Wie schon in meinem ersten Bericht von der Popkomm dargelegt – vielleicht auch etwas kraus, aber so ist das eben, wenn man kurz vor Mitternacht auf dem Innenhof der Kulturbrauerei knieend seine Gedanken zu sortieren sucht ... – findet man Rock'n'Roll, also Motzen und Jammern nach wie vor an den Rändern eines mehr und mehr marginalisierten Betriebsfests. Die Tonart ist geblieben. Früher war besser, weil man da über ein früher lamentieren konnte, das noch nicht dermaßen weit zurücklag. Sicher ist, auch angesichts all der Redenschwinger aus Politik und Senat – oder gerade wegen ihrer Präsenz? –, dass Pop da ist, da bleibt, dass die Branche aber wirtschaftlich genauso desorientiert nach Lösungen tastet wie fast jeder in diesem Jahrzehnt. Der Anschluss an die Zukunft fällt allen so schwer wie sonst. Die Leitartikel sind seit 1994 unverändert: Die Musikbranche muss sich im digitalen Zeitalter neu erfinden (wie, weiß keiner so recht); die Popkomm ist auf Rekordkurs, feiert sich angesichts immer mehr Aussteller (die immer skurriler und winziger werden); analog dazu illustriert ein Überblick über die dieses Jahr vertriebenen Longplayer, dass es immer mehr Genres gibt, wobei lediglich »Rock & Pop« mit mehr als 10% am Kuchen teil hat. Der Marktführer unter den Genres, offenbar folgen ihm Macher wie Konsumenten am liebsten: Oldies & Reissues. Die machen fast 30% Marktanteil aus. Der Rest sind Krümel.
Auch dass es nichts Neues gibt, ist ja nicht neu. Dito das Umherirren des Musikkritikers. Abseits der Fragmentierung von Gesellschaft und Kultur haben wir in den wilde wuchernden Nischen lähmenden Stillstand. Warum soll man da noch Kritiker werden, etwas so Abstraktes wie Musik in Worte fassen?, fragte sich schon Boris Vian. Vian, als Schriftsteller so missverstanden, dass es ihn umbrachte, als er die Verfilmung eines seiner Bücher sah, liebte Jazz. Wie man dazu komme, Jazzkritiker zu werden, erklärte er 1949, und einer seiner von a bis v durchdeklinierten Gründe, war: »Um die Pressekarte zu bekommen und sich gratis Platten unter den Nagel zu reißen«. Platten gibt's kaum noch, statt Vorab-Cassetten oder CDs erhält man PIN-Codes, mit denen man im Internet in kommende Tonträger reinlauschen darf. Aber wir haben immerhin die Pressekarte. Baumelt um den Hals – weshalb alle ein bisschen wie Roadies aussehen, in ihren verblichenen T-Shirts und schlecht sitzenden Jeans. Das hat was: Immerhin sehen die meisten Popkomm-Teilnehmer so aus, als wären sie bereit, Hand anzulegen, zuzupacken. Wenn man nur wüsste, wo.
Sponsor des Bändels, an dem die Eintrittskarten hängen, ist nicht mehr MTV oder Vodafone – die haben Pop offenbar beerdigt ... und wer wollte dem oder denen nachtrauern? Nein, der diesjährige Sponsor des Bändels ist Napster. Ja ... ja ... war das nicht lustig, als BMG und andere Majors juristisch gegen diese Garagen-Geeks vorgingen, zugleich ein anderer BMG-Mann die Beklagten aufkaufte? Fast so komisch wie die ganzen Online-Bezahlmodelle, die folgten und allesamt nicht funktionierten – bis ausgerechnet ein Hersteller von Computern von und für Design-Freaks dann doch Kunden 99 Cents pro Song abknöpfte? Doch hier lacht niemand.
Mit dem Pass erhalten wir Zugang zu Panels und Diskussionen, bei denen vorne die Profis reden und wir lauschen. »Urheberrecht nach Korb 2 – Ist noch Musik drin?« wurde gecancelt. Anwesend ist aber Billy Bragg. Nach der Zukunft befragt, weiß der englische Protestrocker (»Don't Try This At Home«) auch keine Antwort. Pragmatisch wie englisch stellt er aber fest, dass wir zunächst herausfinden müssen, wo Musik und Pop heute stehen. Standortbestimmung. Wenn man verloren ist, wenn man nach einer Landkarte greift, muss man zunächst identifizieren, wo man sich befindet – und wie man da hingekommen ist. Klingt plausibel, fast profan – wie Pop eben – ist aber tatsächlich nicht so klar wie die Antwort zu sein scheint. Geld wird mit Musik nach wie vor verdient. Musik ist überall, Konzerte und Festivals laufen hervorragend, so gut, dass die Festivalsaison bis Ende September läuft. Wenn Bragg mit seiner Band so durch die Lande kutschiert, entdeckt sein Keyboarder Ian McLagan bei jeder Pinkelpause in Raststätten CDs, auf denen er – mit The Faces – früher spielte. Dafür erhält er keinen Cent.
Das heißt, und man muss kein erklärter Sozialist sein wie Bragg, um das zu verstehen: Die Industrie warnt und verteufelt Raubkopierer, sie attackiert das Publikum, indem sie Fans als Piraten kriminalisiert, sie versucht einen Keil zwischen Musiker und Fans zu hämmern – dabei hat sie jahrzehntelang Musiker bestohlen oder übers Ohr gehauen oder mit 12% Tantiemen minus Kosten abgefertigt. Die wegen Musik-killenden Raubkopierern laut brüllenden Plattenfirmen können aber nicht übertönen, dass Neue Medien genauso sehr neue Chancen bieten wie frühere neue Medien. Und Piraterie? John Peel begann so, aus Liebe zu Musik, als er bei einem Piratensender anfing. Klar, er hat jede Menge Schrott gespielt, aber eben auch ein paar Perlen. Was er machte, machte er nicht wegen $$$. Bragg weiter: Als er außer Peels Show Mitte der Siebziger Dylan hörte und liebte, begann er sich für dessen Vorbild Woody Guthrie zu interessieren (Slogan auf der Gitarre: »This Machine kills Fascists«). Bis Bragg eine Platte Guthries ergattern konnte, vergingen fast zehn Jahre. Heute ist etwas so Obskures wie eine frühere Platte Billy Braggs zwar nicht in jeder Tankstelle zu finden, wohl aber nur ein paar Mausklicks entfernt. Wir kennen das: Longtail economy.
Genauso wie zu der Zeit, als Musik plötzlich aufgezeichnet und als Musik in Tönen festgehalten, als sie erstmals auf Tonträger fixiert wurde und die Music Publishers, die Verleger von sheet music um ihre Zukunft bangten, genauso ändern sich nun die Kanäle, auf denen mit der Vervielfältigung von Musik Geld gemacht werden kann. Dass weder MySpace noch Apple auf der Popkomm vertreten sind, zwei Firmen, die Vertrieb und Konsum revolutionieren, ist – meine ich – ein Armutszeugnis für die Popkomm-Organisatoren, die stattdessen besuchende Politiker bejubeln (den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, den Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, natürlich den bei keiner Party fehlenden OB von Berlin ...). Bei der Verortung des Hier und Jetzt, bei der Standortbestimmung inmitten all dem Tasten nach der Zukunft, für eine Analyse des bisherigen Weges, wäre es vermutlich hilfreicher, Apple und MySpace bei mehr als einem Panel zu Wort kommen zu lassen.
Stattdessen nun aus Verlegenheit noch mal ein Lacher: Die Schlagzeile von Seite 4 (im Branchenblatt musik.woche) erklärt, warum – außer Musik-TV-Sendern und Nokia – diesmal auch die Plattenfirma EMI nicht mehr dabei ist: Die EMI Group in London hat entschieden, sich nicht von der Musikabteilung zu trennen, der Laden ist selbst für Heuschrecken zu defizitär.
Lesen Sie weiter in Matthias Penzels dritter Kolumne von der Popkomm 2007: »Die Fans flippen aus«