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10.02.10

Matthias Penzel

Als die Beatles zehn wurden ...

Als die Beatles zehn Jahre alt wurden, hatten sie sich schon aufgelöst. Zehn Jahre nach ihrem Split war der erste von ihnen tot. Als das Auto zehn wurde, das von Carl Benz, war man stillschweigend darüber ein gekommen, dass vier Räder besser sind als drei, statt mit Ruderpinne steuerte man die oft noch unbenannten Gefährte mit einem Lenkrad. Henry Ford baute sein erstes Auto, und keiner wusste so recht, ob man damit links oder rechts fahren sollte, mit Dampf, Spiritus, Benzin oder Strom. Heute wissen wir nur: rechts ist sicherer. Als Tim Berners-Lee die erste Website aufmachte, war die Fernbedienung für eine kabellose Verbindung zum Fenster-zur-Welt – und zwar vom Sofa aus! – ein ziemlich alter Hut.

Ja, wusste ich auch nicht, dass es die Fernbedienung bereits gab, bevor ich minus zehn war.

Ich meine ... Zeit, eh?

Wie sagt das Tom Waits noch in dem Film »Rumble Fish«, wo er an der Milchbar steht, Kamera an der Decke, also über ihm, vorne im Bild so eine Wanduhr, an der die Sekunden mit Klapptäfelchen vorbeiklappern: Wenn du jung bist, hast du keine Zeit, immer unterwegs, keine Atempause – und dann guckst du zurück und merkst, du hast da ein paar Jahre verloren, dort ein paar weggeschmissen ... oder so ähnlich. Ja, hallo Alzheim! Was er sagt, weiß ich nicht mehr, nur wie er es sagt, das bleibt hängen. Kopfschüttelnd, Gläser wischend, dann das Geschirrtuch über die Schulter, wirft er ein paar Jahre rechts hinter die Schulter, ein paar woanders hin. Warum auch nicht? Zehn Jahre, nachdem sie den Grundstein für die Sphinx gelegt hatten, wusste noch keiner, wie sie da die Nase anmontieren sollen. Also haben sie angefangen, über etwas Einfacheres nachzudenken ... Bingo! Pyramiden!

Die Site von Berners-Lee ist jedenfalls verschütt gegangen, lange bevor das Internet zu einem Friedhof verlassener Eitelkeiten und einer Fundgrube für TV-Junkies und professioneller Erpresser wurde. Doch wer wollte schon darauf hinweisen?

Die Zeit verläuft in einem anderen Tempo, jeden Tag etwas schneller.

Auch an den zehnten Geburtstag von MP3 zu erinnern, war lachhaft. Mit iTunes hängen Musikfreunde inzwischen an einem ganz anderen Tropf – wie sehr würde man sich als alter Alter outen, ginge man hin und würde von so was erzählen. Es ist vermutlich schon ein Zeichen für fortgeschrittenen Luddismus, wenn man von iPod statt iPhone als Musikmaschine spricht. Ich glaube, deshalb ist es auch nicht weiter schlimm, wenn ich mich nur sehr diffus an das erinnern kann, was so war, als ich zehn Jahre alt war. Ich glaube, das war der Sommer, als ich das erste Mal beim Klauen erwischt wurde.

Klingt gut, nee?

Mehr war aber nicht.

Deshalb, also ... jetzt davon schreiben? Oder wie ich im Spätsommer versucht habe, mit überkreuzten Händen Fahrradzufahren – und kurz danach im Krankenhaus genäht wurde? Wie die Fäden aus der Platzwunde noch nicht gezogen worden waren, ich aber wegen einer anderen Sache im Koma lag?

Nee, da könnte ich auch auf meine Fußnägel starren.

Was man da zu sehen kriegt, will sich niemand vergegenwärtigen.

Aber zehn Jahren kolumnen.de? Alter verdammter Walter, eh? Das Netz war noch neu, Communities wie Kloster-Cliquen, jeder uniform und unter dem Deckmäntelchen seiner IP voller wirrer wundersamer Überraschungen! Wow. Websites mit oder ohne Java, Menü oder ich-weiß-nicht-was?! Zynisch und abgeklärt war nur, wer immer noch vor dem Fernseher saß, dabei aber vergessen hatte, das eigene Denken abzuschalten. Kolumnen, so schien mir, waren auf dem Weg zu Glossen zu werden, immer witzig, sehr nahe an dem Goldt-Rausch eines der größten Wortakrobaten unserer Zeit – und irgendwann, so dachte ich mir, müssten in der Form auch wieder andere Inhalte kommen. Zum Beispiel ...

Zum Beispiel, wie das wäre, wenn die Zeit wirklich immer schneller rumgeht? Jeder empfindet das ja: dass man immer weniger Zeit hat. Dass die Zeit also nicht relativ oder gebogen ist, wie Einstein oder Hawkings rausgefunden haben, sondern, dass sie wie eine Spirale ist: Es wird dauernd alles immer enger.

Aber was für eine Kolumne wäre das? Einen Absatz lang, nicht eine Spalte (= column).

Bei kolumnen.de haben sich also – könnte man sich als Resümee mal schnell zusammenreimen – weder Zeit noch Form noch Look groß geändert. In zehn Jahren wird man kopfschüttelnd sagen, Weblogs kamen und gingen ... Okay, auch hier kam neuer Schnickschnack dazu, Audioversionen, Bilder und Wunschlisten, aber die Texte selbst: stehen wie die Pyramiden. Erhaben. Exzellent.

Herzlichen Glückwunsch usw. // Wann ist jetzt eigentlich die Party? Und vor allem: wo denn nun?

Zum Zehnjährigen

... von kolumnen.de drehen sich die Kolumnen in dieser losen Reihe um den zehnten Geburtstag: Ob der eigene zehnte Geburtstag, ein historischer Moment, eine erste Liebe ...

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Geboren 1966 in Mainz, Kindheit in Straßburg, Kaiserslautern und Ludwigshafen. Zivildienst im Krankenhaus Weinheim, gleichzeitig erste journalistische Arbeiten bei Regionalzeitschriften in [..]

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