In Vorstellungsgesprächen werden bekanntlich manchmal recht dumme Fragen gestellt. Ein guter Freund von mir wurde einst gefragt, was denn sein Traumberuf wäre, wenn er die absolut freie Wahl hätte. Seine Antwort war: »Astronaut.« Diese Ehrlichkeit kann ich nur bewundern. Wer wäre nicht gern Astronaut? Zugegeben: ich. Im Weltraum wäre ich schon gern einmal, aber die Verkehrsmittel sind mir zu unsicher und noch unpünktlicher als die Bahn. Ich müsste auch allein reisen, mein Freundin wird leicht seekrank. Das ist nämlich dasselbe wie raumkrank.
Was wäre also mein Traum? Papst wäre gar nicht übel. Natürlich nicht als Kirchenvater, diese Stelle ist schon besetzt. Aber wer wäre nicht gern die unangefochtene Autorität auf seinem Gebiet? Hat man sich diese Position erst einmal erarbeitet, muss man nicht mehr viel dafür tun, seinen Status zu halten. Als Fußball-Papst zum Beispiel genügt es, schlau in die Kamera zu schauen und gelegentlich ein »Schaun wer mal« ins Mikro zu nuscheln. Viel lieber wäre ich aber Literaturpapst. Frauen aufgemerkt: Es gibt hier, anders als im Katholizismus, auch Päpstinnen. Der Heilige Stuhl ist hier ein schwerer Ledersessel, in dem man versinkt und auf den sich die TV-Kameras richten, während man seinen Segen zu diesem und jenem Buch gibt oder einen Bann darüber ausspricht. Wie unter Päpsten üblich, ist man natürlich unfehlbar. Sagt ein Literaturpapst, man müsse ein Buch gelesen haben, nimmt die Gemeinde es sogleich in ihren Kanon auf.
Schrecklich aber kann sein Zorn sein. Die Zunft der Schreibenden zittert vor seinem Verdikt. »Das ist überhaupt kein Roman«, darf man über einen Roman sagen, oder noch schlimmer: »Das ist überhaupt kein Buch!«, wo es sich doch offensichtlich um ein Buch handelt. Der Autor kann sich damit trösten, dass sein Buch – oder besser: »Nicht-Buch« – nicht auf dem Scheiterhaufen, sondern trotzdem auf den Verkaufstischen der Buchhandlungen landet und dort reißenden Absatz findet. Der Kenner weiß: Nichts ist dem Verkauf so förderlich wie ein deftiger Verriss.
Gegenpäpste gibt es natürlich auch. Mit denen darf man öffentlich herum streiten. Das nennt man dann Debatte des Feuilletons. Neuerdings hat sich unterhalb dieser hohen Etage der Literatur eine breite Klasse im Souterrain eingerichtet, die sich nicht darum kümmern möchte, was der Papst sagt. Diese Volkskirche trifft sich im Internet und bewertet Bücher mit Sternchen. Dort kann man zum Beispiel über den »Ulysses« nachlesen, es handele sich um »1000 Seiten kompliziertester Wortaneinanderreihungen«, kurz: »Ein echter Hammer!« Das ist endlich einmal eine Aussage, mit der man etwas anfangen kann! Zugegeben, Literaturpapst wird man damit nicht. Das Wort eines echten Papstes schafft es hingegen auf jeden Buchumschlag.
Vielleicht sind die eigentlichen Literaturpäpste immer noch die Autoren selbst, also, sagen wir: die Nobelpreisträger. Vor diesen Titanen erschauern wir alle. Einst trug es sich zu, dass ich Günter Grass auf der Frankfurter Buchmesse traf, zufällig, versteht sich. Ich brauchte einen Beitrag für eine Radiosendung, da wäre ein Interview mit Grass schon ein Highlight gewesen. Grass trank einen Kaffee und aß Kuchen, er sah aus wie ein normaler Sterblicher. Ich dagegen stand wie angewurzelt da. Ich durfte ihn nicht entkommen lassen. Einen Literaturnobelpreisträger trifft man nicht jeden Tag. Schließlich fasste ich mir ein Herz, trat schräg von hinten an ihn heran, schob ihm mein Mikro unter die Nase und stammelte eine Frage, ich weiß nicht mehr was, ich stand unter Schock, Sie verstehen. Grass brummelte interessiert durch seinen Apfelkuchen hindurch, von was für einem Sender ich denn sei. Ich errötete unschuldig. Schließlich komplementierte Grassens Assistentin mich mit der Bemerkung hinweg, Herr Grass habe heute noch sehr viel zu tun und eine Pause verdient. Und so beließ ich es dabei.
So sah also meine Privataudienz mit einem der ganz Großen aus. Und was ist mir von ihm im Gedächtnis geblieben? Seine riesigen Ohren, durch die das Licht der untergehenden Sonne schien. Und ich lernte: Die wahre Größe eines Genies zeigt sich nicht nur in seinen Werken.