21.08.16

Manfred Prescher

Miststück des Monats August – Disturbed: »The Sound Of Silence«

Cover: Disturbed

»Sag mal, gefällt dir das, was Disturbed da aus dem alten Simonundfurunkel-Hit macht?«, fragt mich mein Mentalcoach. Sonst ist er ja nicht so für profane Dinge zu haben, aber jemandem, der auf einem Schrein im Keller eine signierte Ausgabe von »Wednesday Morning 3 a.m.« stehen hat und davor, wenn es sein Tagwerk als durchgeistigter Helfer in allen Lebenslagen zulässt, auch regelmäßig huldigend niederkniet, drängt sich die Frage logischerweise auf. »Ja, da ist das sehr karge Original von ›The Sound Of Silence« drauf – mit echtem Nachhall von Stille«, ergänzt er. Nun, ich denk eher an Mrs. Robinson und an den Film »The Graduate«, wo mir Dustin Hoffman aus der pubertären Seele sprach. Da war das Lied schon wesentlich opulenter instrumentiert. Ist aber auch schon wieder eine ganze Ewigkeit her.

Bei den Metallfacharbeitern von Disturbed ist es nun jedoch aus mit der Stille. Es ist wie bei einem Schmiedetreffen, wo bis in die Nacht hinein gehämmert, geklopft und das Feuer am Lodern gehalten wird. Die Ergebnisse fallen dann naturgemäß unterschiedlich aus. »Stimmt, du warst ja in Kolbermoor auf der Schmiede-Biennale«, überlegt mein Mentalcoach und haut dann wieder einen raus, dass es nur so eine Art hat: »Da hast du sicher den Unterschied zwischen Kunst und Kunsthandwerk live und direkt gesehen. Auch beim Metal gibt es innovative Typen und solche, die halt bloß zu altbewährten Posen herumposen. Wie Disturbed«. Im Heavy-Metal-Bereich sei doch, widerspreche ich, der Innovationsgrad wohl doch geringer als anderswo, weil auch die Fans eher konservativ sind, aber klar, auch da wird keine Atempause gemacht und vorangegangen, um es mit Peter Hein zu sagen. Und Kunsthandwerk kann ja auch ganz nett sein, wenn man sich ein geschmiedetes Rankgitter in den Garten stellt. Sobald aber irgendwie, irgendwo oder irgendwann die Frage auftaucht, ob das weg kann, ist die persönliche Geschmacksgrenze tatsächlich unterschritten worden.

Anders ist es nicht zu erklären, dass »The Sound Of Silence« erst mit einem Jahr Verspätung in Österreich zur Nummer 1 wurde und dann die Welt erobern durfte. Lauthals geknödelt und mit einer Orchesterpassage bestückt, die selbst im Fahrstuhl der Einkaufspassage als zu abgenudelt klingt, hat es sich jetzt mit der von Simon & Dingenskirchen verordneten Ruhe. »Apropos abgenudelt. Wundert es dich nicht, dass jeder Privatradio-Heinz auf ›Gottes weitem Rund‹ (Ewald Lienen) so darauf abfährt und sich erdreistet, Vergleiche mit Metallicas ›Nothing Else Matters‹ anzustellen?«, frage ich. Die Antwort kommt wie immer ebenso rasch wie fundiert: »Nee, das wundert mich nicht. Man wählt seit jeher Vergleiche, die etwas Profanes erhöhen sollen. Oder waren seinerzeit Oasis die neuen Beatles?« Mein »doch, das dachte ich eigentlich«, überhört er geflissentlich. »Es fehlt eigentlich an allen Ecken an Qualitätsbildung«, sagt er und holt aus: »Sonst würden sich nicht Hinz und Kunz verrostete Metallreste aus dem Baumarkt auf den Rasen oder in die Rabatten stellen, abends fettes Fleisch grillen, Einheitsbier trinken und dazu Disturbed hören.«

Er steht ja sehr auf »Tannenzäpfle«, aber das ist eher genetisch bedingt und daher durchaus als schwarzer, genetisch bedingter Fleck in der ansonsten tadellosen Geschmacksentwicklung verständlich. »Aber stören muss uns das auch gar nicht, dass der Song so durchschlägt. Denn erstens wird die Band den Fluch dieses Hits nie mehr los und zweitens hat der Mensch tatsächlich einen Rechtsanspruch auf Schund. Zumindest sollte der im Grundgesetz verankert werden«, fordert mein Mentalcoach. Dann müsste er seine »Sigurd«- und »Wastl«-Hefte, die er immer wieder bei einem Portal für Kultobjekte ergattert und von denen er sogar beim Bergwandern immer eins im Tornister hat, nicht immer vor vermeintlich aufgeklärten Zeitgenossen verteidigen. Wofür er übrigens eigens die Figur des »äußeren Kindes« eingeführt hat.

Cover: Simon & Garfunkel: Wednesday Morning 3 a.m.

Außerdem waren geschmackliche Fehltritte immer schon Teil der menschlichen Evolution. Wer möchte beispielsweise im Fußballstadion heute noch gern Otternasen kredenzt bekommen? Eben. Aber die Frage, die sich auch durch Bibel-Exegese oder Simpsons-Gucken nicht hinreichend klären lässt, ist doch, was war zuerst da – der schlechte Geschmack oder etwas, das schlechten Geschmack heraufbeschwor. »Sag nicht, dass du das Gefühl hast, Disturbed wären schon seit der Zeit des großen Propheten Barney Geröllheimer auf der vergeblichen Suche nach dem ›Sound Of Silence‹«, greift mein Mentalcoach das auf, was mir gerade tatsächlich durch die Denkmurmel geistert. »Es ist die müßige ›Ei oder Huhn‹-Frage«, fährt er fort – und ich unterbreche ihn mit den Worten »die ich endlich gern beantwortet hätte«. Wer, wenn nicht dieser kluge und umfassend gebildete Zeitgenosse, dieser Mensch-gewordene Vulkanier, könnte mir diesen Gefallen tun?

»Natürlich lässt sich die Frage nicht endgültig beantworten, höchstens für unsere Weltraumgegend. Ich gehe davon aus, dass aus dem Urknall die erste Eier aus einer Massentierhaltung in einem anderen Universum herüberpurzelten, in der sengenden Hitze prähistorischer Zeiten vom Wetter ausgebrütet wurden und dass dann das Ganze startete…« Aha! »Du meinst« – aber ich kann die Frage gar nicht ausformulieren, denn er bewegt sich schon mental weiter: »Es ist wie mit einem Nudeltopf. Du bist der Urknall, haust die Teigwaren ins blubbernde Salzwasser und dann werden sie im Nachgang erst al dente. Das betrug sich damals so: Durch den Knall flog jede Menge Elementarzeugs umher und wurde auch nicht von Mauern oder Zäunen aufgehalten. Es landete dann irgendwo im Urzeitmeer, das praktischerweise gerade am Köcheln war und dann krochen die ersten Wesenheiten heraus, schwitzen und machten, dass sie sich auf, den Planeten zu entdecken«.

Und was hat das mit Disturbed zu tun? Wahrscheinlich lief dazu deren »Sound Of Silence«. Denn die Gischt und der Nachhall des Urknalls dürften so laut gewesen sein, dass es jemandem wie David Draiman, das Front-Urviech der Band, brauchte, um darüber hinwegzuschreien. »Mein Mentalcoach hat echt einen Urknall«, denke ich. Aber das macht ihn doch auch so wertvoll, auch, wenn er die tatsächliche Antwort auf die Ei-Huhn-Frage einfach in ein anderes Universum verschob. Was aber dann schon so weit weg ist, dass es auch schon piepenhagen ist. Eines wäre dann aber auch klar: Der große Paul Simon hätte sich bei Disturbed bedient – und nicht umgekehrt. Spätestens dann geriete für meinen Mentalcoach die Welt endgültig aus den Fugen.


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