Debatten im Feuilleton bewegen die Mehrheit der Zeitungsleser in etwa so sehr, so sehr wenig wie Unregelmäßigkeiten im nächstgelegenen Tierpark. Anders als beispielsweise nach Jahren aufgedeckte Sex-Skandale in Schulen tangiert es die meisten, auch die meisten Medien- und Meinungsmacher eher wenig, was im Kulturschutzgebiet der Hochkultur so debattiert wird. So wie Schwankungen des Saturn-Magnetfeldes bewegt es eigentlich eine Minderheit. Wenn nun eine Debatte aus dem Feuilleton bis in die Boulevardpresse überschwappt, wenn eine 17-Jährige wie zum Oberlehrer bei Harald Schmidt antanzen muss, dann hat das eine andere Dimension.
Beeindruckend ist an der Debatte um Helene Hegelmanns Roman »Axolotl Roadkill« einiges. 1. Das Internet spielt eine tragende Rolle. 2. Die Wächter von Gut und Böse, die im Kulturbetrieb arbeiten, haben versagt. 3. Differenziertes Reflektieren ist im Turbo-Zeitalter der schnellen Meinungen auch beim gedruckten Wort am Aussterben. Roadkill ja – Rückspiegel nein! 4. Takt- und Ideengeber sind Blogger, auch bei der Diskussion, die in Feuilletons und Verlagen noch nicht verebbt ist.
Das an sich ist riesig. Kultur ist ja mehr als Kunst (neben den darstellenden also Musik und Literatur plus Film und Internet). Es ist auch mehr als Kulturbeutel, RTL und Populismus. Wenn man aber die Debatte darum, was erlaubt ist, was eine Schriftstellerin tun darf und was nicht, verfolgt, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Da zerren die einen Shakespeare, Brecht und andere, mit Preisen schließlich zu Ehren gelangte, Leutchen hervor. Alles, was recht ist? Juristische und ethische Gepflogenheiten werden vermengt, Manieren oder Sitten der Techno-Jugend noch gleich dazugepanscht, und mitten in dem versuppten Brei wabbert natürlich immer das Internet mit und diese ganze Kultur aus dem Pop, die Piraterie, das free for all der kommenden Jahrzehnte. Damit es nicht zu doof aussieht, noch ein paar Angebereien aus dem Hauptseminar Philologie, also Roland Barthes‘ »Am Nullpunkt der Literatur«, Montage- und Collage-Technik aus der Malerei, geklaute Töne in der Musik usw.
Nichts ist neu. Gedanken sind frei, ein Idiot, wer sie mit Gesetzen einfangen will. Genauso idiotisch wie derjenige, der glaubt, mit Digitalisierung seine Arbeit effizienter und schneller abwickeln zu können – ohne dass das Nebenwirkungen hätte.
Ob man den Zank um so ein paar geklaute oder kopierte Textstellen nun ernst nimmt oder nicht: Wieder fällt mehreres auf: 1. Geklaute oder entliehene Ideen oder Gedanken sind nicht gleichbedeutend mit kopierten oder entliehenen Textpassagen. 2. Was erlaubt ist, was oft gemacht wird, und was sich gehört, sind drei Paar Schuhe. 3. Man kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass die Sache nie so hochgekocht wäre, wenn sie nicht im Internet diskutiert worden wäre. 4. Nun schreiben und reden alle über ein, manchmal zwei Bücher, ohne sie gelesen zu haben: »Axolotl Roadkill« und »Strobo«; das eine aus einem Konzern mit Umsatz im neunstelligen Bereich und demgegenüber eine Kellerklitsche; das eine noch vor Veröffentlichung hochgejazzt, das andere übergangen; das eine von einem vermeintlichen Genie mit einem im Kulturbetrieb mächtigen Vater (auf der payroll von Theatern, um Sachen zu inszenieren, bei denen Theatermacher aus anderen Ländern, nicht-subventioniert, bass erstaunt sind), das andere von einem unter Pseudonym verdeckt bleibenden »Airen«.
Zu 1. und 2.: OK, hatten wir oben schon, hier aber eben noch mal klipp und klar. Zu 3.: An einem Samstag (2010-02-06, 09:30) hat mir der Verlag, der mir Monate zuvor »Strobo« geschickt hatte, gemailt, dass dieses von Maxim Biller, Spiegel und allen wichtigsten Feuilletons hochgelobte Wunderwerk eines aufstrebenden Talents mit langem Haar, nicht wirklich dem Reinheitsgebot der Dichtkunst entspricht. Die Aufregung im Netz, teils sicher auch von »Strobo«-Autor/Alias Airen angefächelt sowie anderen alliierten Komplizen (im Netz leicht auszukundschaften) schlug solche Wellen, dass Verlag und Autorin sich noch am Sonntag mit Statements zu Wort meldeten. Ungeschickte Worte. Stammeln wie bei Schmidt.
Und die Wächter über Gut und Böse? In den Bollwerken der Printmedien? Die einen hauten genüsslich drauf, die anderen rechtfertigten ihre zuvor vielleicht doch zu vorschnell gefertigten Lobgesänge. Klauen ist cool, fanden plötzlich dick-bezahlte Star-Autoren. Ging es vielleicht um ganz anderes, nicht Talent sondern Nepotismus? Um Mächtige oder kleine Indies – denn bei den einen hatte der Verlag schon vor der ersten Auflage eine Zitier-Erlaubnis eingeholt, bei der Kellerklitsche erst nach dem Aufruhr im Blog. Ging es um die Naivität der Jugend, die sich gar nicht recht erinnern kann, wo sie sich bedient hat, pardon, hat inspirieren lassen? Wurde so gesagt. Quellenangabe? Pah! ...wobei: Man müsste, schlug ein kluger Freund vor, man müsste mal hingehen und die Lobeshymnen zu einem sabbernden Mosaik der intertextuellen Referenzen zusammen-samplen, nicht zu sehr re-mixen, also mehr Fold-in als Cut-up, dann damit bei größerem Medium mehr Asche machen ... und dann lauschen, wie das Parkett knarzt, wie sich die Nackenhaare aufstellen in den Elfenbeintürmchen jener Alt-Bildungsbürger, die doch gerade geschrieben hatten, es sei voll okay, wenn einer klaut. Oder vielleicht finden sie das ja auch wirklich voll okay, vorausgesetzt, das Original kommt aus dem Internet und die Fälschung landet in einem zu verkaufenden Buch, einer Textcollage, einem Kunstwerk?
Ah, ganz neuer Dreher. Blogger und Netz werden beklaut. Ist das nun also die Revanche der Printmedien? Inzwischen kam das Buch auf die Shortlist der für den Leipziger Buchpreis nominierten Romane (Novum für den Verlag (1)). Die Autorin gab zu, sich wohl in dem Blog und anderswo bedient zu haben. Der Klein-Verlag konnte nachweisen, dass ihr Papa eins der 700 Bücher bestellt hatte. Eine Woche später konnte sich die Autorin dann doch an alle Quellen sehr genau erinnern, auf die wird nun in künftigen Auflagen hingewiesen. Ja, äh, wäre da doch eine Frage: Ja, äh, wie hat sie denn gearbeitet? Weiß sie, was von wo stammt oder nicht? Andere Frage, möglicherweise mit derselben Antwort: Wenn sie sich an ihren Text und Stellen – wie man bei Harald Schmidt den Eindruck hatte – gar nicht recht erinnert: Hat sie, anders als die Mitdiskutierenden, das Buch überhaupt gelesen? Oder ging es ihr wie einem der frühen Superfans, und sie fand es sperrig, unfertig und streckenweise schlicht unlesbar?
Ob nun ganz perfide eingefädelt und von einem durch Meta-Ebenen turnenden Schelm inszeniert oder versehentlich hochgequollen: Die Plagiat/Hegemann-Debatte ist für viele Leser – wie an Kommentaren ablesbar – nicht weniger als eine Bankrott-Erklärung des gedruckten Wortes im Feuilleton. Siehe z.B. http://www.magda.de/76/back/26/artikel/axolotl-roadmap/ oder alles beim Auslöser des Falls: http://www.gefuehlskonserve.de/axolotl-roadkill-alles-nur-geklaut-05022010.html
[1] Zu den letzten Literatur-Preisträgern, die vom Ullstein-Verlag zumindest auch verlegt wurden, zählen Knut Hamsun, der 1920 den Nobelpreis erhielt, und Pearl S. Buck, die ihn 1938 bekam.