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16.09.15

Manfred Prescher

Miststück der Woche IV/42 – Stretch: »Why Did You Do It«

So kann es gehen: Eine Leserin wünschte sich einen Song, konnte den Titel vorsummen, wusste aber nicht, von wem der ist. Sie hat ihn anno Schnupftabak immer wieder in der Disse gehört und ist dazu herumgehopst. Da springt freilich eher der Rhythmus zu dem frau mit muss ins Gedächtnis als der Interpretenname, findet Manfred Prescher. Dank moderner Technik, sprich einer App, ließ sich die Band hinter dem Stück aber dann doch nachrecherchieren.

Stretch: Why Did You Do It Cover

Stretch: Why Did You Do It

Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf – und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, dass du nur noch die Welt retten musst oder dass Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

Anfang der 1980er Jahre gab es einen Song, der außerhalb von Hannover kaum für Furore sorgte – obwohl er doch gesellschaftliche Urstände auf ähnliche Art beschrieb wie Fehlfarben um Peter Hein und Thomas Schwebel. Oder vielleicht auch deshalb. Auf jeden Fall geht es in »Nicht warten« um das, was Menschen wirklich zu jeder Zeit exzessiv tun, nämlich warten. Auf die U-Bahn, die Einreisegenehmigung, darauf, an den Geldautomaten heranzukommen oder in den Lieblingsclub hineingelassen zu werden. Dort wartete man geduldig erregt darauf, endlich seinen Hedonismus als Teil einer homogenen Masse auszuleben. Das war nun, nicht nur im Halbdunkel des Stroboskop-Blitzes, den damals verhassten, »räudigen« Punks gar nicht so unähnlich, wie 1977 noch zu vermuten war. Aber spätestens seit The Gossip weiß man auch in Bad Hinterland, wie ähnlich sich die zwei Seiten dieser Medaille anhören, wenn man sie nur schnell genug auf dem Turntable herumdrehen lässt.

Wahrscheinlich, so steht zu vermuten, ist die Leserin, die sich »Why Did You Do It« wünschte, auch des Öfteren in der Schlange vor der Diskothek gestanden, nur, weil beim letzten Mal der DJ ihr Leben gerettet hat, um es mit einem Tanzflur-Klassiker von Indeep zu sagen. Aber Mädel, als erfahrener DJ kann ich Dir nur sagen, dass er das vermutlich nicht aus purer Nächstenliebe getan hat. Der Mann am Pult war schließlich in aller Regel kein neuzivilisatorischer Christus, er mochte halt einfach nicht vor einer leeren Tanzfläche verkümmern. Das kommt nicht gut, kostet am Ende den Job als Resident-Obermufti – und deshalb muss ein guter DJ, analog zu Bauknecht, wissen, was speziell Frauen wünschen. Denn es war die holde Damenwelt die, mutig voran und ans Pult mit den Technics-Plattenspielern schreitend, das Programm nachhaltig beeinflusste. Beim guten DJ lief das freilich nicht auf direktem »Wünsch Dir was«-Weg, sondern durch gezielte Einbettung in das zukünftige Programm.

Viele Lieder funktionierten nur unter der Glitzerkugel, im normalen Leben und im Chartsalltag waren die schlicht fehl am Platz. Aber auf genau diese Tracks wartete man geduldig in der Schlange oder während man zu Dan Hartmans »Instant Replay« tanzte. Aufgebrezelt und fit genug, dem Alltag einen hoffentlich eleganten Hasenhaken zu schlagen. Why did you do it? Weil es eine schöne Flucht war und der DJ tatsächlich nicht nur einmal, sondern immer wieder das Leben zu retten vermochte. Es fand oft einfach nur am Freitag- oder Samstagabend statt, man hatte ja kein Smartphone, das die Sekundenflucht für Zwischendurch ermöglichte.

Ich kann mich noch erinnern, dass man mir als fränkischen Buben immer wieder eingeimpft hat, dass man den Umgang mit dem Wort »tun« lieber lassen sollte. »Ich tu jetzt mal Hausaufgaben machen« oder »Tu mich bitte jetzt in Ruhe lassen« waren fast genauso verpönt wie »Warum tust Du mir das an?«. Beim letztgenannten Beispiel liegt das aber weniger am Verb, das ja »antun« lautet, sondern an der Verbindung aus Vorwurf und Schuldzuweisung. Die beiden eher kindlichen Beispiele sind von der Konnotation her durchaus korrekt, aber halt sprachlich recht ungeschickt. Obwohl, das typische, bei Nürnbergern jeden Alters zu hörende »Dous hear, Bou« (auf Deutsch: »Gib es her, Kleiner«) hat fast immer was befreiend simples, auch in der Schlange vor der Discothek – beim Warten auf das Lanyard oder den Stempel.

Studio 54

Studio 54

Foto: Tommy Boy Records

Im Englischen ist das Tunwort »Do« doch ziemlich cool – besonders im Umfeld von Pop- und Rocksongs. Es kann magisch und nur mit zwei Buchstaben ganze Welten erschließen und Konventionen brechen. »Why won’t we do it in the road«, wo wir doch beide Lust drauf haben. Es vermag auch den Schwung des Tanzbeines vorwegnehmen: »Do the Hustle/Twist/Mashed Potatoes« etc.pp… Bei »Why Did You Do It« klingt das Ganze, recht freundlich tadelnd, in etwa so: »Warum hast du das Fenster von Nachbarin Schreckschraube denn zerdeppert?«, ist aber eigentlich sehr ernst gemeint. Denn Stretch fassen einen Urheberrechtsstreit in dem Song zusammen. Den führten sie natürlich anno 1975 nicht mit Gema-Hilfe gegen Raubkopierer und Netzsäuglinge, sondern gegen Mick Fleetwood. Denn, so wird kolportiert, sollten Stretch ursprünglich – und mit dem Schlagzeuger Mick Fleetwood – als Fleetwood Mac auf US-Tour gehen. Doch es kam anders, und den Bandnamen bekamen andere zugesprochen, wie wir wissen. Man vertrug sich wieder, so dass »Why Did You Do It« und das dazugehörige Album »Elastique« bei Micks Musikverlag erscheinen konnten.

Ganz nebenbei zeigt uns der Konflikt aber, dass die Formation Stretch eigentlich gar nicht auf Discosound gepolt war – sie spielten folkig angehauchten, zu Beginn der 1970er Jahre im stetig kleiner werdenden Britannien durchaus üblichen Rock, so, wie es etwa auch die personell eng verbundenen Strawbs oder Lindisfarne taten. Ja, beim heiligen, weißen Jackettkragen von Tony Manero, die Jungs um Elmer Gantry, der sich seinen Namen bei einer im Film von Burt Lancaster gespielten Romanfigur borgte, sahen zuerst eher nach Hippie-Kommune, dann aber mehr nach Pubrockern aus. Sie gaben sich also weder als Schnösel, noch als Dandys oder gar als Glamourboys aus. Aber man soll ein Buch bekanntlich nicht nach seinem Umschlag beurteilen, es genügt, wenn man das beim neuen iPhone macht.

»Why Did You Do It« ist aber eindeutig ein funkiges Midtempo-Disco-Stück, aber was sagt das? Waren die Bee Gees von ihrer musikalischen Natur aus auf die Tänze um das goldene Glitzerkalb herum spezialisiert? Und hatten nicht auch Rod Stewart oder die Rolling Stones Hits im Disco-Rhythmus? Ja, richtig: Die Stones bestiegen den Modezug unter anderem mit »Du Fräulein« (Englisch: »Miss You«). Für Stretch wurde »Why Did You Do It«, nur echt mit dem schleppenden Bass, der funkigen James-Brown-Bläserei und den Zweiton-Gitarrenkürzeln zum einzigen Hit, in England kam er bis auf Platz 16, in den Niederlanden ging es sogar in die Top Ten. Aber richtig erfolgreich war es zum Beispiel im »Big Apple«, dem auf der Nürnberger Luitpoldstraße. Damit ließ sich damals das eine oder andere Leben retten – oder zumindest das Unvermeidliche, der Job, die Penne al Rabiata oder das marode Elternhaus aufschieben. Das muss man dem Song wirklich hoch anrechnen. Warum er das mit uns machen konnte? Weil wir auf der Suche nach unserem eigenen Rhythmus waren.

Stretch: Elastique Booklet

Stretch: Elastique

Nächste Woche wird hier an der Stelle natürlich ein weiterer Wunsch erfüllt – und der passt sogar zu den aktuell anstehenden Veröffentlichungen, besonders natürlich zu einer. Denn es geht um die sehr angesagte österreichische Band Wanda, die gerade mit ihrem zweiten Album »Bussi« in den Startlöchern steht. Wir werden aber in der kommenden Kolumne gemeinsam nach »Bologna« reisen. »Wenn ihr mich fragt, wohin ich nun gehe, sage ich ›Bologna‹, wenn ihr mich fragt, wofür ich stehe, sage ich ›Amore‹. In diesem Sinne, tut Euch lieb haben, Ihr da draußen.

PS: Wer mehr über die Disco-Ära erfahren will, sollte das hier lesen: http://www.evolver.at/stories/Disco_Stu_Vol_1/.



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