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30.01.08

Susanne Plath

Eine Telefonnummer. Nur eine ganz kleine. Bitte.

2008. Berlin. Warum. Wenn ich noch einmal irgendwo anrufen muss, wo mich eine Computerstimme auffordert »bitte jetzt deutlich D-S-L« zu sagen, werfe ich mich mitten auf dem Hermannplatz auf den Boden und schreie so lange, bis jemand gemacht hat, dass ich nach Hause gehen kann und dort meine Mails finde: »DSL DSL DSL DSL DSLLLLLLLLLLLL ...«
Doch selbst dann werden sie mich dort liegen lassen. Weinend im Schmutz der Straße. Und langsam verhallt meine Klage. Wie beim Kojoten, wenn er vom Fels fällt. Mip-mip – weg ist der Telefonanbieter. Zurück bleibt nur seine höhnische Staubwolke. Während sich meine Tränen auf dem Asphalt mit der Asche meines Elends vermischen.

Bitte. Ich möchte doch nur eine Telefonnummer.

Es war eines bitteren Tages im September (ja, der vor vier langen Monaten). Ich war wütend auf meinen Provider. Als ein halbes Jahr zuvor der Anschluss gekommen war, hatte ich ganz allein die Kabel so zusammengesteckt, dass er funktionierte. Und war stolz gewesen. Fun-Flat. Flat-Fun. Hurra. Doch wenige Zeit später hatte plötzlich nichts mehr funktioniert. Rauschen im Telefon, kein Internet. Schade. Kann ja mal passieren. Ich hatte die Hotline angerufen, Nummern gedrückt, ein paar Umwege über »Da verbinde ich Sie mal mit unserer ...«. Irgendwann freundliche Hilfe. Es ging wieder. Toll. Eine Woche später ging es wieder nicht. Ich rief an, sagte deutlich »D-S-L« und wurde verbunden. Heute lag es an etwas anderem. Noch immer nettes Geplauder.
Beim sechsten Mal war ich nicht mehr nett gewesen. Inzwischen hatte ich fast täglich die Kabel neu gesteckt, »mal den Stecker rausgezogen, bitte, und einen kurzen Moment« gewartet, meinen Rechner getauscht, gelernt im Schlaf Breitband-Verbindungen manuell einzurichten und drei verschiedene Modems des Anbieters im Flur stehen. Immer hatte es kurz geklappt. Dann wieder nicht. Nun war seit Tagen ganz Funkstille. Und jetzt war Schluss! An diesem Tag im September war ich entschlossen, souverän und ein mündiger Verbraucher, der sich das nicht länger bieten lassen musste: »Ich kündige. Fristlos!«
»Machen wir, das kann ich verstehen«, sagte der Mann in der Hotline. »Donnerstag schalten wir Sie ab. Und wo wollen Sie dann hingehen?« Ich verriet es ihm.
»Das würde ich an Ihrer Stelle nicht tun. Da kommen Sie ja vom Regen in die Traufe.«
Ich fand die Antwort lustig.
War sie aber nicht.

Noch am selben Tag sagte ich in der anderen Hotline »D-S-L« und schloss einen neuen Vertrag ab. Surf & Phone. Schön wär's ja. Vorsichtig träumte ich mich auf die Welle der kommunikativen Glückseligkeit.
»Kein Problem, Sie wohnen ja mitten in Berlin, da gibt es keinerlei Schwierigkeiten mit der Verfügbarkeit. Es wird so etwa drei bis vier Wochen dauern.« In Ordnung, mit der nervigen Übergangszeit ohne jeden Anschluss müsste ich dann wohl mal kurz leben und mir Laptop und Handy unter den Arm klemmen. Ich bräuchte DSL und Telefonnummer allerdings dringend beruflich und spätestens Mitte November wieder unbedingt, aber bis dahin müsse es ja längst eingerichtet sein. Die Dame in der Hotline lachte: »Ja, na sicher!«
Was dann passierte, hätte mir Warnung sein müssen. Ich bekam keine Auftragsbestätigung und rief an, um danach zu fragen.
»Doch, die haben Sie bekommen. Per Mail«, sagte die Mitarbeiterin.
»Nein, habe ich nicht«, entgegnete ich, »das hätte ich ja bemerkt.«
Nach längerer Kreisdiskussion stellten wir fest, dass der Dame in der telefonischen Auftragsannahme ein Schreibfehler bei meiner E-Mail-Adresse unterlaufen war.
»Na, das macht ja nichts«, sagte ich. »Gut, dass wir das gefunden haben. Dann schicken Sie mir bitte jetzt die Bestätigung.«
»Das geht nicht«, antwortete die Mitarbeiterin.
»Warum denn das?«
»Wir können diese Mail nur einmal schicken.«
»Ja, aber ich habe sie doch noch keinmal bekommen.«
»Wir haben sie aber schon einmal geschickt.«
Ich war erstaunt. »Aber doch nicht an mich.«
»Das ist schade. Aber daran kann ich nichts ändern.«
»Sie sind ein DSL-Provider und nicht in der Lage, mir eine E-Mail zu schicken?«
»Daran kann ich nichts ändern«, wiederholte sie. »Aber Sie können den Stand Ihrer Bestellung und die Richtigkeit der Daten gern über Ihr Login auf unserer Website überprüfen.«
»Das habe ich bereits versucht«, antwortete ich wahrheitsgetreu, »aber dazu muss ich meine Kundennummer angeben, die ich nicht weiß, da ich ja noch keine Auftragsbestätigung bekommen habe. Würden Sie dann vielleicht so freundlich sein und sie mir telefonisch sagen?«
»Das darf ich nicht.«
Ich hätte an diesem Tag noch widerrufen können. Bitte frage mich niemand, warum ich es nicht tat.

Gut fünf Wochen später bekam ich Post. Ich war aufgeregt. Das lange Warten hätte ein Ende. Endlich würde es so weit sein! Mein Technikertermin zur Freischaltung. Und dann könnte ich surfen & phonen und die Welt wäre wieder schön und ... Hektisch vergnügt öffnete ich den Umschlag: »Werden Sie Best-Seller!« Häh? »Kunden werben Kunden. Nutzen Sie unsere attraktiven Prämien zur ...« Werbung. Geknickt stand ich im Hausflur. Best-Seller, ts. Ausgerechnet. Und wer wirbt mir Kunden, um lauter Bestseller zu bearbeiten, wenn ich niemals mehr einen Büroanschluss bekomme? (Hey, vielleicht haben die das Problem überhaupt auch? Die können da selbst nicht telefonieren und müssen ihre Akquise per Brief auf die Kunden abwälzen. Falls denen mal jemand auf der Straße begegnet). Werden will ich auch keiner. Wen soll ich denn für so was auch noch werben wollen? Ich mag meine Freunde und möchte sie behalten. Es ist nicht fair, andere mit in den Abgrund zu ziehen, nur weil man selbst da nicht so allein sein möchte.

Kurz vor Weihnachten fand ich einen neuen Brief. Schon während der vergangenen Monate hatten wir diverse Mails und Telefonate gewechselt und ich hatte mich wieder und wieder »bitte noch gedulden« sollen. Auch heute las ich: »Sicher warten Sie bereits auf die Freischaltung Ihres Komplettpakets«. Nein, wie kommen Sie darauf? Ehrlich gesagt habe ich es langsam aufgegeben, mein Internetcafé als Nebenwohnsitz angemeldet und belege einen Volkshochschulkurs in Kommunikation durch Trommeln. »Aufgrund der hohen Nachfrage in Ihrem Anschlussgebiet verlängert sich derzeit ...« Reicht schon, danke. »Bitte haben Sie noch etwas Geduld.« Natürlich, hab ich doch immer.
Genau zwei Tage später erreichte mich weitere Post. Das war ungewöhnlich. Normalerweise waren die Abstände größer, um mich weiter hinzuhalten. Best-Seller hatte ich auch erst vor einer Woche wieder einmal werden sollen, mich jedoch beharrlich geweigert. Vielleicht wollten sie mir das vorwerfen?
Nein: »Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir bedauern sehr, dass der Anschluss aus technischen Gründen nicht eingerichtet werden kann. Ihre Bestellung haben wir daher storniert.«
Ich schwieg und las weiter.
»Aber: Wir haben auch für Sie den passenden Tarif! Überzeugen Sie sich auf unserer Website – oder rufen Sie uns doch einfach an ...«

Ich habe seit diesem Tag einen Vertrag bei einem neuen Anbieter. Er sagt, dass es für ihn nichts heißt, dass der andere mich technisch nicht einrichten konnte, er könne das bestimmt. Zur Begrüßung habe ich einen family-Pass von ihm bekommen. Ich finde das nett und fühle mich angenommen. Aber noch lieber hätte ich DSL. Gestern kam Post. Ich hätte eine sehr gute Wahl getroffen, sagen sie. »Daher bedauern wir es umso mehr, dass sich die Bereitstellung Ihres Anschlusses noch ein klein wenig ...«

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Kommt aus Kiel, war schon in München, wohnt in Berlin und fährt zum Fußball nach Köln.

Geboren wurde sie 1979 an der Ostsee, war jugendlich auf dem Dorf hinterm Deich, hat achtzehn [..]

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