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»Alle Nacht' umgebracht« vorgetragen von Gerlinde Pölsler
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12.06.01

Gerlinde Pölsler

Alle Nacht' umgebracht

"Heute nacht", sage ich und versuche, beiläufig zu klingen, das kann ich schon gut, "habe ich jemanden umgebracht."
"Schon wieder?" R. lässt die Zeitung sinken, ich schaue beim Fenster raus.
"Wen?"
"Einen Mann."
"Was heißt 'einen Mann', wen?"
"Ich weiß nicht."
"Wieso?"
"Ich musste."
"Wieso?"
"Er hat mich verfolgt, schon die längste Zeit, ich musste."
"Wie dieses Mal?"
"Ich hab ihn erschlagen. Da war auf einmal so eine Schaufel, und damit."
"Wo hast du ihn hingetan?"
"Ich hab ihn in die Couchtruhe in der Hütte getan."
"Du hast ihn dort liegen lassen?"
"Ich hab eh die Zeitungen wieder drüber gebreitet und den Deckel zugemacht. Und den Teddy draufgesetzt."
R. drückt sich mit einer Hand ein Auge zu. Er will wie üblich nicht der Realität ins Antlitz schauen.
"Da ist er aber noch gar nicht tot gewesen", fahre ich fort.
R. sieht müde aus.
"Weißt du was", seufzt R. und zieht sich mit beiden Händen das Gesicht lang, die Mundwinkel ganz weit runter – "ich glaube, es war ich."
Ich spitze die Lippen und schaue nach unten. Auf mein Radieschen.
"Hast du mich umgebracht?", fragt R.
"Nein."
"Ich glaub's dir nicht. War es ich?"
"Wie kannst du mir so etwas unterstellen?", sage ich laut und tue böse.
"All diese Männermorde dauernd – unbewusst willst du mich umbringen."
"Ich will dich nicht unbewusst umbringen."
"Na noch besser!", R. kriegt das Brotmesser zu fassen, "du willst mich bewusst umbringen!" Er sticht auf das Brett ein. In gleichmäßigem Rhythmus; er hat wirklich Taktgefühl.
"Ja wundert es dich, wenn du immer so ein Aggressor bist?" Ich reiße die Augen auf.
"Du gibst es also zu? Du hast die ganze Zeit mich umgebracht all die Male, immer wieder, auf die schauderlichsten Arten?"
"Ich weiß es nicht!", ich werfe das Radieschen nach ihm.
"Hör auf, mit Radieschen nach mir zu werfen!"
"Geh komm", sage ich, "das hat doch nun wirklich nicht weh getan."
"Entschuldige dich dafür!"
"Entschuldige bitte, Radieschen", sage ich und greife nach dem Radieschen. Doch das hat R. wieder mal auf seine Seite gezogen, ich will ja gar nicht wissen, mit welchen Methoden; es dreht sich missbilligenden Blickes weg.
"Bei mir sollst du dich entschuldigen!", empört sich R. und spießt das Radieschen auf sein Messer. Das find ich aber schon brutal.
"Meinetwegen", sage ich, "entschuldige ich mich für geworfene Radieschen, die mir zugeschrieben werden."
"Lenk nicht ab", lenkt R. ab. "Du bringst mich also alle Nacht' um."
"Ja wenn ich so nachdenke", trotze ich nun, "glaube ich, es warst wirklich du... ein paar Mal aber nur."
"Was heißt übrigens", fällt ihm wieder ein, "'da ist er noch nicht tot gewesen'?"
"Ich hab geglaubt, er sei es. Zwei Wochen hab ich mich nicht in die Hütte getraut. Als ich dann wieder hinkomme, wundere ich mich, dass es gar nicht so arg riecht..."
"Was wolltest du überhaupt dort?"
"Ihn woanders hintun. Aber dann mach ich den Deckel auf und... er hat sich bewegt. Er hat müde ausgesehen...".
"Ja und dann? Hast du ihn leben lassen?"
"Ja", lächle ich und lasse das Radieschen frei, das sofort über alle Berge ist, so gut es das halt kann, so wie es humpelt. "Ich hab ihn woanders hin gebracht; da findet ihn keiner. Diesmal ist es ja interessant: Lasse ich ihn leben, muss er sterben – ich bin echt neugierig, ob es ausnahmsweise ein anderes Ende nimmt. Es wär das erste Mal! Inzwischen hab ich ein paar Sachen mit ihm ausprobiert, nicht unbedingt schöne Sachen, die..."
"Ab nun schlafe ich nicht mehr neben dir", unterbricht R. "Wer weiß, am Ende setzt du deine Träume mal in die Tat um; ich hab aber noch ein paar Kleinigkeiten vor, bevor ich mir die Radieschen von unten angaffe."

Natürlich hatte ich nie im Sinn gehabt, die Träume in die Tat umzusetzen. Aber als R. das so gesagt hat, haben ein paar der Träume das mit einer Art Startschuss verwechselt; sie haben gemeint, sie müssten nun ihre eingezäunte Koppel verlassen und in die Wirklichkeit hinüberspringen. Ich habe kein Kommando gewusst, um sie zum Haltmachen zu bringen. Sie sind einfach mit mir durchgaloppiert, in alle Richtungen, und ich musste ein paar Sachen ausprobieren. Auch R. hat die nicht schön gefunden.

Letztlich aber, das weiß ich jetzt, enden diese Träume doch immer alle gleich.



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