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04.08.09

Michaela Pölsler

Eine rechtzeitige Warnung ist der halbe Sieg
(Indische Weisheit)

Eins gleich vorweg: Ich warne Sie davor, diese Kolumne zu lesen. Ich hoffe, Sie gehören nicht zu den Leuten, die Warnungen einfach in den Wind schlagen. So wie meine Freundin, die ich vor einigen Jahren davor warnte, von einem cholerischen Psychopathen schwanger zu werden. Heute warne ich sie davor, seine Bremsleitung zu kappen. Oder der Herr, mit dem ich vor einigen Wochen Minigolf spielen ging, und den ich ausdrücklich davor warnte, sich hinter mich zu stellen, wenn ich mit dem Abschlag an der Reihe bin. Der musste ganz schön dafür bluten, dass er meine Warnung nicht befolgte. Der Unfallchirurg hat beim Zusammennähen der Lippe nur leise vor sich hin gelacht.

Gewarnt wird man ja permanent. Bundesinnenminister Schäuble warnt vor einem terroristischen Atomanschlag. Die WHO warnt davor, dass die Schweinegrippe nicht zu stoppen sei. Ein Ärztegremium warnt vor ungetesteten Tabletten für Kinder. Die Bundesagentur für Arbeit warnt davor, krank zur Arbeit zu gehen. Die Techniker Krankenkasse warnt vor Stress durch massiven Spam. Der ADAC warnt vor Betrügern im Sommerurlaub.

Ich habe jetzt erst mal den Griechenlandurlaub storniert und meinen Gewölbekeller wohnlich eingerichtet, Konserven eingelagert und all so was. Dort sind wir in Sicherheit, bis die A/H1N1-Pandemie wieder abgeklungen ist. Meinen Kindern könnte ich ja nicht mal Medikamente geben – welcher Arzt fragt schon nach der Kindertauglichkeit von irgendwelchen Pillen. Meinen E-Mail-Account habe ich gelöscht. Die Mauern im Keller sind sowieso zu dick, ins Internet komme ich von hier unten gar nicht mehr. Als mein Chef mich kürzlich davor warnte, mich wegen meiner Magen-Darm-Infektion krank schreiben zu lassen, und mir dazu mit einer Aufstellung meiner Fehltage vor der Nase herumwedelte, habe ich vorsichtshalber sofort gekündigt. Die Warnung der Arbeitsagentur schien mir irgendwie ... eindrucksvoller. Ich hätte wegen unserer Quarantäne ohnehin nicht mehr arbeiten gehen können.

Die Feuchtigkeit macht uns ein bisschen zu schaffen und das Gemeckere von wegen „Schon wieder Ravioli!“ geht mir langsam auf den Keks. Aber wir warten hier erst mal die Schweinegrippe ab und auch, dass der Westen mit den Islamisten nicht mehr auf Kriegsfuß steht. Obwohl der Herr Schäuble ja zur Gelassenheit aufruft. „Es hat keinen Zweck, dass wir uns die verbleibende Zeit auch noch verderben, weil wir uns vorher schon in eine Weltuntergangsstimmung versetzen“, meint er. Da sollten wir uns wirklich ein Beispiel an ihm nehmen, so entspannt, wie der sich immer durch die Gegend schieben lässt. Trotzdem finde ich, es hätte ihn mal jemand vor einem Leben im Rollstuhl warnen können. Überhaupt: Ich rufe dazu auf, gleich bei der Geburt vor dem Tod zu warnen. Sie finden, das sei alles Quatsch? Naja, ich habe Sie ja gewarnt.

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Foto: Michaela Pölsler

Michaela Pölsler

Wurde 1965 in Graz geboren und noch in jungen Jahren in die Nähe von Stuttgart verschleppt. Sie begann ein Studium in Düsseldorf, ebenfalls bekannt als rheinisches Stuttgart, brach ab, fing noch [..]

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