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»Und täglich laubsaugt der Hausmeister von gegenüber« vorgetragen von Melanie Knapp
(Bitte beachten Sie unseren Rechtevorbehalt).

19.11.04

Susanne Plath

Und täglich laubsaugt der Hausmeister von gegenüber

Die Welt hat schon viele schwachsinnige Geräte gesehen. Es gibt Eierschneider, Tomatenschneider, Kartoffelspiralringler und Radieschendekorierer. Ich habe ein Messer. Es gibt auch Teleskop-Salatbesteck, ferngesteuerte Getränkebringroboter oder selbstöffnende Mülleimer. Aber mein Lieblings-schwachsinniges-Gerät ist der Laubsauger. Ich weiß nicht, ob er es auch dann geworden wäre, wenn er nicht auch das Lieblings-schwachsinnige-Gerät des Hausmeisters von gegenüber wäre. Leider bin ich in dieser Situation nicht.

Das wird mir besonders zu dieser Jahreszeit immer wieder erschreckend deutlich. Ich arbeite oft in Nachtschichten und muss tagsüber viel lesen. Der Hausmeister von gegenüber definitiv nicht. In verlässlicher Regelmäßigkeit treibt er mich laubsaugend aus dem Bett und bringt mich mit Geräuschen irgendwo zwischen Rasenmäher und Boeing 737 um den letzten Nerv. Dabei ist dieses Gerät zu nichts gut. Der Hausmeister bläst (ja, er hat einen Laubblaser – Dieser Gartengeräteterminus hätte es im Schön-Wort-Wettbewerb sicherlich nicht in die Nähe der »Rhabarbermarmelade« geschafft) das Laub vor seiner Einfahrt eine geraume Weile hin und her und schließlich vom Weg an den Rand des Weges. Aber er bläst nur und entfernt nichts. Es dauert gerade im windigen Herbst – und sonst ist ja kein Laub zum Wegblasen da – circa 7,3 Minuten bis das Laub wieder genauso liegt wie vorher. Der Hausmeister bläst dann am nächsten Tag wieder. Ich kann verstehen, wenn jemand in der heutigen Zeit Angst um seinen Job hat. Aber diese sehr eigene Arbeitsbeschaffungsmaßnahme des Hausmeisters von gegenüber ist zu viel für mich. Er ist ein herbstlicher Albtraum – das Grauen erregende Perpetuum Saugii.

Ich bin auf dem Dorf groß geworden und habe als Kind im Herbst regelmäßig mit Begeisterung rote und gelbe Blätter gesammelt, gepresst und in Papas Brockhaus vergessen. Am Buß- und Bettag sang ich alten Menschen fröhlich »Bunt sind schon die Wälder« vor, ließ auf dem farbenfrohen Feld meinen Drachen steigen und tanzte unbeschwert durch die herabfallende Pracht. Heute hat das alles einen schalen Beigeschmack.

Doch seit einiger Zeit sind Naturschutzverbände zur Rettung des harmonischen Herbstes aufgebrochen und machen Front gegen mein Lieblings-schwachsinniges-Gerät. Sie sprechen von »gefährlich hohen Emissionswerten bei Lärm und Abgasen« und »ökologischen Folgeschäden« für den bloßgesaugten Boden sowie zahlreiche »boden- und krautschichtbewohnende Kleinlebewesen«. Denn der Hausmeister von gegenüber nervt mit seinem zweitaktigen Spielzeug nicht nur mich, sondern schreddert skrupellos nichtsanhnende Tierchen durch seine Häckselturbine – wie eine Art innerstädtischer Offshore-Windpark für Käfer, Schnecken und ihre Freunde. Entsprechend ihrer Zerstörungskraft haben Laubsauger bzw. -blaser anschauliche Namen wie »ALKO Hurricane 75B« oder »Gloria Tornado Vario 2002«. Durch diese motorisierten Naturkatastrophen bringt es der Hausmeister von gegenüber mit bis zu 115 Dezibel auf den Geräuschpegel eines Presslufthammers – und das immerhin bei einer Tätigkeit, die man mit einer schweigsamen Harke effektiver gestalten könnte. Aber vielleicht ist das so eine Männersache, von der ich nichts verstehe: Wer am lautesten kann es...?

Auf einer Laubblaserratgeberwebseite findet sich eine verheißungsvolle Warnung vor den Blasgeschwindigkeiten von 250 km/h und mehr:

»Vorsicht vor aufgewirbelten und herum fliegenden Gegenständen. Besonders gefährlich ist dabei der Rückstoßeffekt an Mauern oder Hauswänden.«

Und das macht mir nun wieder Mut. Kennen Sie die Obi-Werbung mit dem Hochdruckreiniger? Ich wohne im 4. Stock, aber wenn der Hausmeister von gegenüber mit seinem Hurricane 75B nicht aufpasst, kommt er vielleicht mal an meinem Balkon vorbei und ich kann ihm die Meinung ins Gesicht sagen. Dieses Erlebnis würde mich für einiges entschädigen.

Ich versuche manchmal, mir zu erklären, warum der Hausmeister von gegenüber all das tut. Männer haben ja manchmal Spaß an Geräten. Vielleicht hat er irgendwann einmal unbedarft angefangen zu blasen, dann die giftigen Blaserabgase eingeatmet, die dem Gehirn des Blasenden so gefährlich nahe kommen und so die Möglichkeit verloren, sein weiteres Handeln vernünftig zu durchdenken. In diesem Fall wird es voraussichtlich immer schlimmer und ich stehe ohnmächtig vor einem klassischen Teufelskreis. Oder aber der Hausmeister von gegenüber ist ein großer Baumfreund. Denn die Bürger Berlins werden regelmäßig im Herbst aufgefordert, das Laub von den Straßen zu entfernen, um die Kastanie vor der schädlichen Miniermotte zu schützen. Im selbstlosen Kampf gegen diesen Feind wirft der Hausmeister sich ins Gefecht, und mein Frieden und all die gehäckselten krautschichtbewohnenden Kleinlebewesen sind das zu opfernde letzte Aufgebot dieser wackeren Armee. Man muss schließlich Prioritäten setzen. »Alles kranke Arschlöcher«, sagt mein Freund. Und dieser Ansatz scheint mir schließlich auch am überzeugendsten. Bald fällt der erste Schnee. Ich hoffe, dann nimmt der Mann die Schaufel...

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Susanne Plath

Kommt aus Kiel, war schon in München, wohnt in Berlin und fährt zum Fußball nach Köln.

Geboren wurde sie 1979 an der Ostsee, war jugendlich auf dem Dorf hinterm Deich, hat achtzehn [..]

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