.


Zur Druckversion

19.05.01

Gerlinde Pölsler

Und landen, immer wieder

"Gib mir a Achterl!" Cerwenko flackt sich auf den Barhocker und beutelt langsam und anhaltend den Kopf. Ein Achterl Zweigelt, wie immer; die Flasche ist schon abgestellt. Und lauter, das Publikum um sich kurz abtastend: "Des brauch i heut." Ich frage nicht warum, schau ihn nur an; ich weiß, es kommt von selbst. Cerwenko ist jeden Abend da, wohnt drei Stockwerke über dem Lokal. Er kommt gegen sieben, acht, und wankt gegen Sperrstunde wieder raus. Cerwenko ist Alkoholiker, und dies sehr bewusst. Jeden Vormittag jagt er sich auf den Schafberg, trinkt danach Obi gespritzt und isst was Ordentliches. "Sonst hältst ja das nicht aus, wie ich leb. Die andern in mein'm Alter, die auch so glebt haben, sind alle tot." Cerwenko aber hat zu tun und noch keine Zeit fürs Grab.

Drei Tage hat er sich nicht blicken lassen. Gemalt hat er, erklärt er, drei Tage und drei Nächte durch, in einem Rausch, der ihn nichts andres tun ließ. Und, kurze Pause, einmal genippt, einen Käufer hat er auch schon für sein Bild. Zahlt nicht unordentlich, beiläufig nachgesetzt, da hat er jetzt wieder seine Ruh' für ein Zeitl. Ich überschlage, wieviel sich auf den Zetteln hinten auf dem Nagel schon zusammengeläppert hat. Neun, zehn Mal wird es schon her sein, dass er das letzte Mal geldig war. Jedes Mal ein Essen plus Tschick plus eine lange Reihe Achterl – |||| |||| | ... "Aber war auch anstrengend genug, ich bin ja noch immer nicht herunten!" So abgehoben ist er gewesen diese Tage und Nächte, so weg, so draußen von allem, von den geraden Gedanken, vom banalen Hin und Her, das Reden ja bedeutet. Und weil er dort noch immer ist, muss er erst Achterl trinken – die Stimme hebt sich – "damit ich wieder normal reden kann mit die Leut, ich muss mich ja auf die Stufe erst wieder runterlassen!" Und hält sein Glas her, denn es muss schnell gehn jetzt, er hat ein paar bekannte Gesichter aufgeschnappt, und der Offenbarungsdrang ist groß, nachdem man so weit weg war. Es rinnt das zweite, die grauen Wellen fliegen, und dann muss er noch was erzählen. Was ihm vor zwei Wochen untergekommen ist, nein, er hat noch gar nicht drüber gesprochen, so armselig ist es, dass man nichts als lachen kann.

Er ist ja fertigstudierter Physiker, wie man weiß, und auch Mathematiker, an der TU, jaja, er hat sich nur die Zeugnisse nie abgeholt, er braucht das nicht. Aber er hat geforscht, zwei Jahre lang, und es niemandem erzählt: Es ist ihm nämlich gelungen, eine Methode zu entwickeln, die die Energieerzeugung weltweit revolutionieren wird. Und diese hat er auf einem Kongress vorgestellt. Vor lauter Leuten, die sich Gott wie gscheit vorkommen. Er hat sein kleines Gerät ausgepackt, das er selbst gebaut hat zu Vorführungszwecken. Es angeworfen. Schief hochgezogene Grinsmünder im Saal. Unbewegliche Visagen von Unsympathlern, nervös wippende Kästen von Kerlen, die nicht wussten, sollten sie ihn gleich rausschmeißen, oder wann würde es so weit sein, dass sie ihn beiseite schaffen müssten? Auch Mitleid fand er in einem Gesicht. Und dann – "dann ham sie alle gschaut, die Dokterln!" Ganzganz still ist es gewesen im Raum. Keiner hat gewusst, was sagen.

Es ist ein schöner Tag geworden, wenn auch der Kongress ansonsten wenig aufzubieten hatte. Er leckt sich den fetten schwarzen Bart. Das Glas wandert über die Theke, hin, im Aschenbecher wird's enger, her, pickige rote Ränder überall, hin, "Bertl, los amal", die Geschichten haben es plötzlich sehr eilig, wollen lautstark verkündigt werden, hin! her!, sie scharwenzeln durchs Lokal und flacken sich an den erstbesten Tisch und auch an den nächsten und übernächsten, und bis ins letzte Eck lassen sie keinen aus, springen ins Gespräch der zwei Jungs und der Blonden, die jeden Abend zum Darten kommen, Leute kommen, kommen, drehen, schauen, neue Flasche, her, einen Moment lang unachtsam gewesen?, Pech: Einkassiert noch bevor man sich panisch wegdrehen könnt.

Irgendwann ist ein Taxi herbeizuschaffen, er muss noch in die Stadt. Eine Frau wartet auf ihn, sicherlich sitzt sie schon seit Stunden und quält sich, ob er wohl komme. Er mag ja gar nicht hinfahren, sie will freilich was von ihm, er aber fährt nur, weil sie Geld hat und Beziehungen. "Zehnmal könnte sie meine Bilder verkaufen in New York!, hat sie gesagt." Und ab unter Geraschel.

Einige Stunden später. Langsam wird es licht an den Tischen. Cerwenko ist wieder da. Ein Plüschtiger ist unter seinen Arm geklemmt und eine Freundin dabei, aber nicht die reiche. Es ist die, die immer kommt mit ihm und zu Sperrstund' geht mit ihm, angeblich aber nicht seine Freundin ist. Es ist nämlich so: "Ich kümmer' mich nur um sie, mehr sozial gesehen."

Heute wird nur mehr sparsam geredet. Der Barhocker ist Cerwenkos Stammhocker, die beiden hocken immer beieinander. Der kennt Cerwenko auch schon lang und weiß, wann die Zeit ist, Feuer unterm Hintern zu machen, und wann die Zeit, Schweigen zu tragen.

Kurz darauf steht ein halbleerer Rumtee verlassen auf seinem Platz. Die Landung dürfte inzwischen vollendet sein.



Wie finden Sie die Kolumne » Und landen, immer wieder «?

Ihre Bewertung: wahnsinnig gut
sehr gut
gut
nicht gut




Dieses Feld bitte nicht ausfüllen:

Ihr Kommentar wird an Gerlinde Pölsler und den Herausgeber von kolumnen.de geschickt. Nutzen Sie dies Formular nicht für vertrauliche Informationen an unsere Autoren. Mit Nutzung dieses Formulars stimmen Sie einer etwaigen Veröffentlichung Ihrer Zuschriften (auch auszugweise) auf kolumnen.de, in unserem Newsletter oder auf unserer Facebookseite zu.

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Gerlinde Pölsler.

Foto: Gerlinde Pölsler

Gerlinde Pölsler

Jahrgang 73, ist im österreichischen Graz aufhältig. Verbrachte ihre frühen Jahre damit kopfüber auf Trapezen zu hängen und Pflanzen das Schwimmen beizubringen, deren Bezeichnung gegenüber [..]

Ausgewählte Kolumnen von Gerlinde Pölsler

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Gerlinde Pölsler