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18.04.16

Manfred Prescher

Miststück des Monats April – Pink Floyd: »The Great Gig In The Sky«

Cover: Dark Side Of The Moon

Letzte Nacht träumte ich davon, dass ich ein ziemlich schmähliches Gedicht gegen Recep Tayyip Erdogan verfasst hätte. Am liebsten hätte ich es in meiner Radiosendung vorgetragen – aber ein blonder Engel hielt mich noch während des Schlummers davon ab. Dabei wollte ich mich, wie ich mich nachhaltig erinnere, eigentlich gar nicht gegen den Obermufti von Ankara auflehnen oder ihm ans hochwohlgeborene Bein pinkeln, sondern dem Jan Böhmermann mal zeigen, wie man bessere Reime findet und sie in das richtige Versmaß einbringt. Aber dann wachte ich auf und die Welt hat sich gleich im Raumschifftempo weitergedreht. Denn mein Mentalcoach rief an und fragte, warum ich den Termin mit ihm verschwitzt hätte. Ich sagte, halb wahrheitsgemäß, dass ich beim Dichten oft die Zeit vergäße, vergaß aber zu erwähnen, dass ich während des Schmiedens von lustigen Endreimen noch vor mich hingeratzt hatte. Der Mann muss ja nicht alles von mir wissen, der weiß eh schon mehr von mir als mir oft lieb und recht ist.

Während ich also rasch zu ihm hinfuhr, setzte er schon Kaffee auf. Er empfing mich mit einer Tasse in der Hand, auf der »alles ist doof« stand, was durchaus oft seiner – typisch für einen positiven Nihilisten – Meinung entspricht. Und die teile ich auch hin und wieder, während ich seinem Hang, irgendwelchen obskuren Verschwörungstheorien zu glauben, eher ablehnend entzückt begegne.

Jedenfalls, und um ein Langes ausnahmsweise mal kurz zu machen, haben wir vor kurzem den putzigen per Crowdfunding finanzierten Film »Iron Sky« zusammen angesehen. Dass um 1945 herum Nazis auf der dunklen Hinterseite des Mondes gelandet sein könnten und dort eine Kolonie gegründet haben könnten, hat ihn nicht nur begeistert, sondern gleich zu Nachforschungen im Schattenreich zwischen »Der Spiegel«, »Perry Rhodan – Unternehmen Stardust« und »Esotera« animiert. Den Nazis sei das doch zuzutrauen, dass sie sich nach der Endniederlage auf den Ertrabanten zurückzögen, Oberth und von Braun und so, von denen hätte ich doch sicher schon mal gehört, meinte er. Meinungstechnisch lebten sie überdies schon vor der Machtübernahme hinter dem Mond. »Wo sie eigentlich hätten bleiben können«, denke ich reichlich unqualifiziert.

Ich betrete sein Büro, höre, dass er wieder mal zu den sphärischen und spacigen Klängen von Pink Floyds Mammutwerk »Dark Side Of The Moon« meditiert. Gerade läuft das Stück »The Great Gig In The Sky« und ich frage mich, ob vielleicht wirklich was an dem Nazi-Weltraumspuk dran ist. Unterbreche den Gedanken aber, denn da wirft mir mein Mentalcoach ein paar Seiten aus dem Archiv des »Spiegel« hin. Ich sammle sie auf, sortiere sie und schaue ihn derweil immer wieder mal fragend an. »Der Artikel ist Ende März 1950 erschienen, der Redakteur suchte nach Beweisen für die Existenz von fliegenden Untertassen und stieß dabei auf den Flugzeugbauingenieur Rudolf Schriever. Dessen Statements hat mein Mentalcoach mit rosafarbenem Textmarker so kenntlich gemacht, so dass ich gar nicht anders konnte, als die betreffende Stelle zu lesen:

» ›Die Idee stammt aus dem Jahre 1942. Damals war ich Chefpilot in Eger‹ , berichtet Schriever. Als er spielenden Kindern zusah, die waagerecht rotierende Propeller von einem spiralenförmig gedrehten Flachdraht in die Luft schnellten, kam ihm der Einfall. ›So wie diese Kinderpropeller kann auch eine runde Scheibe, wenn sie entsprechend konstruiert wird, emporschnellen.‹ «

Leider gingen die Pläne – wie vermutlich auch die angeblich flugfähigen Scheiben – auf der Flucht vor der Sowjetarmee verloren, der Redakteurskollege hatte also schon 1950 keine Beweise für die Existenz der später als »Reichsflugscheiben« bezeichneten Konstruktion finden können – aber er hatte beim Schreiben des Textes deutlich erkennbar seinen Spaß.

Screenshot: reichsflugscheiben.de

»Was, wenn die Nazis tatsächlich ein paar von den Dingern gebaut und eingesetzt hätten?«, werde ich gefragt. Ja, was dann… Wären sie – lange vor Louis Armstong und seinem Sohn Neil – auf den Mond gelangt? Ich gebe zu bedenken, dass das technisch gar nicht hätte klappen können, es gab 1945 keinen geeigneten Treibstoff und die Außenhülle wäre vermutlich schon in der Erdatmosphäre verkokelt. »Aber vielleicht wären sie mit den Dingern tatsächlich wenigstens bis in die Antarktis gekommen«, fragt er ausgerechnet mich. Was nun – mangels Alternative – auch weniger als Wunder einzustufen wäre, wie ein Flug von Nazibonzen zum Mond.

Davon, dass die Herrscher über das Tauendjährige Reich vielleicht bis zum Südpol gelangt sein könnten, habe ich gelesen. Das war wieder im »Spiegel«. Die Nazis haben sich, so stand 2007 zu lesen, möglicherweise da eingegraben und unterirdisch ihr »Neuschwabenland« gegründet. Angeblich, so behaupten im Oberstübchen vermutlich weniger gut durchblutete Kreise in verschiedenen Blogs, würden die von ihrer riesigen Festung aus immer wieder mit den Reichsflugsscheiben über die Welt kommen lassen, die dann Unfug anstellen und Menschen dazu bringen, an UFOs zu glauben.

»Stell dir das mal vor«, animiert mich mein Mentalcoach – und genau das tue ich. Nicht auszudenken wäre das, aber es würde auch einiges erklären, zumindest, wenn zeitgleich zu den Überlegungen Pink Floyd

» And I am not frightened of dying any time will do/
I don't mind. Why should I be frightened of dying?/
There's no reason for it you've gotta go sometime «
von sich geben und die Denkmurmel mit Nebel füllen.

Was dann wohl alles möglich wäre? Für sehr wahrscheinlich halten wir es in diesem Moment, dass immer wieder Neuschwabenländler – sagt man so? Wer weiß, ach, egal – bei uns eingeschleust werden. Das würde die besonders in Sachsen häufig vorkommenden Kornkreise genauso erklären, wie die Anhäufung Rechtsradikaler in diesem Landkreis – ein sogenannter Kausalzusammenhang – genauso die kruden Thesen von Pegida und Co, die von Dresden aus das Land überfluten. Ja, auch die Existenz der AfD erschiene plötzlich ziemlich plausibel. Denn Marketingtechnisch haben es die Vorfahren der Polar-Schwaben ja anno Schnupftabak auch schon so ähnlich gemacht. Wenn man es genau bedenkt, klingt sogar das schlüssig: »Frauke Petry wurde wahrscheinlich unweit von Dresden, am Rande des Elbsandsteingebirges, ausgesetzt, vermutlich war sie in ihrem unterirdischen Leben Vorsitzende des Bundes Neuschwabenländischer Mädchen«, unke ich – und mein Mentalcoach antwortet mit »genau, warum eigentlich nicht?«. Der hält das wirklich für realistisch, aber der ist auch Fan des SC Freiburg und glaubt an das Gute im Fußball.

Vielleicht, vielleicht auch nicht – ich zupfe die Blütenblätter seiner einzigen Tulpe ab und komme hinsichtlich der »Armleuchter für Deutschland« zu keinem Ergebnis. Außer, dass ich jetzt dringend Kanye West hören möchte. Der ist zwar auch irre, aber irgendwie auch irre gut – und eben nicht irre böse. »Du bist ein Trollo« sagt mein Mentalcoach, »du nimmst einfach nichts ernst«. Er selbst tut das natürlich auch nicht. An so einen Kram glaubt ja ernsthaft kein Mensch. Obwohl? Die Leute glauben wirklich den allerletzten Scheiß. Sogar daran, dass die Presse frei und unabhängig Witze auf Kosten von Politikern machen darf. Ich wechsle also das Thema, lese ihm mein Erdogan-Schmähgedicht vor, das ich aus dem Traum heraus geschält habe – und verbrenne es über seiner Duftkerze. Nicht, dass plötzlich vor der Sonthofener NS-Ordensburg eine Reichsflugscheibe landet und mich zum Südpol fliegt, auf dass ich vor ein Tribunal gestellt werde. Aufrichtige Männer wie Erdogan stehen in Frauke Petrys Heimat sicher hoch im Kurs.



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