30.09.14

Michaela Pölsler

Drei gute Gründe, warum ich nicht zum Abitreffen gehe

Kürzlich lief mir beim Einkaufen eine gut erhaltene, gepflegte Dame mittleren Alters über den Weg, die mir irgendwie bekannt vorkam, ich wusste aber nicht wie. Der Dame ging es offensichtlich umgekehrt genauso. Ich kam weder beim Nudelregal noch bei der Käsetheke dahinter. An der Kasse fiel bei uns beiden fast gleichzeitig der Groschen.

»Michaela!« rief sie und
»Simone!« rief ich.

Wir kannten uns aus der Schule. Wir waren das Freundinnenpaar gewesen, das in der Mittelstufe den Jungs die Köpfe verdreht hatte: sie groß, blond und schick, ich kurvig, rotzig und punkrock.

Nachdem wir mit unseren Einkaufswagen eine Viertelstunde lang den Ausgang zur Tiefgarage blockiert hatten, weil wir uns nicht trennen mochten, setzten wir uns ins nächste Café. Dort hatten wir uns noch mehr zu erzählen. Beim Verabschieden fragte Simone mich, ob ich denn zum dreißigjährigen Abitreffen nächstes Jahr kommen würde. Da musste ich erst mal schlucken und dann ein ganzes Weilchen gründlich nachdenken. Ich fing an zu recherchieren. Was man alles über Klassenkameraden im Internet findet!

Einer meiner Lieblingsmitschüler, Tobias Bergmann, zu Schulzeiten eine Mischung aus dem jungen Bela Lugosi und Alfred E. Neumann, hatte mit seinen beiden Schwestern zusammen die Anwaltskanzlei seiner Mutter übernommen. Der Artikel, den ich gefunden hatte, enthielt Auszüge einer Klientenliste, die vor Prominenz, Reichtum und Macht nur so strotzte. Auf dem dazugehörigen Foto sah man Tobias Bergmann und seine Schwester mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Stefan Mappus, der große Teile des baden-württembergischen Hauptstromversorgers an die Franzosen verscherbelt und dabei seinem Land riesige finanzielle Verluste zugefügt hat. Wofür ihn viele Schwaben heute noch bewundern.

Tobias Bergmann war in der Schule ein umwerfend lustiger Kerl. Mitten im Unterricht, wenn die ganze Klasse ausnahmsweise still vor sich hin arbeitete, sprang er plötzlich auf seinen Tisch, lief feuerrot an und schrie mit sich überschlagender Stimme Dinge wie:

»Adolf Hitler war homosexuell«

Dann setzte er sich wieder auf seinen Stuhl, als sei nichts gewesen, während uns anderen die Augen tränten vor Lachen und der Lehrer konsterniert den Kopf schüttelte.

Ich sah mir die Bildunterschrift genauer an. Die Person, die ich für Tobias Bergmann gehalten hatte, war seine jüngere Schwester und der, den ich für Stefan Mappus gehalten hatte, war Tobias Bergmann. Plötzlich mochte ich ihn nicht mehr, obwohl ich ihn seit mehr als zwanzig Jahren nicht gesehen hatte. Das ist der erste Grund.

Der zweite Grund ist Anette Pfefferle. Es gibt Leute, die einfach nur da sein müssen und man möchte sie so in den Oberarm zwicken, dass sie zwei Wochen lang einen blauen Fleck haben. Ich möchte das. Das war schon in der Schule so. Die Oberarme von Anette Pfefferle hätten, wenn es nach mir gegangen wäre, die gesamte Oberstufe hindurch in der Skala von schwarz über dunkelblau bis zu einem grünlichen Violett changiert.

Sie saß ganz vorn im Deutschleistungskurs und ich starrte vier Stunden in der Woche angeekelt auf ihren straßenköterfahlen Hinterkopf. Ich wusste nicht, was an ihr ich mehr verachtete: ihre süßliche Art, vorhersehbare Antworten zu geben. Ihr selbstzufriedenes Feixen, wenn sie für ihre Klausuren fünfzehn Punkte einfuhr. Ihre durch und durch biedere Fassade, mit der sie ihren kolossalen Ehrgeiz kaschierte. Es war bekannt, dass Anette vor Tests und Klausuren über Kindlers Literatur Lexikon in der Bücherei saß und die entsprechenden Interpretationen auswendig lernte. Außerdem schrieb sie gern von anderen Hausaufgaben ab, rückte ihre eigenen aber nie heraus.

Einmal war ich im Kopierraum und hörte aus dem Lehrerzimmer nebenan, wie sich unser Deutschlehrer mit einem Kollegen über Anette Pfefferle unterhielt.

»Sie ist den anderen einfach um Längen voraus,«, sagte er. »So eine Reife und Intelligenz findet man in diesem Alter ganz selten. Da kommt immer viel mehr, als man erwartet.«

Da warf ich meine Kopien in den Müll, rauschte ins Lehrerzimmer und zwickte den Deutschlehrer in den Arm – frei nach Astrid Lindgren, im Geheimen. Ich zwickte ihn stellvertretend für alle, die Verschlagenheit für Reife halten und das folgsame Nachbeten von Gemeinplätzen für Intelligenz.

Anette Pfefferle ist heute Chefredakteurin eines New Yorker Magazins, das ich bis vor kurzem sehr geschätzt habe. Ich lese es nicht mehr. Dafür weiß ich jetzt, wie richtiger Neid sich anfühlt. Er ist wie Magma, das sich durch die Eingeweide kokelt. Beim Anblick von Anette Pfefferle wäre ein Ausbruch möglich, der vielleicht meinen ganzen Abijahrgang begraben könnte.

Frau de Hausselin (sprich: dö Ossölä mit nasalam Ä) ist der dritte Grund. Bei ihr hatte ich Französisch und ich habe sie geliebt. Wenn sie deutsch sprach, klang es nach Brandenburg. Davon hat sie nie ein Wort erzählt. Im Gegensatz zum Deutschlehrer, der viel und gern von seiner Flucht sprach. Wenn die Jungs keine Lust auf Unterricht hatten, war die Frage:

»Herr Eilert, wie war das denn in der DDR?« sehr beliebt.

Frau de Hausselin mochte ich, weil sie mich mochte und weil sie in ihrem Fach bis zur Lächerlichkeit leidenschaftlich und begeistert war. Und sie hatte den Mumm, sich mit Stöckelschuhen, Dutt und Perlenkette zwischen zwei sich keilende Pubertierende zu werfen und mit dünnem Stimmchen zu rufen:

»Das Berühren der Figüren mit den Pfoten ist verboten!«

Frau de Hausselin ist vor etwa einem halben Jahr gestorben. Das weiß ich aus dem lokalen Amtsblatt.

Simone treffe ich ja vielleicht in ein paar Jahren beim Einkaufen wieder.