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26.05.16

Manfred Prescher

Miststück des Monats Mai – Beyoncé feat. Kendrick Lamar: »Freedom«

Das geht nun eigentlich gar nicht. Ich soll, meint mein Mentalcoach, einfach die Tastatur Tastatur, den Herrgott einen guten Häuptling sein und überhaupt mal einfach alles loslassen. Dann käme es – die Ideen, der Reichtum, die Herzensdame – von selber wieder. Und man würde sich weniger ausgelaugt fühlen. Der Mann hat gut reden, schließlich steht er einfach so bei mir im Türstock, verlangt Einlass und einen Tee mit einem Schuss Lebensfreude. Dabei spricht er von Freiheit, die ich mir nehmen müsse und meint dabei ganz sicher seine Freiheit, hier bei mir abzuhängen und mich mit kolossal wichtigen philosophischen Lebensweisheiten zu konfrontieren. Also reden wir von Freiheit. Deren Ausgestaltung hat sich seit Proudhon und Bakunin grundsätzlich verändert, sprich individualisiert. Denn nun meint jeder, dass er sich möglichst gut entfalten können und möglichst unangefochten vom Rest der Menschheit das Survivaltraining in den entlegendsten Winkeln der persönlichen Südsee vorantreiben müsse. Getreu dem Motto: »Lasst mich hier rein, ich bin mein Star«. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an Max Goldt, der mal – zur Zeit von Foyer des Arts – reimte: »Die zweite Frage lautet ‚was ist super? Wen super finden oder selber super sein? Wen super finden, denn wer selber super ist, ist meist allein'«.

Ich finde meinen Mentalcoach super, und in puncto »Loslassen« hat er recht. Das muss öfter mal sein. Gerade jetzt, zum Beispiel. Ich bitte ihn daher, meine rechte Pranke freizugeben, die er seit gefühlten zweieinhalb Stunden festhält. Denn ich muss zum CD-Player, denn bei Beyoncé hängt es gerade. Mitten im Track »Freedom« nimmt sich die Hardware eine Auszeit und wiederholt unablässig die Zeile »Freedom, I can't move«. Da sage noch einer, so ein Hifi-Gerät hätte keinen Humor.

Grundsätzlich nämlich, so meint mein Mentalcoach, nachdem er mir meine Hand und damit ein unschätzbares Plus an Bewegungsfreiheit wiedergegeben hat, musst Du wirklich Loslassen, dem anderen das Maximum an Freiheit ermöglichen. »Und sie Dir dadurch selber geben.« Er fragt, ob ich das nicht kennte – und verwendet wirklich die Kempowski-Möglichkeitsform von kennen würde: Bekanntermaßen gäbe es seit Kant und später Heidegger ja eine positive und eine negative Freiheit. Nur das, was man jeweils darunter versteht, ist eine Frage des gesellschaftlichen oder auch persönlichen Zustandes. »Nimm nur mal Beyoncé«, sagt er und ignoriert mein flapsiges »warum sollte ich?«. Unbeirrbar wie eben nur mein Mentalcoach ist, fährt er fort: »Das neue Album, das wir gerade hören, ist eine starke politische Ansage einer afroamerikanischen Frau. Stolz und klug. Trotzdem nimmt sie sich die Freiheit und zeigt ihren Körper so freizügig, dass gerade die, gegen die sie singt, hechelnd drauf anspringen.« Ich weiß nicht recht, ob das nun eine positive oder negative Freiheit ist – und denke an die beste Liebespartnerin von allen, die in puncto Beyoncé fein austariert zu differenzieren weiß: Sie schätzt die Sängerin wegen ihrer Bedeutung für den Black Feminism, bemängelt aber, dass sie mittels der sexistischen Antiästhetik ihrer schmalen Bühnenoutfits eine kontradiktorische Wirkung bei weißen Männergestalten erzielt.

Ich selbst finde, dass man sich alle Formen der Freiheit nehmen darf, so lange sie andere nicht in ihrer Würde verletzen – oder in ihrem Geschmacksempfinden. Ekel hervorzurufen, dürfte selbst nach Heidegger eher zur negativen Freiheit gehören. Eine positive Freiheit ist also, frage ich mein Gegenüber, wenn man von anderen Leuten keine Zwänge aufoktroyiert bekommt und wenn sie ihre Unmutsäußerungen so gut verstecken, dass man sie nicht mitbekommt? »Das könne man getrost so sehen, müsse man aber nicht – die Freiheit hätte man schließlich«, antwortet er weise wie die allwissende Billardkugel, die immer wieder einfach ins richtige Loch purzelt.

Während wir Yogi-Tee »Große Freiheit Nummer 7« nachgießen und den Plunder auf meinem Esstisch mit Bröseln und Krümeln von frischen Plundergebäck versiffen – negative Freiheit – , gehe ich in mich – positive Freiheit – und denke an die 1990er Jahre. An die Zeit vor Beyoncé und den Visakarten-Werbeslogan »Die Freiheit nehme ich mir«. Gott, wie war mir das peinlich, damals am Strand von Ibiza, als mir nichts anderes übrigblieb, als den berühmtesten Spot des Finanzdienstleisters am eigenen, praktisch nackten Touristenleib auszuprobieren. Denn ich hatte nichts an als meine knappe Badehose und dorthin, wo der Gold-Zack-Hosengummi das Ding in Form hielt, musste ich meine nagelneue Kreditkarte stecken. Sonst hätte ich mir den pseudophönizischen Krempel gar nicht kaufen können, den ich eigentlich nicht wollte – und den ich auch gar nicht erwarb, weil ich ihn mir nämlich nicht kaufen konnte. Denn mir rutsche das Plastikkärtchen einfach schrittabwärts durch die Büx und verschwand, auf in eine höchst eigene, freilich für Visa und mich negative Freiheit. Noch heute frage ich mich, wie das Ding im Bikini des Werbe-Models hielt. Dreikomponenten-Hautkleber? Tesa-Strips hätten zu sehr aufgetragen. Oder sie hielt es allein durch die schiere Kraft ihres anmutigen Gangs? Fragen, über Fragen. Doch die darf man stellen, denn die Gedanken sind – behauptet zumindest ein altes schlesisches Volkslied – frei.

Und ich bin dann, als mir der Schädel zu brummen anfängt, so frei den Mentalcoach, sowie meinen CD-Player um ein paar ruhige Momente zu bitten. Nebenbei lass ich versehentlich meine Teetasse los. Die nimmt sich die Freiheit, heil zu bleiben, aber das Nass über die Holzplanken meines Wohnzimmers zu verteilen. »Eindeutig negativ« denke ich, hole den Putzlappen und mache der Schweinerei ein Ende. Denn wie sagte schon Franz-Josef Strauß selig? Genau! »Dieser Saustall muss ein anderer werden!«


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