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05.04.05

Susanne Plath

Herdentrieb

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass viele Menschen nicht gern allein sind? Falls Ihnen diese Erfahrung noch fehlt, gehen Sie einmal im Frühling an den leeren Strand. Wenn Sie Binnenländer sind, wählen Sie ein entsprechendes Naherholungsgebiet, gern einen Park, Fluss oder See. Es ist Vorsaison. Sie streben allein in die Natur. Die vereinzelten Menschen lassen Sie bewusst und mit Leichtigkeit hinter sich, sich selbst in der Stille der einsamen Weite geruhsam auf die Decke und musengeküsst in die schöne Welt Ihres Buches fallen. Nach meiner Erfahrung wird es nun nicht lange dauern, bis in der Ferne eine kleine Gruppe Menschen (mindestens aber ein Paar, niemals eine Einzelperson) ahnbar wird, die Sie, ab und an von Ihrem Buch aufblickend, über die weite Ebene näher kommen sehen.

In der Regel sind sie bepackt, oft in Begleitung von Hunden und Bällen, frohgemut und mitteilsam, manchmal auch schweigend und unheimlich starr geradeaus blickend. Erstaunt beobachten Sie, wie diese Menschen unzweifelhaft konsequent auf Sie zusteuern, obgleich Sie inzwischen sicher sagen können, dass Sie sie nicht kennen. Im weiteren Verlauf werden die Menschen ihr Gepäck etwa handbreit neben (falls Sie einen Platz mit Meer- bzw. Fluss- oder Seeblick gewählt haben, in jedem Falle vor) Ihrer eigenen Decke platzieren und sich wohnlich einrichten und (ent-)kleiden. Im Laufe der letzten Jahre sind eigens für diese Menschen so genannte Strandmuscheln auf den Markt gekommen, die Ihnen zwar bei der Beobachtung der verzweifelten Aufbauphase voraussichtlich Spaß bereiten werden, dem inspirierenden Meer- bzw. Fluss- oder Seeblick jedoch ein jähes Ende machen. Ihnen bleibt nur der Rückzug oder fassungsloses Schweigen.

Warum tun diese Menschen das? Sie fahren über quadratkilometergroße praktisch leere Autostrände auf dänischen Nordseeinseln so weit, bis sie ihr Auto quer zum Heck unseres VW-Busses parken können. Sie stellen auf Campingplätzen ihre Klapptische direkt vor meine Schiebetür. Und sie finden mich mit ihrem Kanu mitten im Naturschutzgebiet. Warum? Mögen sie mich? Wollen sie an meinem Leben teilhaben? Mich hören, sehen, fühlen? Wenn ich lese, spreche ich nur in Ausnahmefällen. Ich bin nicht aufregend anzusehen, in der Regel auch nicht nackt o.ä., und wenn ich nackt o. ä. wäre, müsste deshalb ganz gewiss niemand extra kommen. Einen Fühlkontakt weiß ich generell zu verhindern. Oder wollen sie, dass ich an ihrem Leben teilhabe?

Vielleicht sind sie wichtig oder schön oder nett. Ich will das gar nicht in Abrede stellen. Aber muss das ausgerechnet jetzt sein? Vielleicht können sie es nicht ertragen, allein zu sein, suchen Orientierung, eine Führerfigur, und ich strahle etwas Leitwölfisches aus. Oder können sie es nicht ertragen, wenn ich allein bin? Wollen sie mich retten oder bei sich aufnehmen? Haben sie vielleicht einen Menschenmagneten im Bauch? Wer sind sie? Sind sie etwas Besonderes? Oder sind sie ganz normal und ich habe gesellschaftsfeindliche, einsiedlerische Tendenzen? Vielleicht sind es die gleichen Leute, die kein Problem haben, im Halteverbot zu stehen, wenn sie da nur mit anderen eine Reihe bilden können. Oder die, die ihren Einkaufswagen vor Aldi immer in die längste Schlange schieben, weil die anderen auch schon da sind (Vielleicht glauben sie, auch die Einkaufswagen sind nicht gern allein.). Was ist ihre gesamtgesellschaftliche Rolle?

Vielleicht sind sie gefährlich und die Grundlage für Unterdrückung und Diktatur. Leni Riefenstahls »Triumph des Willens« wäre mit lauter massenfeindlichen Einsiedler-Lesern wahrscheinlich weniger atmosphärisch geworden. Oder sie sind vielmehr Botschafter des Friedens, auf der Suche nach dem Woodstock-Gefühl und wollen Liebe und Geborgenheit in der Menge, die ich ignorante Egozentrikerin verweigere.

Ich mag Menschen. Wirklich. Ich gehe mit Begeisterung ins Theater, ins Stadion, auf Konzerte, Demonstrationen und die Kieler Woche. Und ich freue mich von Herzen, wenn möglichst viele andere Menschen das auch tun. Ich lasse mich mitreißen und surfe beglückt auf den Wogen der Masse. Aber manchmal lese ich eben ein Buch.

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Susanne Plath

Kommt aus Kiel, war schon in München, wohnt in Berlin und fährt zum Fußball nach Köln.

Geboren wurde sie 1979 an der Ostsee, war jugendlich auf dem Dorf hinterm Deich, hat achtzehn [..]

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