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25.07.16

Manfred Prescher

Miststück des Monats Juli – 21 Pilots: »Ride«

Da ich im Sommer Geburtstag habe, nutze ich die feierliche Gelegenheit stets, um mich auf den jeweilig bequemsten Stuhl im jeweiligen Domizil zurückzuziehen und die bereits abgearbeiteten Monate Revue passieren zu lassen. Dies für das erste Halbjahr 2016 zu tun, fällt mir allerdings schwer, denn es ist global, popmusikalisch und auch im großen Ganzen bzw. im halb Zerfaserten ein auf heftige Art bescheuertes Zeiträumchen, das da hinter uns liegt. Wo kommen eigentlich all die Irren her, die uns das an und Pfirsich beschauliche Erdendasein zur Hölle machen? Und warum ist Drake gefühlt seit Jahresbeginn Nummer 1 in den englischen und amerikanischen Charts? »Weil eh alles wurschtegal ist«, stellt mein Mentalcoach die Dinge auf eine universale Ebene von fast schon adornoschem Kulturpessimismus. Ich habe ihn zu mir eingeladen, ihm sogar mein Lieblingssitzmöbel angeboten, weil mich der Rückblick doch schon von Vorneherein überfordert. Denn was passiert gerade? Irgendwer sprengt sich und andere in die Luft, irgendwer rast mit dem Truck in eine Menschenmenge und selbst vor einer anstehenden der Fahrt mit dem Regionalexpress muss man das innere Angstgespenst überwinden. Hat mein Freund und in den Wörtersee Stecher auf die drängende Frage »was soll das?« eine plausible Antwort, dann würde ich ihm glatt diese Ausgabe der Kolumne widmen – in etwa so, wie es der portugiesische Meister Eder seinem Pumuckl, also seinem Mentalcoach, anlässlich seines Kunstschusses im EM-Finale gemacht hat.

Während ich also nun die Frage aller Fragen – »und Du musst mir die Antwort sagen« (Cliff Richard) – stelle, läuft im Webradio gerade »Ride« von 21 Pilots. Das Duo aus Ohio ist als Ganzes eine Mischung aus Nerd-Optik, Bastler-Cleverness beim Sound-Produzieren und gewiefter Räuber-Aktivität. Denn man hat das alles schon mal irgendwo gehört, auch jene Mischung aus Reggae, Rap und Rock, die die Pilots in ihrem aktuellen Hit rüberbringen. »Man hat ja auch all das, was bislang 2016 passiert ist, schon erlebt. Bloß eben nicht in solch einer geballten Unglückseligkeit«, bilanziert mein Ratgeber. »Nur der Portugiese war mit dem Toreschießen sparsam, alles andere gab es im Überfluss. Vor allem Schreckensnachrichten«.

Schuld ist, so erklärt er, die vermeintliche Freiheit, die wir durch die Vernetzung gewinnen. Wir geben praktisch alles preis, werden durchschaubar und niemand muss sich mehr die Mühe machen, uns auszuspionieren. »Abgesehen davon, dass die Welt dabei, wie Adorno sagte, ihre Mystik verliert, braucht man keinen Geheimdienst mehr, um alles über uns zu wissen. Bevor die ihren Apparat in Gang setzen, weiß der Rest der Welt praktisch schon alles über uns«, so mein Mentalcoach. »Abgesehen davon, dass man uns nun spielend unsere Bedürfnisse erklären und sie rechtzeitig wecken und in Kauflust umwandeln kann…«, fährt er fort, als ich ihn unterbreche. »Du meinst, wir bestellen dann Dinge, von denen wir bis dato gar nicht wussten, dass wir sie wollen?« Seine Antwort ist wie immer so klar und präzise wie die Umwandlung von fremden Geisteseigentum in zeitgenössische Hits bei den 21 Pilots: »Nehmen wir mal eine Frau, die im fünften Monat schwanger ist. Sie hat zum Beispiel Lust auf weiße Schokolade mit Rosinen, sie weiß aber nicht, warum. Dafür gibt es Amazon und Co., die berechnen das ganz exakt, lassen das Ergebnis in einen Algorithmus für Schwangere im fünften Monat einfließen. Und noch ehe ‚Ride’ einmal durchgenudelt werden kann, schlagen sie der Frau die passende Hochpreisschokolade vor. Sie muss noch nicht mal mehr ihr eigenes Bedürfnis und ihren Jieper darauf selber wecken. Wie vom Navi, auf das wir uns blind verlassen, wird ihr das Denken und die Selbststeuerung abgenommen.« Die Folge ist auch für mich offensichtlich: Was auf den ersten Blick wie ein dickes Plus an Freiheit aussieht und sich auch so anfühlt, ist eigentlich in Wahrheit ein Verlust an individuellen Möglichkeiten. Und also, um mit Heidegger zu reden, eine Transformation der Person auf Institutionen und damit also eine Abgabe von Freiheit.

»Dass sich der Kapitalismus mit der Steuerung unsere Wünsche und dem Setzen von Kaufimpulsen beschäftigt, ist per se ebenso altbekannt wie naheliegend, denn am Ende des Tages muss die Kasse klingeln«, doziert mein Mentalcoach. Und ich denke, dass sie das am besten den ganzen lieben langen 24-Stunden-Tag über tun müsse, wenn es nach Amazon, Google, Apple oder Zalando geht. »Aber was hat das zum Beispiel mit dem IS, dem selbsternannten »Irren Schweinehaufen« zu tun?«, frage ich und ernte zunächst einmal ein mitleidiges Lächeln. Dieses suggeriert mir, dass ich einfach wieder mal die einfachsten Zusammenhänge ignoriere: »Wir wissen schon seit Osama, dass Terrornetzwerke auch nicht so viel anders funktionieren als Amazon. Bin Laden war Wirtschaftsmagnat und brachte sein Wissen und seinen Stab in Al-Qaida ein. Du kannst davon ausgehen, dass die bestens vernetzten IS-Ideologen genau analysieren lassen, wie ihre potentiellen Schergen ticken, wo ihnen der Schuh klemmt und wie ihnen der Kittel brennt. Sie kriegen daher genau die Leckerli, mit denen sie sich dann manipulieren lassen – und werden völlig unfrei.« Vielleicht, denke ich, ist es ihr Bedürfnis, in einer immer komplexer zerfaserten Welt auf die Freiheit verzichten zu wollen? Noch bevor ich die Frage stellen kann, ist sie beantwortet. Mein Mentalcoach ist nämlich sicher, dass unser Zeitalter mit all den theoretischen Wahlmöglichkeiten auf viele beängstigend wirken muss. »Oder sogar frustrierend. Nämlich dann, wenn man sich eben keinen Ferrari kaufen kann, nicht so gut Fußball spielt, dass es zur Teilnahme an einem EM-Finale reicht oder selbst Hilfsarbeiterjobs nicht zur Verfügung stehen. Das Trostlose des offensichtlichen Abgehängtseins von den Fleischtöpfen der Möglichkeiten macht radikal.« Im harmlosesten Fall hört man dann Freiwild, aber der Übergang zu härteren Maßnahmen der Human-Desensiblisierung ist schon von diesem Punkt aus fließend. Da hat es der Eder schon besser getroffen – und das war, gerade, wenn man an das fiese Faul an CR7 denkt – auch gut so. Für einen Moment glaubte ich nämlich, dass es gerecht zuginge auf Gottes weitem Rund. Aber wo wir schon bei Eder sind: Auf dem Gym hatte ich einen Freund, der, allerdings mit Nachnamen, Eder hieß. Der spielte ebenfalls sehr ordentlich Fußball und schaffte es, in einem Freundschaftsmatch einem mir namentlich bekannten Bundesligaprofi des 1. FC Nürnberg zu tunneln und dann einzunetzen. Leider nahm er sich kurz darauf die Freiheit, den Sport aufzugeben und Versicherungskaufmann zu werden. Das ist aber eine andere Geschichte – und sie wird auf lange Sicht unerzählt bleiben. Es passieren schließlich grad wichtigere Dinge, was kein Wunder ist, denn selbst der sprichwörtliche Sack Reis kann beim Umfallen zur Waffe werden.



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