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07.07.06

Susanne Plath

Deutschland, einig Karnevalsverein

Ach ehrlich, Kinder. Musste das sein? Wir sind doch dieses Jahr schon abgestiegen ...

Jene unter uns, deren Herz der Fußballgott beim 1. FC Köln abgegeben hat, sind Kummer gewohnt. Alle zwei Jahre wieder sickert ein Tränchen in den rot-weißen Schal. (Wacker Burghausen, ein Mal kommen wir noch. Dein Meister 2008). Doch auch verkrustete Wunden reißen nur schmerzhaft wieder auf.

Ohne Deutschland fährt wer nach Berlin? Wie macht man das denn? Wo kam der Italiener her, was ist denn bitte da passiert? Fragen über Fragen und ein betrübtes Kopfschütteln. Wacker (nicht Burghausen aber) geschlagen. Schade, schade. Ein gezogener Hut und ein wehmütiger Blick auf mein letztes Fähnchentattoo. Aber na gut, auch aufrappeln kann man beim FC. Dann müssen wir wohl Dritter werden. Ist das vielleicht so eine Art Zweitligameister? Das hätten wir ja auch schon frohgemut besungen. Alles nur eine Frage der Perspektive. Lasst es noch mal krachen, Jungs – ein fulminantes Fußballfest am Samstag! Warm machen für die EM. Berlin, Berlin, wir wohnen in Berlin! Ansonsten ein herzliches »Allez, les bleus«. Auf den wunderbaren Abschluss eines wunderbaren Turnieres!

Und das war es! Ich hatte also Tickets. Und einerlei, wer letztlich der Weltmeister 2006 sein wird, am 26. Juni im Stadion zu Müngersdorf war eines recht schnell klar: Ich würde ihn nicht gesehen haben. Meine Wunschmannschaft aus der Türkei hatte sich Aufsehen erregend bereits im Vorfeld verabschiedet, aber rot-weiß sollte es für mich dann trotzdem werden.

»Hop Schwiiz!« Dieser reizende Ruf, spaßige Menschen mit Kuhglocken und die allzu vertrauten Farben rührten mein Herz schon bei der Ankunft am Kölner Bahnhof. Die blau-gelbe »Uu-kra-ine« bestach dagegen durch Frohsinn in Unterzahl. Fahne, Farbe, Blumenkränzchen und internationale Wechselgesänge in der Altstadt. Im Vorüberziehen gewann gerade Italien durch einen Elfmeter in der Nachspielzeit, und wir nahmen unbekümmert die Bahn zum Stadion.

Dort erwartete uns reges Weltgetümmel, ein stolzes Ticketzeigen und eine erste Ernüchterung am WM-Getränkestand: amerikanisches Bier? Betreten stand die Menge vor diesem Oxymoron. Zugegeben, das ist eine perfide aber kreative Alternative um die Abstinenz bei Fußballspielen durchzusetzen, ohne alkoholfreie Stadien anzuordnen. Aber liebe FIFA: Globalisierung und Sponsoren gut und schön – da besucht uns die Welt schon mal, und wir bieten ihr nicht mal ein vernünftiges Kölsch an? Schöne Freunde.

Feierlich traten wir nun ein in die heiligen Reihen um den Rasen. Hier war die Welt anwesend und mehr als in Ordnung! Der Kölner sang, die Welt erhob sich zu den Hymnen. (Entgegen besserer Vorsätze nicht textsicher wünschte ich mir vergeblich ukrainisches Karaoke über die Leinwand.) »Hop Schwiiz« rief ich fröhlich. Und was das Spiel betrifft, passierte nicht viel mehr. Es wurde tatsächlich das wohl langweiligste der WM-Geschichte. 22 Spieler warteten auf Besuch von der anderen Seite und verließen nur widerwillig den Mittelkreis. Zauberfußball und zwei Mannschaften, die auf Konter spielten. Folglich gab es nix zu kontern. Zur Beschäftigung fiel man viel. Über den Gegner, den Ball, sich selbst. »Wir wollen mehr Sanitäter, mehr Sani-tääter«, schallte es bald vergnügt durch das Stadion. Vielleicht liegt bei der Schweizer Flagge die Tücke im Detail: Rot und Kreuz – wehte daher der Wind? (Wir wollen keine Werksvereine!)

Das Publikum feierte schließlich sich selbst, Lukas Podolski, Spitzebützje und das Ausscheiden der Holländer vom Vorabend. La Ola schwappte wunderbar, und das Spiel endete mit dem historischen Ergebnis 0(!):3 nach Elfmeterschießen. Die Ukraine gewann, und ein strahlender Ukrainer schoss ein Foto von mir. Mit meiner Schweizer Fahne im Arm eines anderen Ukrainers vor den jubelnden Rängen. Die beiden denken, sie haben mich besiegt und werden mich zu Hause rumzeigen. Es war ein lustiger Abend. Ich finde, wir machen das in vier Jahren wieder hier!

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Susanne Plath

Kommt aus Kiel, war schon in München, wohnt in Berlin und fährt zum Fußball nach Köln.

Geboren wurde sie 1979 an der Ostsee, war jugendlich auf dem Dorf hinterm Deich, hat achtzehn [..]

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