Jetzt ist sie also wieder weg. Abgeflogen in die Heimat. Wir werden sie vermissen. Und so hatte alles angefangen: »Um 13.40 Uhr landete am Dienstag ihr Flugzeug, ein Airbus 320, auf dem Berliner Flughafen Tegel. Mit 21 Salutschüssen wurde sie beim Verlassen des Flugzeugs begrüßt.« Und ab diesem Moment war in Berlin nichts mehr so, wie es einmal gewesen war. Wir wussten von nun an immer, wo sie war, was sie tat und was sie dabei trug. Ob wir wollten oder nicht. Vor allem die Kleidung der Königin war insgesamt das, was die Gemüter in diesen aufregenden Tagen umtrieb. Am ersten Tag machte man sich bei meinem Radiosender große Sorgen, da die Dekoration der Straße zum Schloss Charlottenburg von gelben Blumen geprägt war, während die Queen in Mintgrün gekleidet war. Sollte man umdekorieren? Oder würde sie sich noch umziehen? Tagesschau.de (Die Tagesschau!) berichtete interessanterweise, dass »die Königin, die einen sandfarbenen Mantel mit gleichfarbigem Hut trug«, am Flughafen empfangen wurde. Der amerikanische Präsident wurde gewählt. Die U-Bahn-Nachrichten diskutierten das Kostüm von Liz (auch wenn das im Nachhinein sicherlich leichter zu ertragen ist, als das vorenthaltene Wahlergebnis). Niemand hat übrigens gefragt, was Horst Köhler anhatte. Oder seine Frau. Ich habe auch noch nie gehört, was Kofi Annan anhatte, wenn er hier war. Und ich hatte bisher eigentlich nie das Gefühl, dass mir was fehlt.
Was mich persönlich denn auch mehr beeindruckte als Hüte, war, dass ich nicht mehr ungehindert S1 fahren konnte. Denn die Queen kann etwas, was ich wirklich bewundere: Sie kann Pendelverkehr machen. Ein Privileg, das sonst allein Selbstmördern und Max Maulwurf vorbehalten ist. Sie wollte volksnah mit der S-Bahn nach Potsdam fahren. Allerdings natürlich so volksnah, dass das Volk so lange nicht mehr nach Potsdam fahren konnte.
Auch sonst kam man eigentlich nirgends mehr einfach so hin. Straßensperren hat Kofi Annan auch schon geschafft, aber niemals so viele. Wenn in Berlin irgendwo in den Straßen randaliert wird oder ein Sturm Bäume und Imbisse verweht, ruft mich meine Oma aus ihrem Dorf besorgt an und fragt, ob mit mir alles in Ordnung ist, obwohl ich oft nicht einmal mitbekommen habe, dass was war. Man kann in dieser großen Stadt von fast allem nichts mitbekommen. Aber nicht von der Queen. Omnipräsenz ist royales Programm. Und so drang sie auch in die Fernsehunterhaltung. Die ARD präsentierte stolz stundenlang live »Die Queen in Deutschland«. So lange halten sich die Öffentlich-Rechtlichen sonst nur mit hochwohlgeborenen Hochzeiten oder Beerdigungen auf – da passiert auch ewig gar nichts, aber zumindest mal irgendwann etwas. Hier warteten wir auf das Auto – übrigens einen extra angefertigten umweltfreundlichen roten Bentley, über den wir in Anbetracht der akuten Geschehensflaute mehr erfahren haben als bei »Abenteuer Auto«. Es war kalt und grau. Aber wir warteten mit der ARD, denn die Ankündigung klang aufregend: »Auf der Fahrt eskortieren 15 Polizisten auf Motorrädern als Ehrenformation den Bentley. Insgesamt sind in der Hauptstadt für die Sicherheit der Monarchin rund 1.000 Polizisten zu Lande, zu Wasser und in der Luft im Einsatz.« Meine Güte, ist sie ein Castor?
Vor dem Schloss Charlottenburg passierte trotz erwarteter Ehrenformation immer noch gar nichts. Es war immer noch nur kalt und grau. Ein ARD-Adelsexperte irrte inmitten der gähnenden Langweile umher und befragte die Schaulustigen. Zu einer Rollstuhlfahrerin: »Und Sie haben sich auch extra herfahren lassen. Ja, da freuen Sie sich auch schon sehr auf die Königin?« »Schon, aber leider ist hier so weit abgesperrt, ich kann gar nichts sehen.« »Ja, man freut sich hier schon sehr. Ein großer Tag. Wen haben wir denn hier noch?« Er fand dann noch die letzten beiden kleinen Mädchen, die die Adelsbewunderergemeinde noch nicht an Detlef D! Soost verloren hat und die hinter der Absperrung sagten: »Ja, wir freuen uns auch sehr. Vielleicht winkt sie ja.« Dann trat der Adelsexperte verlegen auf der Stelle und wir warteten wieder gespannt auf das Auto.
Abends (jetzt trug sie ein violettes Glitzer-Abendkleid) waren 250 – uns weitgehend unbekannte – Menschen zum Bankett mit der Queen geladen. Alle schüttelten ihr die Hand (zumindest über Bizeps muss die alte Dame verfügen) und wir wurden durch die ARD Gott sei Dank in die Lage versetzt, alle 250 Händeschüttler beim Händeschütteln zu beobachten. Zwischendurch sprach der Adelsexperte – leise und taktvoll, so als würde er sonst die Zeremonie stören – von der erwarteten Speisefolge. Man darf bei solchen Szenen nicht darüber nachdenken, dass man dafür Rundfunkgebühren bezahlt. Aber vielleicht sind solche TV-Veranstaltungen gewerkschaftlich geschützt in ihrer Eigenschaft als Existenzberechtigung für die seltsame Spezies der Adelsexperten. Die Königin sprach sich beim Bankett im Zeughaus für Toleranz und gegen die immer noch gängigen »stereotypen« Vorstellungen der Völker voneinander aus. Entschuldigung, aber wenn nicht diese drei Tage stereotype Vorstellungen nahezu zelebriert haben, weiß ich auch nicht.
Ich habe sie übrigens nicht gesehen. Jedenfalls nicht in echt, aber sonst immerzu. Ich muss sie nie wieder sehen (wenn ich sie überhaupt schon mal sehen musste): Ein Besuch der Queen in Ihrer Stadt liefert die gesamte Lebensdosis an Königlichem Brimbamborium. Und nächstes Mal will ich wissen, was Kofi Annan anhat.