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21.10.07

Michaela Pölsler

Machen Sie das Beste aus Ihrem Typ!

Schlimm ist der Anblick eines Glotzenden. Bei kleinen Kindern mag es ja noch als süß durchgehen, bei Erwachsenen ist es aber ziemlich ... befremdlich. Die gesamte Hirnkapazität wird darauf verwendet, einen einzelnen Umweltimpuls zu verarbeiten, so dass nichts mehr für die Gesichtsmuskulatur übrig bleibt. Vergleicht man den Ausdruck Geistesabwesender oder auch Schlafender mit einem friedlichen Gebirgssee an einem windstillen Tag, erinnert der eines Glotzenden an einen gerade gewischten Krankenhausboden. Die Oberfläche genauso spiegelblank, aber völlig ohne Tiefe. Schlimmer ist es, angeglotzt zu werden (in meinem Fall immer von einem Mann). Das ist auf optischer Ebene etwa so, als würde einem zur Begrüßung nicht die Hand, sondern der Schwanz gegeben. Es stellt sich unvermittelt der Drang ein, sich zu schütteln wie ein nasser Hund. Am schlimmsten aber ist es, selbst zu glotzen. Mir ist das vor kurzem erst auf dieser Vernissage passiert. Plötzlich kam ich wieder zu Bewusstsein, um einen Wimpernschlag später, mich windend vor Scham, festzustellen, dass ich der Öffentlichkeit Gelegenheit geboten hatte, mich in einem schwachen Moment kompletten Stumpfsinns zu begutachten. Gibt es etwas Würdeloseres? (Da fällt mir ein: ja – als ich diese Finanzbeamtin, in deren Familie der Hass auf alles Abweichende seit Generationen Tradition zu haben scheint, anbettelte, die Kontopfändung aufzuheben.) Ich tröstete mich dann mit dem Gedanken, dass es eh keiner bemerkt hatte, weil alle viel zu sehr mit der eigenen Präsentation beschäftigt waren.

Als Frau glotze ich ja anders als Männer, bzw. das Glotzobjekt ist ein anderes, nämlich kein waschbrettbäuchiger, knackärschiger River-Phoenix-Verschnitt, wie man analog vielleicht mutmaßen würde, sondern eine – richtig! – Frau. Nun bin ich aus dem Alter, wo man sich ständig mit anderen Damen vergleicht, um den eigenen Marktwert auszuchecken, ja raus. Und auch die Anwesenheit schönerer, jüngerer, attraktiverer, besser angezogener Frauen haut mich nicht mehr sofort aus den Schlappen. Allerdings hat man so seine wunden Stellen. Meine ist die Kategorie »gepflegt« oder auch »Ich mache das Beste aus meinem Typ«: kein wahrnehmbarer Makel, alles nur leuchtende Augen, glänzende Haare, Aprikosenwangen, eine beneidenswert elegante Haltung und ein superschickes Outfit – nichts Überkandideltes, aber mit Stil und dem richtigen Pensum Glitter. Ich bucklige kleine graue Maus tippe meinen Begleiter an und deute benommen mit dem Kinn auf die strahlende Erscheinung. Aber der meint nach einem flüchtigen, leidenschaftslosen Blick nur: »Brauereigaulärsche sind nicht so meins.«

Übrigens habe ich ihn noch nie beim Glotzen erwischt. Ich muss unbedingt mal drauf achten.

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Foto: Michaela Pölsler

Michaela Pölsler

Wurde 1965 in Graz geboren und noch in jungen Jahren in die Nähe von Stuttgart verschleppt. Sie begann ein Studium in Düsseldorf, ebenfalls bekannt als rheinisches Stuttgart, brach ab, fing noch [..]

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