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04.11.04

Susanne Plath

Der gute Mensch von Washington

Eines Tages kamen drei Götter auf die Erde um zu sehen, ob man in ihrer Welt gleichzeitig gut sein und geliebt werden könnte. Hoffnungsvoll machten sie sich auf die Suche nach einem würdigen Repräsentanten der Nächstenliebe, doch sie fanden lange nichts. Schon von Zweifeln zermürbt und mit wehen Füßen trafen sie inmitten eines kargen Landes voller Marlboro, Cowboys und Steppe endlich auf einen Mann, dessen Seele rein zu sein schien. Sein Name war Walker, und rein äußerlich war er ein recht einfältiger, erfolgloser und heruntergekommener Texasranger mit einem Alkoholproblem und einem schlichten Gesicht, das ein bisschen an Alfred E. Neumann erinnerte.

Doch er hatte ein gutes Herz und den Traum von einer Welt voller Frieden, Freiheit und Demokratie. Die müden Götter hielten ihn ihrer Mission für würdig und machten ihm zum Geschenk einen mächtigen Staat, zu führen die Welt in das Glück und sich zu machen die Menschen zu Freunden. Und so begab er sich denn nach Washington, wo er der Menschheit fortan verkündigen würde die Gebote der Götter. Doch beim Verkündigen sollte es nicht lange bleiben. Denn es gab viele, die unbelehrbar die Ohren verschlossen und sich an Frieden, Freiheit und Demokratie versündigten. Viele von ihnen hatten gottlose Meinungen, einige hatten unmoralische sexuelle Orientierungen und wenige hatten Öl. All dies konnte Walker nicht hinnehmen und machte sich im Namen der Freiheit auf, es tätig zu ändern. Dabei lernte er zunächst seine Mitmenschen sehr gut kennen. Liebevoll interessierte er sich für sie und wollte alles über ihre Gewohnheiten, Ansichten und Fingerabdrücke wissen. Mit reinigenden Gesetzen, belehrenden Medien, der beständigen Predigt der Vaterlandsliebe und der Unterstützung von religiösen und finanzkräftigen Jüngern brachte er schließlich »viele« und »einige« zumindest im eigenen Land schnell zum tugendhaften Schweigen.

Doch die »Wenigen«, die in der weiten Fremde lebten, waren ihm lange ein Dorn im Auge. Als seinem Land eines Tages von Unbekannten ein Leid getan wurde, hatte Walker sofort den Verdacht, dass die sündigen »Wenigen« die Schuld daran trugen. Und als er sie bestrafte und bei dieser Gelegenheit auch änderte, dass sie Öl hatten, zeigte sich sein großes Herz und er brachte barmherzig die »enduring« Freiheit und Demokratie in ihre unterdrückten Völker. Besonders ein bestimmter dieser »Wenigen« wurde von Walker als gefährlicher Feind von Moral und Frieden unerbittlich bekämpft. Und das war auch Recht so. Denn schließlich muss doch jeder einsehen, dass etwas gegen einen skrupellosen Staatsmann getan werden muss, der...

  • mit seiner Familie selbst auf einem unermesslichen Vermögen aus Ölgeschäften sitzt, während große Teile der Bevölkerung in seinem heruntergewirtschafteten Land in immer größerem Elend leben
  • Bürgerrechte beschneidet
  • Medien manipuliert
  • die Gleichstellung der Frau in Frage stellt
  • sonstige Errungenschaften der modernen westlichen Aufklärung zugunsten mittelalterlicher Intoleranz mit Füßen tritt
  • religiösen Fanatismus propagiert und
  • scheinbar auch vor imperialistischen Angriffskriegen nicht zurückschreckt

Man zeige uns den, der keine Angst bekommt, wenn ein solcher Mann unter Umständen auch noch Zugriff auf Massenvernichtungswaffen haben könnte. Da hatte Walker schon Recht mit seinen Befürchtungen. Auch die Götter sahen das ein und billigten seine entbehrungsreichen Kriege gegen Unfreiheit und Unglauben. Tapfer und unermüdlich, unter Einsatz vieler Menschen und Finanzmittel, die er schweren Herzens ihren Müttern und seinem Sozialsystem entriss, kämpfte Walker einsam gegen böse Achsen, alte Bekannte seiner Vorfahren, und die verantwortungslosen Ungläubigen der »alten« Welt für das Gute.

Doch nur wenige auf der Erde dankten es ihm. Plötzlich gab es überall gottlose Kritik, unverständige Demonstrationen und verleumdende Filme von Männern mit Baseballmützen gegen ihn und seine große Mission. Hunderttausende verhöhnten ihn in den Straßen, als er einmal nur knapp dem Tod durch Brezel entrann, während zugleich seine Soldaten und die freudig auf Frieden wartende Bevölkerung des Befreiungsgebietes im friendly und unfriendly fire standen. Ganze Universitäten, Schauspieler, Musikanten, Mütter und zuletzt gar Babys schlossen sich zusammen gegen ihn, der doch so aufrichtig gut sein und geliebt werden wollte.

Als die Götter dies sahen, waren sie entsetzt. Ihr Bote war gescheitert, die große Nächstenliebe traf auf wenig Gegenliebe, und schon wollten sie resigniert auf ihre Wolke steigen und die Welt ihrer Schlechtigkeit überlassen. Doch Walker stand noch immer wie ein Mann und ließ sich durch Schimpf und »Shame on you!« nicht von seiner Mission der Güte abbringen. Denn er wusste: »Ich habe in der Vergangenheit gute Entscheidungen getroffen. Ich habe in der Zukunft gute Entscheidungen getroffen.«

Und so zogen die Götter den Hut vor Walker und ließen es ihn noch einmal versuchen...

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Susanne Plath

Kommt aus Kiel, war schon in München, wohnt in Berlin und fährt zum Fußball nach Köln.

Geboren wurde sie 1979 an der Ostsee, war jugendlich auf dem Dorf hinterm Deich, hat achtzehn [..]

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