Bekanntlich werden wir alle älter. Diese Erkenntnis ist nicht ganz neu, aber hin und wieder bemerkenswert, zumal dieser Prozess eher schleichend voranschreitet. Woran erkennt man, dass man nicht mehr ganz jung ist, auch wenn man noch nicht alt ist? Es gibt verräterische Anzeichen. Man kauft sich immer häufiger gebundene Bücher statt Taschenbücher, und die Zahl der noch ungelesenen Bücher im Schrank beginnt die der gelesenen zu übersteigen. Unter den Büchern, die man geschenkt bekommt, finden sich nicht selten solche übers Kochen und über Gartenpflege, niemand weiß warum, auch wenn man gar nicht kocht und nur Zimmerpflanzen hat. Der »taz« ist man irgendwann überdrüssig und abonniert die »Zeit«, auch weil man dann günstig eine halbe Espressomaschine dazubekommt. Und die Tierfilme im Fernsehen sind plötzlich viel interessanter als MTV.
Anfangs findet man all das befremdlich, akzeptiert es aber irgendwann als normal. Das gilt auch für eine milde Form von Gedächtnisverlust, die sich in das Leben einschleicht. Auf dem Weg vom Wohnzimmer in die Küche hat man schon vergessen, was man dort eigentlich wollte. Wenn es nur darum geht, sich eine Flasche Bier zu holen, ist das nur umständlich. Ärgerlich – und hier komme ich zu meinem eigentlichen Thema – wird es dann, wenn man eine wichtige Idee hat, zum Beispiel für eine Kolumne, und das Telefon klingelt, Mutter ist dran, da kann man natürlich nicht einfach auflegen, und schon ist die Idee wieder weg. Danach ärgert man sich über den Anrufer, der gar nichts dafür kann, und zermartert sich tagelang das Hirn. Was wollte ich noch schreiben? Irgendwas mit Lesegewohnheiten, oder Busfahren, oder vielleicht beides ... Das Ärgernis entsteht hier durch das Zusammentreffen zweier Umstände: Erstens ist es nicht gerade so, dass die Ideen nur so auf mich einprasseln. Im Gegenteil, gute Ideen sind rar. Damit sind wir schon bei »Zweitens«: Hat man mal eine Idee, hält man sie gleich für genial, mindestens nobelpreisverdächtig. Um so größer ist der Verlust durch temporäre Amnesie. Für einen Autor ist jede Idee ja wie ein Samenkorn, aus dem die zarte Pflanze eines literarischen Versuchs keimt, der dann – eventuell! - Früchte trägt. Und jeder, der stört, trampelt auf dieser Saat herum. Andererseits nützt es ja nichts, jedesmal einen hysterischen Anfall à la Klaus Kinski zu bekommen, wenn es an der Tür klingelt, und dem ahnungslosen Paketboten ein »SO KANN ICH NICHT ARBEITEN!!« entgegenzuschleudern. Dann muss man eben auf den Mond ziehen, da ist man wirklich ungestört.
Störungen sind also – wie gerade festgestellt – unvermeidlich. Wenn schon der Arbeitsprozess ständig unterbrochen wird, muss man doch wenigstens die Idee konservieren. Ein Notizbuch muss her, natürlich nicht irgendein Notizbuch, nein, für unsere außergewöhnlichen Einfälle muss es natürlich etwas Besonderes sein. Am besten ein Moleskine, alle berühmten Schriftsteller haben eins gehabt, Hemingway und Bruce Chatwin zum Beispiel, die großen Reisenden, Jäger und Sammler, da fühlt man sich gleich in der richtigen Gesellschaft. Sein Notizbuch zu verlieren, sei eine Katastrophe gewesen, erinnert sich Chatwin, und, so mutmaßen wir, würde es auch bei uns sein. Auch würden wir uns gern bei Chatwins Schreibwarenhändler in der Rue de l’Ancienne Comédie in Paris beraten lassen, angemessen fänden wir das schon, aber doch ein bisschen teuer und zeitraubend, und so müssen wir auf das zurückgreifen, was Bielefeld zu bieten hat. Wochenlang wieselt man um ein bestimmtes Exemplar herum und nimmt am Ende auch den hohen Preis in Kauf. Auf dem Vorsatzblatt eines Moleskine kann man eintragen, welche Belohnung man im Verlustfall einem ehrlichen Finder zahlen würde, und so den Wert der darin festgehaltenen Gedanken finanziell taxieren. Schlägt man ein Moleskine auf, weiß man gleich, wie groß die literarische Eitelkeit seines Besitzers ist.
Man fängt also an, dieses und jenes aufzuschreiben und für sich und die Nachwelt festzuhalten, was sonst verloren wäre. Jedem Anfang wohnt bekanntlich ein Zauber inne, so Hesse, aber aller Anfang ist schwer, wie der Volksmund weiß. So hält man zunächst alles ungeordnet fest, was einem so in den Sinn kommt, Ordnen kann man ja später noch. Bloß nicht den Funken des spontanen Einfalls durch Nachdenken erkalten lassen! Mit der Zeit werden die Einträge dann sporadischer und knapper, das Feuer der Kreativität schwelt so vor sich hin, nun ja, man hat wohl wenig Zeit gehabt.
Irgendwann, nach einem halben Jahr vielleicht, sichtet man das gesammelte Material zur weiteren Verwertung. Und was haben wir da? »Demnächst: Über unsinnige Klappentexte!« Sehr gute Idee, die schleppe ich schon seit Jahren mit mir herum – jetzt habe ich sie Schwarz auf Weiß. Weiter bin ich noch nicht, aber so habe ich wenigstens den Stillstand dokumentiert. Weiter, nächste Seite: »Der Panther, der Panther – mal lag er, mal stand er ...« Dieser lyrische Versuch könnte was mit der heutigen Lesung zu tun haben, aber Details sind mir leider entfallen. »Krimis in der Badewanne lesen!« Seltsam, was mag das bedeuten? Ah, jetzt fällt es mir ein – habe ich neulich schon mal verarbeitet, zu blöd aber auch. Und was ist das hier: »Taz-Abo kündigen, Mutti anrufen!« Das sind mal wirklich gute Ideen, gehören aber nicht wirklich hierher.
Irgendwann schwant einem, dass man mit dem Notizbuch nicht gleichzeitig den Inhalt, sprich: die wertvollen Ideen erstanden hat. Die müssen einem schon selbst kommen. Seine Einfälle zu verschriftlichen, ist an sich eine ganz gute Idee, aber so hatten wir uns das natürlich nicht vorgestellt. Es drängt sich sogar der Eindruck auf, je teurer das Notizbuch, desto billiger die Pointen. Da klappen wir das gute Stück doch lieber zu und lassen die Gedanken frei fließen, ganz ungestört von Notizbuch, Türglocke und Handy. Und das ist vielleicht die beste Idee von allen.