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20.11.07

Michaela Pölsler

Dei Mutter!

Nicht, dass mir meine österreichische Mutter den Mund mit Seife ausgewaschen hätte, aber begeistert war sie nicht, wenn ich als Kind einen der interessanten Ausdrücke benutzte, mit denen die schwäbischen Nachbarjungs ihre Sätze würzten. Arschloch und Drecksau waren zu Hause tabu. Das Schwäbische ist wesentlich derber als das Österreichische. Was dort schon Vulgärjargon ist, gehört hier noch zum herzlichen Umgangston. Und an den konnte sich meine Mama nie gewöhnen.

Umso hemmungsloser nahm ich die geächteten Wörter und Sätze in meinen Wortschatz auf, als ich aus dem Haus war. Noch heute ist meine Ausdrucksweise – inzwischen mehr aus Gewohnheit denn aus jugendlichem Freiheitsdrang – nicht immer gesellschaftsfähig. Meine Kinder kennen das und nehmen es Schulter zuckend hin. Wenn ich einem Autofahrer, der mir die Vorfahrt nimmt, wünsche, ihn möge der Blitz beim Scheißen treffen, schmunzeln sie nachsichtig. Sie haben die Phase der schmutzigen Wörter im Alter von ungefähr fünf Jahren hinter sich gelassen. Das gibt mir im Nachhinein das erfreuliche Gefühl, zumindest das in der Erziehung meiner Kinder richtig gemacht zu haben.

Es gab Zeiten, da habe ich an meiner mangelnden Selbstzensur gezweifelt. Ich erinnere mich an einen Ausflug. Meiner etwa dreijährigen Tochter fiel beim Öffnen der Autotür ihre Trinkflasche in die Pfütze auf dem Parkplatz. Ihr »So eine verfickte Scheiße!« bekam auch das ältere Ehepaar mit, das gerade im Begriff war, in seinen neben uns geparkten Wagen einzusteigen. Die strafenden Blicke nahm ich demütig hin.

Wenn ich den Schimpfwortschatz der Kinder und Teenies heute beobachte, stelle ich fest, dass er weniger anal- und fäkalorientiert ist als der unsere früher, dafür sexualisierter. Das wiederum wird von den Erwachsenen sanktioniert. Aber die Kleinen sind ja nicht doof. Als das hier im Ort (und wahrscheinlich landesweit) übliche »Fick deine Mutter!« (schwäbisch: »Fick dei Mutter!«) bei Lehrern wie Eltern nicht so gut ankam, wurde es einfach auf »Dei Mutter!« verkürzt und funktionierte immer noch einwandfrei. Ich mit meinem Faible für Ordinäres habe sehr gelacht, als ich das genau so in den Spielplatzzaun eingeritzt lesen durfte.

Wer aber die Codes nicht kennt, dem kann es so ergehen wie meinem Nachbarn an einem warmen Sommerabend. Mein Nachbar ist einer von der Sorte »Scheibenkleister«. Überall standen Türen und Fenster offen. Geräusche, die sonst gnädig unter ihresgleichen bleiben, rückten plötzlich in Hörweite. Bei den Nachbarn klingelte das Telefon. Kurze Zeit später hörte ich ihn rufen: »Margret, dei Mutter!«

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Foto: Michaela Pölsler

Michaela Pölsler

Wurde 1965 in Graz geboren und noch in jungen Jahren in die Nähe von Stuttgart verschleppt. Sie begann ein Studium in Düsseldorf, ebenfalls bekannt als rheinisches Stuttgart, brach ab, fing noch [..]

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