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26.06.05

Susanne Plath

Gottes Werk und von Böttichers Beitrag oder
Der grüne Daumen sieht schwarz

Neuwahlen oder nicht Neuwahlen, EU-Verfassung tot oder nicht tot, Linkspartei und rechts zwei, drei ... In diesen Tagen wird viel geredet, viel Verwirrung gestiftet und gepflegt. Und keiner weiß mehr so recht, worum es eigentlich geht. Da freut man sich doch, wenn ein Politiker mal Tacheles redet und Inhalte auf den Tisch packt.

So geschehen vor einiger Zeit in Husum. Der (damals noch designierte, inzwischen von Carsten-Harry, äh Peter-Carsten ... na, Sie wissen schon, rechtmäßig ernannte) schleswig-holsteinische Minister für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume, Dr. Christian von Bötticher, referierte beim 32. Internationalen Agrar-Forum und sagte deutlich seine Meinung. »Wir haben viel zu lange die Landwirtschaft den Grünen, den Ideologen und Umweltverteidigern überlassen«, zitieren die Husumer Nachrichten den Unionspolitiker.
Zu deutsch: Grüner Daumen erzittere – jetzt kommt die schwarze Faust. Endlich klare Prioritäten:
»Seltene Tier- und Pflanzenarten sollen nach seinen Worten nur noch geschützt werden, wenn dies einem bestimmten Zweck diene, zum Beispiel, wenn Touristen diese seltenen Arten sehen möchten. Existiert kein solches Interesse, soll die landwirtschaftliche Nutzung Vorfahrt haben, betonte Christian von Bötticher und erhielt Applaus aus dem Publikum.«

Gut, dass es in Schleswig-Holstein keine Krokodile, Löwen oder Elefanten gibt. Die wollen sehr viele Touristen sehen – aber die richtig gut betuchten Touristen wollen sie nur dann richtig gerne sehen, wenn sie sie auch erschießen dürfen. Solche Sonderfragen stellen sich für den norddeutschen Politiker höchstens bei der kuscheligen Robbe: Süße Knopfaugen für Familien oder Flauschpelz für Madame? Man müsste da mal eine Effizienzstudie machen. Aber abseits solcher Ausnahmefälle wird jetzt manches leichter. Wie viele Kämpfe haben sich diverse Umweltverbände und Individualhippies schon mit Landwirten, Autobahnen und Flughäfen geliefert, um völlig belanglose Tiere und Pflanzen zu schützen, von denen man noch nie gehört hat. Wer braucht mehrere Libellenarten? Was verdient man mit dem unauffälligen Birkhuhn? Viele wachstumshemmende Diskussionen werden uns in Zukunft wohl erspart bleiben.

Nehmen wir z.B. die Gentechnik. In Brandenburg tobt zurzeit ein heftiger Ökokrieg zwischen Biobauern und einem Nachbarn, der genmanipulierten Mais auf seine – und zwischen ihre – Felder bringt und meint, das Saatgut würde sich sicher an die Feldergrenzen halten und nicht mit dem Wind oder durch Tiere transportiert werden (Vielleicht haben die Genmanipulierer dem Mais das auch beigebracht?). Der Genbauer findet sich fortschrittlich und unbedenklich, die Biobauern fürchten dagegen um die Unversehrtheit ihrer Ernte.
Von Bötticher bringt Licht in die Diskussion: »Wenn Menschen Gene verändern, ist das wie ein Kometen-Einschlag – nämlich ganz natürlich.« Einsehbar. »Außerdem ist der Mensch ein Werk der Schöpfung – somit sind seine Taten das dann auch«, zitieren die Husumer Nachrichten weiter, und »Somit ist Gentechnik ein Werk der Schöpfung.«

So einfach ist das also: Mensch = Werk Gottes => Alles, was Mensch ausdenkt = von Gott abgesegnet. Wenn das Otto Hahn noch hätte erleben dürfen. Man mag sich kaum ausmalen, was der christdemokratische Minister Gott noch alles unterschieben mag, wenn das einzige Kriterium für dessen Segen ist, dass es jemand tun kann. Wollte Gott Nazis? Wollte er das Dschungelcamp? Ich könnte mir auch den kleinen Zeh abhacken und ihn an mein linkes Ohrläppchen tackern. Das hätte ich als Gotteskind erdacht und kunstvoll in die Tat umgesetzt. Ist es deshalb gesund? Will Gott das? Vielleicht. Damit erübrigt sich auch endlich eine lästige Frage, die gerade unser nördlichstes Bundesland noch immer bewegt: Gott ist der Heide-Mörder!

Ganz nebenbei löst der Landespolitiker damit (Ich will nicht gerade sagen, mit links, aber immerhin) mit Leichtigkeit ein Problem, das Generationen von Philosophen umgetrieben hat: Der Theodizee-Gedanke verpufft in Wohlgefallen, denn also sprach von Bötticher: Gott ist weder tot noch parteiisch. Gott ist neoliberal.

Vielleicht könnte man die beiden erwähnten Kerngedanken dieser Rede zusammenfassen und in einem neuen Marketingkonzept für die wirtschaftlich angegriffene Tourismusregion im Norden nutzbar machen. Überreichen wir doch jedem Strandurlauber bei seiner Einreise nach Schleswig-Holstein einen Evaluationsbogen zur individuellen Bewertung der vorhandenen Flora und Fauna. Dann liegt man gemütlich in der Strandmuschel und macht Kreuzchen bei Fragen wie »Wie gefällt Ihnen die Silbermöwe auf einer Skala von 1 bis 6?« In einer freien Spalte wäre Platz für Änderungsvorschläge.

Die Auswertung dieser Umfragen könnten zur Grundlage gentechnischer Forschung gemacht werden. Standortattraktivität durch zielgruppengemäße Verschönerungen des Reiselandes: Das Strandgras ist Ihnen zu pieksig? Wir machen es flauschweich! Sie mögen keine Schafe? Weg damit! Es irritiert Ihre Kinder, dass die Kühe hier nicht lila sind? Kein Problem! Wir haben den Segen zum Färben.

Und die CDU ist schließlich Papst und kennt sich außerdem aus mit blühenden Landschaften.

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Susanne Plath

Kommt aus Kiel, war schon in München, wohnt in Berlin und fährt zum Fußball nach Köln.

Geboren wurde sie 1979 an der Ostsee, war jugendlich auf dem Dorf hinterm Deich, hat achtzehn [..]

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