02.09.15

Manfred Prescher

Miststück der Woche IV/40 – Metallica: »Nothing Else Matters«

Eifrige Leser der Kolumne erinnern sich vielleicht: Vor Kurzem hat Manfred Prescher schon einmal über diesen Song geschrieben. Er passt aber, so findet er, gut zum Neustart auf kolumnen.de. Deshalb erfüllt der Autor diesen Wunsch ein zweites Mal – danach geht es mit den Lieblingsliedern der Leser normal weiter. Erst müssen aber mal die Umzugskartons ausgepackt werden.

Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf – und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, dass du nur noch die Welt retten musst oder dass Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

Mit der Kolumne verhält es sich wie mit dem richtigen Leben: Nach zehn Jahren in der coolen Sponti-WG ist es Zeit, eine andere Bleibe zu suchen. Gerhard Polt brachte es seinerzeit auf den Punkt: »Ich habe früher auch schon mal gewohnt«, sagte er. Die Frage ist halt nur, wo und unter welchen Lebensbedingungen. Wenn nun die alte »Miststück«-Heimat tatsächlich so eine Art Anarcho-Gemeinschaft mit schrägen, hochbegabten und sehr liebenswerten Mitbewohnern war, dann ist kolumnen.de die hübsche Jugendstilvilla, die man sich freilich erst mal leisten können muss. Ich bin da in den letzten Jahren immer wieder mal vorbeigestromert und habe jedes Mal vor mich hin geseufzt, dass ich hier doch gern einziehen möchte, wenn ich irgendwann »Older Budweiser« (Gang Green) werde. Das mit dem Älterwerden klappte ja ganz hervorragend und ohne weiteres Zutun, was die wachsende Weisheit angeht, werden wir erst im Verlauf der nächsten paar hundert Texte ein Urteil sprechen können. So viel ist aber amtlich: Nach tatsächlich 340 Kolumnen und unzähligen Features, Interviews und Rezensionen auf Evolver.at verabschiedete ich mich vor Kurzem mit einem knackigen »Adieu« und Fehlfarbens »Ein Jahr (es geht voran)« aus der alten Heimat. Es war ein finales »Dankeschön« für die wunderbare Zeit in einem sehr illustren Kreise.

Metallica: Metallica Cover

Metallica

Aber nun sitze ich hier in der netten Villa, alles blinkt in frisch renovierter Pracht. Die goldene Mischarmatur im Prunkbad hält mich länger auf, ich drehe daran herum, wie ein verspieltes Kind. Wer sich an die Verfilmung von Walter Kempowskis »Tadellöser & Wolff« erinnert, weiß, was ich meine. Ist echt romantisch hier. Da muss ich doch glatt alle Bücher, CDs, Spielzeugautos usw. gründlich abstauben, Ordnung ist im neuen Hause eindeutig angebracht. Und ich selbst bin schließlich ja schon auch länger eigentlich aus dem Teenie-Chaotentum herausgewachsen. Deshalb, weil man sich im Alter quasi auch mal musikalisch ein Ruhepäuschen gönnen sollte, gibt es noch einmal »Nothing Else Matters«, die Über-Ballade der Heavy-Metal-Jazzer von Metallica.

Der Song, den Sänger James Hetfield gemeinsam mit dem Schlagzeuger Lars Ulrich geschrieben hat, ist so etwas wie die moderne popliterarische Fortsetzung des »Hohelied« auf die Liebe, das Paulus in der Frühsteinzeit den Korinthern vortrug – und genau deshalb stifte ich »Nothing Else Matters« speziell meinen treuen Leserinnen und Lesern, die ich liebend gern in mein neues Domizil zu Hausmannskost à la Prescher einladen möchte. Die Kolumne widme ich aber auch der besten Liebespartnerin von allen, denn die hat beim Einpacken der Kartons geholfen. Ohne sie wäre sicher vieles zu Bruch gegangen, denn ich bin einfach im Umgang mit Zeitungspapier, Blisterfolie und Küchenrolle nicht geschickt genug, da viel zu laissez-faire. Ich wäre beispielsweise nie auf die Idee gekommen, das Geschirr in Wollschals einzubetten, hätte mich aber hinterher sicher gewundert, wenn ich nicht mehr alle Tassen im Schrank gehabt hätte. Ach, eh ich es vergesse, ich widme diesen Text und den dazugehörigen Song auch meinem neuen Vermieter. Guido, wir hören ihn uns an, wenn Du mit Brot und Salz bei mir im Stockwerk aufkreuzt.

Das »Hohelied der Liebe« in der Version von 1992 beschreibt mit Worten, die völlig unprätentiös erstaunlich unpeinlich dafür sorgen, dass eben nicht das härteste Ohrenschmalz vor Rührung oder Abscheu hinsichtlich allzu artifizieller Verkitschung schmilzt. Es hat sich rasch und richtigerweise zu einem der »Kuschelrock«-Dauerbrenner schlechthin entwickelt, was sicher auch an der dann doch recht überkandidelten Orchesterversion aus dem Jahre 1999 liegen dürfte. Auf jeden Fall zeigt das Lied zum einen, dass Metallica beim Komponieren in Gedanken bei Aerosmiths Siebzigerjahre-Schmusehit »Dream On« gewesen sein könnten, denn da tun sich ohrenscheinliche Parallelen in Harmonien und Instrumentierung auf. Zum anderen erklärt Hetfield mit kraftvoller Stimme einer unbekannten Frau, warum ihm die Beziehung so viel wert ist. Günther Fischer fasst die Entstehungsgeschichte im Buch »Nur noch kurz die Welt retten« so zusammen: »Hetfield schreibt den Song erst mal nur für sich. Zufällig hört ihn irgendwann der Drummer Lars Ulrich und überredet seinen Sänger, das Lied doch der Band zur Verfügung zu stellen.« Vor gut zwei Jahren berichtet Hetfield in einem »Spiegel«-Interview, dass er zunächst eher skeptisch war und dass er das Gefühl hatte, sich bei Fans oder Kritikastern angreifbar zu machen: »Ich hatte Angst, dass die Leute auf meinen Gefühlen herumtrampeln«. Das kann man verstehen, denn eigentlich sind Metallica doch eher harte Jungs – und die Anhängerschaft mag es vermutlich auch eher heftig. Ohnehin ist das Gefolge der Metallarbeiter eher konservativ, das belegt auch der Shit-Storm, den Hetfield, Ulrich und Co. im Web anlässlich der eigenwillig freejazzigen »Lulu«-Kollaboration mit Lou »R.I.P.« Reed über sich ergehen lassen mussten.

Metallica

Metallica

Foto: Universal Music

Doch »Nothing Else Matters« kam gut an. Das liegt ganz klar daran, dass Hardrock- und Metallbands immer schon besonders gute Low-Speed-Songs hinbekamen, was nicht nur »Dream On« von Aerosmith, sondern beispielsweise auch »Beth« von Kiss, »1916« von Motörhead oder »Mama Said« – genau, das ist auch von Metallica – belegen. »Power Ballad« nennt man das neudeutsch. Auch der Text spielt eine wichtige Rolle: »Vertrauen suche ich und finde es in dir/Jeder Tag ist etwas Neues für uns/Offen für eine andere Betrachtungsweise/Und nichts anderes ist von Bedeutung« – das ist doch nicht nur schön, sondern auch klug: Hetfield schreibt, dass er sich auf die andere Person einlässt, sich in der Beziehung und mit der Liebe weiterentwickelt, vertraut und öffnet. Das fällt Männern ja schwer, jedenfalls sagt man ihnen das gerne nach – erst recht, wenn sie am Hochofen stehen und sonst zum Beispiel heiße Eisen wie »Motorbreath« oder »Fight Fire With Fire« schmieden. Ich finde aber, dass ein wenig Offenheit nicht schadet und harten Kerls gut zu Gesicht steht, und deshalb öffne ich jetzt noch ein paar Umzugskartons.

Während ich nebenbei sinniere, ob ich Euch noch schreiben soll, dass Metallica mal als Motörhead-Fanclub anfingen und Lemmy ab und an recht wirkungsvoll mit seinen letztlich viel erfolgreicheren Fans gemeinsam musiziert, fällt mir ein, dass ich eines nicht vergessen darf: Euch mit dem üblichen Hinweis auf nächste Woche zu verabschieden: Mit dem Disco-Klassiker »Why Did You Do It« erfülle ich einen weiteren Leserinnenwunsch. Ihr könnt derweil überlegen, wie die Interpreten hießen oder Eurem Schatz das »Hohelied der Liebe« vorzwitschern.


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