.

26.01.16

Manfred Prescher

Miststück der Woche IV/52 – David Bowie: »Lazarus« – Teil 2

David Bowie

David Bowie 1983

Foto: EMI USA/David Bowie

Was wäre wohl aus Manfred Prescher geworden, wenn es David Bowie nicht gegeben hätte? Das lässt sich natürlich nicht sagen. Was man aber sagen kann ist, dass der Kolumnist praktisch alle Kapriolen des von ihm sehr verehrten Künstlers unmittelbar nachvollzogen hat.

Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf – und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, dass du nur noch die Welt retten musst oder dass Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

In dieser Sonderversion der Kolumne geht es dieses Mal um einen Künstler, der tatsächlich ewig und drei Tage Lieder veröffentlichte, die sich in dir festsetzen.

»It's better to burn out than to fade away« – das sang Neil Young. Aber leider erst 1979, gepasst hätte die Zeile wohl spätestens seit Jack Kerouac auf dem Weg ins Drogennirvana war und Jugend nicht mehr nur »heranwachsend«, sondern Abgrenzung, speziell von den Altvorderen bedeutete. Bei mir hätte der Song vom damals gar nicht so alten Althippie sicher schon zwei Jahre früher gepasst. Denn da schrieb ich in einem meiner Gedichte, ich sei lieber »heute Abend glücklich und morgen tot, als so dahinzuvegetieren wie es meine Eltern tun«. Inspiriert wurde das adoleszente Poem von Bowies »Heroes«, dass es auch in einer gemischtsprachigen, englisch-deutschen Version gab. »Wir sind dann Helden für einen Tag«, heißt eine der Schlüsselzeilen, verknüpft mit der bitteren Erkenntnis, dass niemand »uns« eine Chance gibt. Denn erstens hatte sich die Liebe – speziell die frühreif juvenile – gegen erwachsene Widerstände sowie gesellschaftliche Normen durchzusetzen, und zweitens hatte speziell ich die Erfahrung gemacht, dass die eigene Mutter alles versuchte, zwei vorsichtig schmachtende Teenager auseinanderzubringen. Sie hat Briefe vernichtet, mich am Telefon verleugnet, das Mädel, das übrigens einen wunderbar Loriot-artigen Nachnamen trug, dabei beleidigt und jede Menge Tricks angewendet, die man sonst nur aus Soulsongs etwa des von Bowie und mir geschätzten Chuck Jackson her kennt – und alles nur, um weiterhin die Kontrolle zu behalten. Ausgebüxt bin ich dann trotzdem. Nicht nach Berlin freilich, jenem Ort, an dem Bowie sich damals aufhielt. Wo er in der Schöneberger Hauptstraße 155 nicht nur die drei elektronisch artifiziellen Alben »Low«, »Heroes«, »Lodger« und allerlei Drogen aufnahm, sondern auch mit Iggy Pop abhing, sein Album »The Idiot« produzierte und gemeinsam mit ihm »China Girl« schrieb. Ich kam gerade mal bis München oder Frankfurt, zu mehr reichten die elterliche Ausgangssperre und die kümmerliche, durch Ferienarbeit und Oma-Zuschuss gewonnene, durch intensiven Alkoholkonsum verlorene und durch Flipper- und Dartsspiel nur teilweise zurück gewonnene Barschaft nicht aus. Aber immerhin, an manchen Abenden war ich der Superheld, der Iron Man, in meine eigenen Scheißwelt. An vielen Tagen fühlte ich mich allerdings wie Bowie auf dem Cover von »Lodger« – zerschmettert, völlig ohne Leben, platt wie eine Flunder.

Cover: Scary Monsters

Die scharfe Rakete, die Bowie in »V-2 Schneider« zu Ehren von Kraftwerks Elektrotechniker Florian Schneider zündete, für mich zeigte sie die Zerstörung um mich herum an. Wernher von Brauns Wunderwaffe als Symbol der wandelnden Ruinen, innen ausgehöhlt und außen aufgequollen. Lässt man das relativ schluffige »Sounds And Vision« mal außen vor, dann sind die drei Berliner LPs vor allem eines, nämlich eiskalt. Sie wurden nebenbei zur Blaupause für Elektro-Frosties, so sind etwa »Are Friends Electric« von Tubeway Army und »I Want To Be A Machine«»My Sex« für mich die Verlängerungen dieser Bowie-Phase. Denn der war zu jener Zeit schon wieder ganz woanders.

Mit »Scary Monsters (And Super Creeps)« ging es in Richtung Pop. Aber wenn David Bowie »Pop« sagt, dann versteckt sich hinter dem Begriff eine sperrige Welt voller Fußangeln. Mit »Ashes To Ashes« kam Major Tom wieder – und der war noch elender beieinander wie 1969 in »Space Oddity«. Überall lauerten Unholde – aber immerhin waren sie, wie in »Fashion« beschrieben, gut angezogen. Meine Hymne war »Teenage Wildlife«, denn genau diese Phase ging nun, 1980, zu Ende. Mit 19 wusste ich noch nicht viel. Der Weg war nicht das Ziel, und das Ziel konnte alles sein. Wohin sollte ich mich orientieren? Beruflich, politisch, zwischenmenschlich oder bei der Wahl eines Café, in dem sich trefflich schwurbeln lassen würde? Mit Autonomen und Hausbesetzern teilte ich viele Gedanken und Aktionen, nicht aber die Schmuddligkeit und Antiästhetik. Ich entschied mich, schwarze Männerkleider zu tragen, blickdichte Strumpfhosen und Ohrringe. Das kam nicht gut – weder in Wackersdorf an der WAA-Baustelle noch beim Gang vorbei an normalen Straßenarbeiten. Wenn ich aus meinem Mini stieg, war ich um graziles Auftreten bemüht. Für »Friedenschaffen mit Schnellfeuerwaffen«, wie ein guter Bekannter sprayte, war das, so wurde ich von linken Spießern (Slime) angefeindet nicht die geeignete Kleidung. Das sah ich anders: Man stelle sich vor, es ist Revolution und alle sind so gekleidet, wie sie wollen? Bowie hätte nichts dagegen.

Der gab 1983 mit »Let's Dance« den Superstar und ich folgte ihm bis in die Münchner Olympiahalle. Er mochte, so wird kolportiert, die von Nile Rodgers produzierte Platte schon damals nicht. Eigentlich ist das irgendwie schade, denn sie enthält mit »Ricochet« und »Without You« zwei absolute Highlights. Nun, eine zusätzliche Version von Moroders »Cat People« hätte es eher nicht gebraucht, der Film war sowieso eher mau. Anders als »Begierde«, wo Bowie ebenfalls 1983 zusammen mit Catherine Deneuve ein sehr sinnlich makabres Vampirpaar bildet. Die beißen und vögeln den Anderen die Energie aus den Adern und bleiben so unsterblich. Bis Bowie in Tony Scotts Horror-Erotik-Dingenskirchen halt dann doch altert. Fast wie im richtigen Leben ...

Cover: Ziggy Stardust and the Spiders from Mars

Foto: EMI USA/David Bowie

Genau, die »Scary Monsters and Super Creeps« sind überall, auch in einem selbst. »Jetzt ist das Arschloch 18« begann ich damals ein Gedicht, dass für den Protagonisten tödlich und für den Rest der Welt, die in wenigen Zeilen mit Gleichgültigkeit gleichgesetzt wurde, eben mit vollständiger Wurschtigkeit endete. Oder ich beschrieb ein romantisches Pärchenidyll, das in einem Verweis auf schimmliges Brot gipfelte. Um es mit Max Goldt zu sagen: »Schimmliges Brot verdirbt oft die Freude«. Während Bowie mit »Let's Dance« auf Konzertreise ging, am Gipfel des Erfolgs auf für ihn bis dahin unbekannte Fanmassen herunterblickte, mit dem unterschätzten Album »Tonight« wieder auf dem Boden landete und dem famosen »Never Let Me Down« 1987 zumindest in Deutschland ziemlich erfolglos blieb und seine »Glass Spider Tour« Open Air vor überschaubarem Publikum spielte, war »Scary Monsters« konstant meine Leib- und Seele-Platte. Sie passte perfekt zu dem, was meine eigene »Denkmurmel« (Gregory House) kontinuierlich hervorbrachte:

»She asked me to stay/
And I stole her room/She asked for my love/
And I gave her a dangerous mind/
Now she's stupid in the street/
And she can't socialize/
Well, I love the little girl/
And I'll love her till the day she dies.«

Beziehungen gestalteten sich immer schwieriger, auch, weil ich damals nicht wusste, was später herausfinden sollten. Für mich war dieses »little girl« aber von Anfang das, was heutzutage immer wieder gern als »inneres Kind« bezeichnet wird: Der kleine Kolumnist in mir, der immer um Liebe bettelte, aber dann doch oft genug auf der Straße landete. Wie der Große auch, der Apfel fällt bekanntermaßen nicht weit vom Pferd.

Bowies Lieder auf diesem Album beschreiben zum größten Teil nicht nur, wie schwer es ist, Nähe von Abhängigkeit zu unterscheiden, sie erzählen auch, wie etwa, im von Tom Verlaine (Television) geschriebenen »Kingdom Come« vom Kampf, die Distanz zum Anderen zum überwinden. Ganz nebenbei ist jenes »Kingdome Come« auch die würdige Fortsetzung von »Heroes« – oder besser eine flehentlichere Neufassung: »I just need one day somewhere far away Lord, I just need one day« heißt es in diesem Song.

Die 1980er Jahre waren für mich verwirrend, »Up The Hill Backwards« sang Bowie sehr passend dazu. Der Prozess des Erwachsenenwerdens schien sich ewig und drei Tage hinzuziehen, aber wollte ich erwachsen werden? Am Ende des Jahrzehnts musste ich es dann zwangsläufig hinkriegen, denn ich wurde Vater – alles in allem waren ich und auch meine Partnerinnen zu jener Zeit aber »Absolute Beginners«. Um es mit dem Bowies Titellied zum recht missratenen, leider nicht allzu sehr auf den gleichnamigen, sehr lesbaren 1959er Roman von Colin Macinnnes aufbauenden Film zu sagen. In dem Streifen ist übrigens ein weiterer Bowie-Song zu hören und zu sehen: Zu »That's Motivation« tanzt der Meister über eine riesige Schreibmaschine, was cool ist, aber ein solches Monstergerät vermag wohl bei einem Autor auch zu gigantischen Schreibblockaden führen. Das Lied gehört jedenfalls zu den besten unter den vergessenen Perlen Bowies. In den 1980er Jahren begleitete er mich mit konstant guten und erstaunlichen Sachen, etwa seiner Einspielung von »Peter und der Wolf«, mit fantastischen Liedern aus Brechts »Baal« oder dem ebenfalls recht untergegangen Soundtrack-Kleinod »When The Wind Blows«.

Das folgende Jahrzehnt begann mit »Jump They Say« – darüber, über ein Album, das es eigentlich nicht gab, über die Zeit bis zu Bowies Tod, über »Let Me Sleep Beside You«, »Hearts Filthy Lesson« und »Lazarus« werde ich Euch nächste Woche erzählen. Es würde mich freuen, wenn Ihr wieder auf Kolumnen.de vorbeischauen würdet. Bis dahin verabschiede ich mit Worten aus Bowies »Sweet Thing«, der Mensch braucht schließlich was zum Nachdenken:

»Does that make you smile, is that me?/
I'm in your way, and I'll steal every moment/
If this trade is a course, than I'll bless you/
And turn to crossroads and hamburgers.

Na dann, Mahlzeit!


Dies ist die Druckversion von kolumnen.de/kolumnen/prescher/prescher-260116.html

(In der Druckversion werden Extras wie die Formulare oder Links zu verwandten Kolumnen, Hörfassungen und Übersetzungen ausgeblendet.)

Alle Kolumnen von Manfred Prescher finden Sie hier: kolumnen.de/prescher.html