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27.10.06

Matthias Penzel

Von OurWorld zu MySpace – in 3522 Zeichen

Der Witz von den Rechnern, die uns zwar das paperless office bescheren sollten, aber stattdessen Unmengen mehr an Altpapier kreierten, war schon ranzig und faltig geworden, als ich – auf ungebleichtem Umweltschutzpapier – erstmals vom Informationhighway las. Eine komische Sache, über die da ein langer Essay sich ausbreitete. Auch ein komischer Ort, an dem mir das begegnete: In einem Café, mit echtem Kaffee, vorbeifahrenden Autos und Menschen, denen man seine Bestellung von Angesicht zu Angesicht sagte.

Nicht auszumalen, dass irgendwann eine Archäologie des Internets entstehen müsste, dass man mit ethnologischer Methodik mal untersuchen müsste, wie sich das entwickelte, vom e zum m. Natürlich e nicht wie in eMail (oder E-Mail?, oder gar nur Mail, so aber nicht so schön wie female, verwechselbar mit dem, was dann snailmail wurde ... und verschwand, da mehr/minder ausgestorben), sondern e wie in e-Commerce. Cooles Buzzword, keiner wusste, was gemeint ist. Schon zerplatzte die hyperreale Blase, erhielt Mund-zu-Mund von cleveren Börsianern mit dem für Handybenutzer einleuchtenden m als Prefix: m-Commerce statt e-Commerce.

In der Ära davor, das haben wir fast vergessen, zweigte man ab vom Highway in das globale Dorf, hier hatte dann jeder User einen Account (Konto bei der Datenbank Ihres Vertrauens), jeder hatte sein Haus, eine Homepage. Die wurden größer, so wie alles. Der Verkehrsstrom lief schneller, auch als die Telefonleitungen erst mal dieselben blieben. Bits und Bytes flossen durch dick und dünn, jeder war drin, oder bekam von Boris Becker idiotensicher nahegelegt, er müsse es sein. Nun mischten neben geeks und Freaks immer mehr mit, irgendwann hatte auch die Metzgerei am Eck ihre Homepage. Die sahen, wie erste Behausungen in der Entwicklung fortschreitender Verstädterung, immer prunkvoller aus. Hatten Portale. Richtig viel war vor allem an anderen Stellen los. Das muss man sich also mal ausmalen: Autos, Autobahnen, Dörfer mit wachsenden Häuseranzahlen – und was ist die Erfolgsgeschichte?

Suchmaschinen.

Yahoo! waren so erfolgreich, dass sie irgendwann hingingen und ihr Geschäft diversifizierten. Industrievertretern althergebrachter Produkte wurde weisgemacht, sie müssten auch drin sein, also drin im Netz und unbefangen, da gingen Yahoo! hin und druckten eine Zeitschrift. Auf Papier.

Das war natürlich nicht abzusehen, als ich in dem Café saß und diesen Essay las, der von einer kommenden Revolution sprach. Also... so eine Art CB-Funk für die Leute, die sich am Lötkolben immer verbrannt haben, aber trotzdem eigenbrötlerisch und technisch affin sind? So hatte man sich das vorzustellen. Nachlesbar im Katalog der Popkomm von 1994. Also zu einem Zeitpunkt, da das Internet eigentlich ein alter Hut, das Ethernet schon volljährig war. Im Musikgeschäft hatte man besonders in Übersee schon gegen Ende der 1980er Jahre elektronische Mails verschickt. Weil der Datenhighway noch nicht mit solch benutzerfreundlichen Anwendungen wie Mosaic zu begehen war, nannten die Programmierer diese unter mit E-Gitarren werkelnden U-Musikern verbreitete Elektronik-Post EasyStreet.

Freunde von Tönen kommunizierten mit Worten, verstümmelt, dafür aber voller Codes ;-)

Was sich durchsetzte, hatte in seinem Namen vor allem einen Bezug zu den gar nicht abstrakten Erlebniswelten des Echtlebens. Haus und Heim, Briefkasten, Autobahn, Nebenstraße. Dazu Musik, der man nicht andächtig lauscht, sondern die den Hintergrund wegrauscht.

Eine Abzweigung führte zu CompuServe in eine streng abgezirkelte Community. (Über CompuServe schrieb ich das erste Mal, als ich für eine überregionale Tageszeitung auf eine unbekannte Schriftstellerin aufmerksam machte. Die war über dieses neue komische Ding – VoiceMail?, Anrufbeantworter?, nein Netz oder Web oder eben CompuServe, und zwar über ein Forum dort – an einen Buchvertrag gekommen. Ohne dass der Agent sie je getroffen oder gesprochen, ohne dass sie ein Wort auf der Schreibmaschine getippt hätte. Sie hatte sich einfach in einem Forum über Geschichten ausgelassen, bekam dann einen faustdicken Vorschuss – und ist heute mit Fantasy-Romanen, Mega-Sellern in jeder Buchhandlung stapelweise präsent.)

Es ging also weiter, die Sache kam ins Rollen, der Rubel rollte mit, bei Vertragsverhandlungen wurde nun auch über virtuelle Welten und Werte verhandelt, über share options und Luftschlösser, Page-Impressions im Gegensatz zu Visitors. Keiner wusste so recht, was gemeint war, alle machten mit – und es passte wunderbar, dass ausgerechnet einer der größten Hypes, leer an Inhalt und Konzept – boohoo, AFAIK – den Goldrausch stoppte.

Statt B2B war nun P2P das große Ding, dank einem von der Filmindustrie mit Fraunhofer entwickelten Kompressions-Software plus einem Hacker kam MP3, dann Napster, dann Klagen der Plattenfirmen, von denen eine (Bertelsmännlein aus Gütersloh, was sonst?) den Angeklagten kaufte. Und wer immer noch in diesen Metaphern der Altwelt dachte oder sprach oder mailte, also wer von Highways und Homes faselte, diskredierte sich; ein wenig. Mindestens ein klein wenig.

Tja nun, und da sitzen wir nun, Geld weg, Zeit weg, in Second Life, wo keiner die schwarzen Ringe unter den Augen sieht, wo keiner weiß, dass man inzwischen ohne Familie in einem Caravan haust und sich zum Surfen zwischen die Hecken von Reihenhäusern begibt, um dort WLAN anzuzapfen...

Gelernt haben wir vor allem, dass die schönsten Erfolgsgeschichten 2.0, nach wie vor die der Kostenlos-Anbieter von Stadtplänen und Verkehrsschildern sind, vor allem wenn ihr Name mit den Buchstaben oo so eine Art Gütesiegel in sich trägt. Große Erfolge, viele Clicks und Hits auch bei dem Rückzug ins Private: Chats und Sex, Verkehr also in den Nervenbahnen der eigenen hyperrealen Welt-im-Kopf, dazu Musik. Fast unverändert seit dem Tag im Café. Alles, analog zu Dauersellern wie Mode, Musik und Automobilen: immer wieder dasselbe, nur in immer neuem Gewand. Bei allem Wachstum (der Bitrates und Festplatten usw.) und gleichzeitigem Schrumpfen (von Geldbeutel, Geräten usw.) ist der Trend, dass die Metaphern immer kleinere Erlebnisweltchen vorgaukeln.

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Geboren 1966 in Mainz, Kindheit in Straßburg, Kaiserslautern und Ludwigshafen. Zivildienst im Krankenhaus Weinheim, gleichzeitig erste journalistische Arbeiten bei Regionalzeitschriften in [..]

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