem Kuli, quasi wie Sarkozy mit Carla Bruni. So ähnlich jedenfalls. Liebe auf den ersten Blick war das allerdings nicht, sondern zuerst ein langes Umkreisen – um nicht zu sagen: Umkringeln – , in dessen Verlauf wir unsere Qualitäten zu schätzen lernten. Schliesslich stellten wir fest, dass wir ganz gut zusammen arbeiten können. Was kann man von einem Schreibgerät mehr verlangen? Seine Unzuverlässigkeit ist wirklich ein reizender kleiner Charakterfehler, den ich ihm genauso gern verzeihe, wie die eine oder andere Schlamperei, die meiner Handschrift erst die kreative Note verleiht. Er ist schließlich mein persönliches Exemplar. Und alle anderen können mir natürlich gestohlen bleiben.