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09.02.17

Manfred Prescher

Last night the barman saved my life – Birdy & Rhodes: »Let It All Go«

Birdy & Rhodes: »Let It All Go«

Als sie sich hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken liegend auf dem Fußboden ihres gemeinsamen Lieblingsitalieners wiederfand, hasste sie ihn wie die Pest und sie hasste sich, weil sie dem Rest der Welt, der hier nur aus einer Hand voll entweder belustigt hin- oder pikiert wegschauender Gäste bestand, ihr Lebensdilemma praktisch auf dem Silbertablett präsentierte. Natürlich hätte sie darüber lachen können. Sie hätte sich in seine Lage versetzen und das Komische der Situation erkennen können. Damit wäre der Abend, der für sie schon als Desaster begonnen hatte, vielleicht doch noch positiv verlaufen. Was war geschehen? Im Prinzip nichts anderes, als das, was ihr immer und immer wieder passierte. Dass Michael sich amüsierte, war dem Anblick geschuldet, den sie ihm bot – sicher – er musste ihn lustig finden. Aber es half nichts, sie war sauer. In den wenigen Sekunden, die verstrichen, während sie zu Boden stürzte, sich in die missliche Lage brachte und von ihrem immer noch feixenden Ehemann wieder auf die Beine gestellt wurde, erkannte sie, was genau schief lief in ihrem Leben. Sie hasste sich für ihre Unzulänglichkeit, und sie hasste ihn dafür, dass er sich darüber lustig machte und sie hasste die anderen Gäste, die sich mit ihrer Reaktion über sie stellten und sie für weniger vollkommen hielten.

Es war schon symptomatisch. Sie schaute auf den nachlässig verschobenen Hemdkragen ihres Begleiters, hörte, wie er über den neuen amerikanischen Präsidenten, die AfD, den islamischen Staat und darüber, wie diese Dinge alle seiner Meinung nach zusammenhingen, dozierte. Sie sah die Krümel der Vorgänger auf der weißen Tischdecke – und setzte sich unachtsam zwischen die beiden Stühle, die direkt vor ihr standen. Während sie fiel, kommentierte er, dass Ottfried Fischer im Olympiastadion auch immer zwei Sitze benötigte, für jede Pobacke einen. Und diese Bemerkung brachte ihr inneres Pulverfass zum Explodieren. Sie hob die umgefallenen Stühle auf, nahm sich ihren Wollmantel und verließ sprachlos, aber voll mit wütenden Gedanken das Lokal. Dass sein Lachen jäh erstarb und er wie versteinert stehen blieb, nahm sie nicht wahr.

Sie winkte das nächste Taxi heran, ohne zu wissen, wohin sie eigentlich fahren wollte. Wenn der Weg wirklich irgendwann mal das Ziel war, dann jetzt. Denn als sie dem Fahrer sagte, er möge sie zunächst einmal weg bringen, meinte sie weg von hier, weg von Situationen wie dieser und weg von ihrem bisherigen Leben. So fuhren sie planlos durch die große Stadt, kamen an manchen Plätzen mehrfach vorbei, doch das nahm sie nicht bewusst wahr. Zu oft war sie hier, als dass sich noch etwas anderes als Gleichgültigkeit einstellte. Sie dachte nur an die beiden Stühle, und daran, wie sie links und rechts zur Seite kippten. Dieses Bild war schon lange vorher in ihr. Und praktisch jeder in ihrem Umfeld sorgte dafür, dass es sich so manifestierte, dass sie es immer wieder vor Augen haben musste. Ihr fiel auf, dass sie immer zwischen den Stühlen saß und nie einen Platz fand, auf dem sie sich, weil es eben ihrer war, sicher und wohl fühlte.

Sie versuchte sich zu erinnern: Was sagte er über Ottfried Fischer? Brauchte der tatsächlich zwei Sitze im Fußballstadion? Sie hatte sogenannte Freundinnen, die aufgedunsen vom Kinderkriegen und der Lebenssicherheit, mit einem Stuhl eigentlich nicht auskamen. Und sie dachte an Michael, der sie schon als fett bezeichnete, wenn sie auch nur ein oder zwei Kilogramm zugelegt hatte. Irgendwo zwischen diesen beiden Polen stand sie und konnte ihren eigenen Standpunkt gar nicht lokalisieren. Als sie erneut am Irish Pub vorbeifuhren, ließ sie die Droschke halten, bezahlte gleichgültig ein hübsches Sümmchen und lief schnurstracks auf den warm erleuchteten Eingang, der hinunter in das mit dunklem Holz vertäfelte Gewölbe des Pub führte, zu. Hier stand die Welt nicht nur für Augenblicke still, hier blieb sie einfach draußen. Von der nachtaktiven City und ihren Geräuschen war nichts zu hören. Hier murmelte man, eng an den Sitznachbarn gepresst, leise und unaufdringlich, konnte bei dunklem Bier seinen Gedanken nachgehen. Sie wusste längst nicht mehr, ob sie sich selbst zu fett war, wie sie ihren Körper sah und ob es überhaupt ihrer war. Sie wusste nicht, ob sie das Leben anderer oder das eigene führte. Beim Kellner, der wie ein Double dieses englischen Fußballers, wie hieß der noch gleich, aussah, bestellte sie ein Guinness und noch während er das Bier zapfte, fiel ihr ein, dass der Rooney oder so ähnlich hieß.

Sie lauschte den Gesprächen am Nachbartisch, eine Frau erzählte davon, dass sie endlich aus der Tretmühle herausmusste und schimpfte dabei über ihre Kollegen. Das kannte sie von Nachbarn, von Freundinnen und Verwandten. Sie umschlich das Gefühl, dass man in ihrer Abwesenheit auch über sie herzog. Das war nicht ihre Welt. Sie konnte und wollte da einfach nicht mitreden. Es kam zwar hin und wieder vor, dass auch sie mit einer Nachbarin eine ganze Stunde auf der Straße stand, ihr halbherzig zuhörte, sich dabei ertappte, wie aus ihrem Mund auch nur irgendwie dummes Zeug und hohles Geplapper kam, aber sie wusste danach nie, worüber sie eigentlich gesprochen hatten und hielt diese Stunde für ein Verschwendung ihrer Lebenszeit. Sie bestellte noch ein Guinness, ließ zu, dass das Lied »Let It All Go« von Birdy und Rhodes aus den Lautsprechern an ihr Ohr drang und wusste plötzlich, was sie zu tun hatte.

Zunächst einmal trank sie das Bier in hastigen Schlucken, blickte auf ihr iPhone, das schon einige Nachrichten von Michael anzeigte. Sicher würden noch ein paar dazukommen, wenn sie oben, auf der Straße, erst mal wieder Netz hatte. Sie würde keine davon lesen, da war sie sich sicher. Der Kellner wunderte sich noch über ein ordentliches Trinkgeld, denn er wusste nicht, dass er ihr gerade mit einem Liter irischem Gerstensaft und dem passenden Song das Leben zwar nicht gerettet, doch aber in die richtige Bahn gelenkt hatte. Er half ihr dabei, es sich zurückzuholen. Oder es überhaupt zum ersten Mal zu besitzen. Denn sie genügte schon als Kind nicht den Ansprüchen der Eltern, der Lehrer und der Freundinnen, scheiterte immer wieder beim Versuch, es den anderen für ein bisschen Anerkennung und Liebe recht machen zu wollen. Aber wollte sie das wirklich? Kämpfte sie nicht gleichzeitig auch mit all ihrer Renitenz genau dagegen an, verzettelte sich dabei in einem Netz aus Widersprüchlichkeiten und verlor sich selbst aus den Augen? Geschenkt! Für sie spielte das nun keine Rolle mehr.

Oben wehte ein frischer Wind, junge Stutzer in Designerjeans und Mädchen mit wehenden, kurzen Rocken flatterten lachend vorbei, während sie sich eine Zigarette anzündete und dann doch bei Michael anrief, um sich etwas Zeit zu verschaffen. Michael war schockiert über ihre Flucht, entschuldigte sich, schimpfte auf und über sie, entschuldigte sich erneut – bis sie ihn unterbrach: »Ach, komm doch einfach zum Irish Pub, lass uns bei einem Guinness über alles reden«, bat sie. Fast schon unterwürfig willigte er ein, was sie belustigt feststellte, als sie sich erneut ihm entzog und auf den kurzen Weg zum Bahnhof noch eine Zigarette anzündete.

Sie nahm den nächsten Zug in die nahe Kleinstadt, in der Michael und sie wohnten, schaltete ihr iPhone aus und begab sich selbst in den Flugmodus. Mit geschlossenen Augen ließ sie Situationen vorbeiziehen: Sie dachte an quälende Nachmittage auf dem Spielplatz, in denen sie, misstrauisch beäugt, von der heilen Familienwelt erzählt bekam. Wie viele von den Müttern waren wohl heute noch verheiratet? Dann erinnerte sie sich an genauso verhasste vorweihnachtliche Bastelaktionen: »Wir durften Sterne basteln! Als Fensterbilder!« Sie wusste nicht, ob sie als Kind jemals gern gebastelt hatte, sie konnte sich jedenfalls nicht daran erinnern. Aber sie war sicher, dass sie dazu definitiv kein Talent und erst recht keine Lust hatte. Unnötig zu sagen, dass sie solche Fensterbilder hasste. Während der Zug losfuhr, sah sie sich resignierend zu Papier und Schere greifen: Es entsteht ein Gebilde, das eines großen Mülleimers würdig ist. Das könnte ihr eigentlich egal sein, weil sie sich selbst ein gelungenes Exemplar eines Weihnachtssternes niemals ans Fenster hängen würde. Immer waren die anderen besser in dem, was sie selbst gar nicht wollte.

Die Zeit war knapp, das wusste sie. Wenn Michael ihr direkt hinterherfuhr, würde er in einer Stunde zuhause sein. In wessen Zuhause? In ihrem nicht, dachte sie. Aber sie gestattete sich kein weiteres Abrutschen in das, was nun ohnehin gleich Geschichte sein würde. Sie fokussierte sich auf das, was zu tun war, sammelte ein paar Kleidungsstücke zusammen, warf die nötigsten Körperpflegeutensilien und den Flakon ihres Lieblingsduftes »Cinéma« in ihren Kulturbeutel. Ihr Sparbuch und das bisschen Bargeld, das sie im Schreibtisch aufbewahrte, legte sie dazu – und stopfte alles rasch in einen kleinen Trolley. Dann nahm sie ihre Fotoalben, die Briefe von Michael, leerte ihre Hochzeitskiste mit all den Glückwunschkarten in eine Papiertüte und vergrub alles im Garten, am hinteren Zaun, dort, wo Michael niemals hinging. Gottseidank war die Erde an dieser Stelle recht locker und sie kam rasch voran. Sie ging zurück ins Haus, zog alle Psycho-Ratgeber, alle Bücher über das Abwerfen von Ballast, über Sexualität in der Partnerschaft, Kindererziehung, Selbstfindung, Diäten oder das Loslassen – was konnten die schließlich auch anderes sagen, als das Lied von Birdy und Rhodes? – aus dem Regal und freute sich kurz, dass die Sortierung von Büchern wirklich einmal Sinn machte. Dann warf sie die Ratgeber stoßweise durch das Fenster ihres Arbeitszimmers direkt in den winterlich leeren Swimming Pool. Trotz ihrer inneren Überzeugung, dass Bücher nicht verbrannt werden sollten, übergoss sie die Ratgeber mit Rasenmäherbenzin und zündete sie an. Sie brauchte all diese Seelenkrücken nicht mehr und wollte auch nicht, dass sie jemand anders auf die falschen Lebensfährten führten. Den Rest ihrer Habseligkeiten, all die Literatur, die Filme, die Klamotten und Dinge, mit denen sie sich zusehends achtloser umgeben hatte, konnte sich holen, wer sie zu brauchen meinte. Das war ihr egal.

Sie wartete, bis das Feuer wieder in sich zusammensackte, holte ihren Autoschlüssel und wollte los. Da fiel ihr ein, dass sie etwas Wesentliches vergessen hatte. Die Zeit wurde knapp, Michael konnte jederzeit kommen. Also stürmte sie in ihr Arbeitszimmer, zog die Schreibtischschublade auf und nahm das zu Dreivierteln fertige Manuskript ihres Romans heraus und steckte es samt Plastikhülle in den Trolley. Ob der Titel »Wie Bin Laden meine Ehe rettete« wirklich passte, würde sie später entscheiden. Erst mal fuhr sie zum Flughafen, um den nächsten Flieger in den Süden zu nehmen. Sie würde es zukünftig sich selbst recht machen und niemandem sonst. Sie würde einfach schreiben und leben. Das war sicher. Noch beim Einchecken war sie froh, dass sie die Zelte abgebrochen hatte. Sie dachte noch, dass sie wahrscheinlich wieder einmal die Haustüre nicht hinter sich abgeschlossen hätte. Aber auch das war ihr jetzt egal – »let it all go«.



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