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08.09.09

Michaela Pölsler

Das Schniefen

»Dir graust vor nix«, sagen die Leute zu mir. Der zugehörige Tonfall umfasst die komplette Skala von höchster Anerkennung bis zu tiefster Abscheu. Ich kann, ohne mit der Wimper zu zucken, Spinnen, Nacktschnecken oder tote Mäuse in die Hand nehmen. Windeln wechselte ich kühl bis ans Herz hinan. Die Kotze meiner kranken Kinder aufzuwischen, ist auch nicht anders als Staubsaugen. Ich öffne ungerührt Eitergeschwulste an Katerpfoten und verbinde stoisch klaffende, blutsprudelnde Fleischwunden von mit Äxten hantierenden Freunden. Haarklumpen pule ich mit bloßen Fingern aus dem Abfluss.

Allerdings graust mir in der Tat vor etwas. Ich ekle mich vor menschlichen Geräuschen; nicht vor Rülpsern und Furzern, sondern vor Kau-, Schluck und Schniefgeräuschen. Beim Krachen von Zähnen, die sich in Toast schlagen, stehen mir die Haare zu Berge. Es schüttelt mich, wenn Steaks zermalmt werden. Schlürfen jagt mir Schauer über den Rücken. Wenn jemand mit der Zunge Essensreste aus Zahnzwischenräumen saugt, würgt es mich. Und sobald ich jemanden die Nase hochziehen höre, möchte ich schreiend davonrennen. Tja, so verfügen eben auch Metzgerseelen über ihre kleinen Idiosynkrasien.

Letztes Jahr hatten wir hier im Süden einen ungewöhnlich harten Winter mit viel Schnee und Eis auf den Straßen. Ich nahm eine Verlängerung meines Anfahrtswegs zur Arbeit zugunsten eines geringeren Unfallrisikos in Kauf und stieg vom privaten PKW auf öffentliche Verkehrsmittel um. Kaum saß ich im Bus, hörte ich etwas, das von nun an zum meinem morgendlichen Arbeitsweg gehören würde wie Popcorn-Geknurpse zum Kino: ein kurzes, aber sehr widerwärtiges Schniefen in regelmäßigen Abständen. Am Anfang nahm ich nur das Schniefen wahr, ohne den Schniefer lokalisieren zu können. Es kam von vorn und vorn waren viele. Ich hielt mir unauffällig das dem Schniefen zugewandte Ohr zu und legte mir vor das andere meinen Schal. Es half nichts. Ich hörte es. Da war es. Nach zwanzig Sekunden noch mal. Nach weiteren zwanzig Sekunden wieder.
Ich zählte rote Autos, ich zählte Männer mit lustigen Mützen, ich zählte Frauen mit weißen Nuttenstiefeln. Und dazwischen hörte ich das Schniefen. Mein Nacken war so verkrampft wie bei einem Zahnarztbesuch, ich krallte die Finger in meine Oberschenkel, meine Kopfhaut kribbelte, mein Herz raste, ich hätte mir die Haare ausraufen mögen. Wie zum Hohn schniefte es mit unbarmherziger Gleichförmigkeit weiter. Kurz bevor ich in den Sitz meines Vordermanns biss, hatte die Qual ein Ende. Ich durfte aussteigen.

Ich lernte schnell, dass Busfahren im Leben eines Erwachsenen nicht dasselbe bedeutet wie Busfahren als Schüler. Erwachsene, die mit Bus und Bahn pendeln, drängeln nicht und schnappen einem nicht den letzten Sitz unterm Arsch weg. Dafür haben sie ihre festen Sitzplätze. Nach drei Tagen hatte ich ihn ausfindig gemacht. Der schniefende Mann saß immer auf dem vierten Doppelsitz in der linken Reihe. Ich saß mal hier, mal da. Aber ich hörte ihn von überall.

Beim Einsteigen warf ich ihm vernichtende Blicke zu. Ich versuchte, ihn aus der Ferne zu beschwören. Ich verfluchte ihn, wünschte ihm eine kurze, tödliche Krankheit. Doch jeden Morgen, wenn ich einstieg, saß er lebendig und schniefend in der vierten Reihe auf dem Fensterplatz. Meine Phantasien fingen harmlos an (ihm freundlich ein Taschentuch anbieten), wurden zügig gehässiger (ihm im Vorbeigehen ins Gesicht spucken), brutaler (mich hinter ihn setzen, meinen Schal um seinen Hals schlingen und mit aller Kraft ziehen, bis das Schniefen aufhört), zum Schluss liefen sie komplett Amok (den Hammer neben dem Notausstieg aus der Halterung reißen und ihm damit seine schniefende Fresse zertrümmern).

Jeden Abend sah ich mir die Wettervorhersage an und hoffte auf den Frühling. Aber Schnee- und Eisglätte wechselten sich weiterhin ab. Ich hatte mir längst angewöhnt, sobald ich im Bus saß, meine Ohren zuzustöpseln und den MP3-Player voll aufzudrehen, aber selbst das half nicht mehr. Ich war konditioniert. Es genügte zu wissen, dass das Schniefen da war, um mich bis zur Hysterie zu ekeln.

Ich litt Woche um Woche, bis ich eines Abends Überstunden machen und einen späteren Bus nach Hause nehmen musste. Es war just der, der mich morgens zur Arbeit brachte. Der Bus war leer, ich hatte freie Platzwahl. Aus vage selbsttherapeutischen Gründen setzte ich mich auf den Platz des Schniefers. Und da war es wieder. Es schniefte. Ich sah mich um, aber außer mir gab es nur den Busfahrer. Ich lauschte. Es schniefte und es war nicht der Busfahrer, der schniefte. Das Schniefen kam eindeutig von oben. Beim nächsten Schniefen wusste ich dann auch, woher genau. Es war eine verschnupfte LED-Schrifttafel, die bei jedem Textwechsel die Nase hochzog.

Vom nächsten Tag an nahm ich einen früheren Bus. Ich mochte dem armen Mann meine Anwesenheit einfach nicht mehr zumuten.



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Wurde 1965 in Graz geboren und noch in jungen Jahren in die Nähe von Stuttgart verschleppt. Sie begann ein Studium in Düsseldorf, ebenfalls bekannt als rheinisches Stuttgart, brach ab, fing noch [..]

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