27.12.16

Manfred Prescher

Miststück des Jahres 2016 – »Just a drink« mit David Bowie, Glenn Frey, Prince, Leonard Cohen und George Michael

In Jena heißt ein Park »Paradies« und lädt, vorausgesetzt, die Gefühlslage stimmt, zum himmlischen Verweilen ein. Dafür sieht es dort, wo die vermeintlich letzte Reise endet, irgendwie gar nicht himmlisch aus. Die »Sky«-Bar, zu der mich Petrus zwecks Interviewtermin führt, wirkt nämlich plüschig, wie ein sündiges Boudoir aus dem Paris des 19. Jahrhunderts. »In so einer Lasterhöhle hat Keith Richards vor Jahr und Tag mal die Presse zur Vorführung einer Soloplatte eingeladen«, denke ich. »Kaum zu glauben, dass es im Himmel Lokale gibt, die an alte Bordelle erinnern. Vielleicht ist das alles nur ein seltsamer Traum?«

Der Kellner, der mich spitzbübisch angrinst, fragt mich, was ich denn erwarten würde? Hier oben könne nicht nur jeder Gedanken lesen, sondern auch nach seiner Facon dauerhaft glücklich werden. Die vier Herren, die an der Bar sitzen und sich angeregt unterhalten, scheinen jedenfalls recht zufrieden und nippen entspannt an ihren himmlisch-diabolischen Drinks. »Johnny, lass mal gut sein, der Junge wird auch noch dahinterkommen«, höre ich einen der vier sagen. Hinter was eigentlich? Dass der Barkeeper nicht nur aussieht wie Johnny Cash, sondern tatsächlich Johnny Cash ist, der gerade aus Jux und Tollerei und aktuell nicht viel Besseres zu tun hat als David Bowie, Prince, Leonard Cohen und Glenn Frey zu bedienen. Letzterer war es, der zu Johnny sprach. Ja, tatsächlich, diese vier, allesamt im Jahr 2016 verstorben, gießen sich einen oder zwei aufs Zäpfchen und laden mich ein, mich zu ihnen zu gesellen. »Aber wir geben keine Interviews mehr, damit das klar ist«, sagt Bowie in durchaus charmantem Tonfall.

»Du hast doch sowieso kaum welche gegeben«, meint Frey, der freilich selber zurückgezogen lebte, weil das die stetig sprudelnden Tantiemen aus den Eagles-Songs ermöglichten.

»Es waren ohnehin immer die gleichen doofen Fragen: Warum ich mich so oft verändert habe? Und wieso ich mich auf das Pop-Ding mit ›Let's Dance‹ einließ? Das hängt mir posthum zum Hals heraus«, erwidert Bowie.

Prince nickt und antwortet: »Wisst ihr, ich hatte mich zurückgezogen, aber dann eine Lösung gefunden – ich bat immer wieder mal ausgewählte Pressefuzzis zu einer Privataudienz. Die konnten dann Musik hören. Denn eigentlich sollte die für sich selber sprechen.«

Leonard Cohen kichert in sein Rotweinglas, während ein Chor, aus dem man Freddie Mercury, Amy Winehouse, Hank Williams, Lemmy Kilmister, Jim Morrison, Marvin Gaye, James Brown, Frank Sinatra, Louis Jordan, Janis Joplin, Kurt Cobain oder auch John Lennon herauszuhören glaubt, eine wilde Interpretation von Tom Waits' »Rain Dogs« zum Allerbesten gibt: »Man hatte bei dir aber schon das Gefühl, dass du ganz gern den unverstandenen Künstler, den Mozart des 20. und 21. Jahrhunderts gegeben hast, oder?«

»Ja, klar«, meint der kleine Mann aus Minneapolis. »Irgendwie war das doch auch so ...«

Bowie unterbricht ihn: »Genau, und zwar weil du einfach nicht wusstest, wohin mit deiner Kreativität. Bei Lenny hier war das anders. Der vertonte seine Gedichte nur, weil er damit Mädels ins Bett schnurren konnte. Bis ihm sein Geld abhanden kam, war er nicht so fleißig«.

Cohen nickt, er hat offensichtlich nichts gegen diese Wertung einzuwenden. »Klar, deshalb bekam Bob den Nobelpreis und nicht du«, meint Glenn Frey lakonisch. »Findet ihr, er hat's verdient?«, schiebt Bowie nach.

Die Meinung ist einhellig. »Auf alle Fälle«, sagt Cash, der den Geschichtenerzähler Dylan von Anfang seiner langen Karriere an bewunderte. »Man kann zwar viele seiner Texte nicht lesen«, sagt Prince, »aber wenn man sie hört, dann ergeben sie plötzlich auf magische Weise Sinn und zeigen, wie sehr sie in unserer Tradition verwurzelt sind«.

»Aber oft machten andere etwas aus seinen Steilvorlagen, die Byrds zum Beispiel«, erklärt Glenn Frey. »Eben, niemand singt Dylan bekanntlich wie Dylan, was manche auch gut so finden«, lacht Bowie und ergänzt: »Die Axt im Haus erspart nicht Herrn Zimmermann. Wir wissen doch alle, dass man nur dann als Künstler rezipiert wird, wenn man als unverwechselbar und unique wahrgenommen wird.«

»Das hast du schön gesagt, David«, nickt Glenn Frey und klopft Bowie anerkennend auf die schmale Schulter.

Plötzlich geht die mit rotem Samt bezogene Eingangstür auf und ein Typ in Jeans und Lederjacke und mit verbeulten Stetson auf dem Schädel kommt herein. Im Schlepptau hat er einen Mann, vielleicht Mitte 50 mit rappelkurzen Haaren. »Lemmy, wen bringst du uns denn da in unsere hochheilige Lieblingsbar?«, fragt Cohen. Und Bowie ergänzt: »Nur, um das auch mal zu bringen: ›Um Himmels Willen‹, das ist George Michael. George, was machst du denn hier, lang vor deiner Zeit?«

Nach einem allgemeinen, freundlich-unglaublichen »Hallo« bittet Glenn Frey Michael an den Tisch und Prince löchert ihn mit der Frage, die allen – auch mir – auf den Lippen liegt: »Was machst du denn schon hier? Ich meine, mein Tod war sogar für mich eine Überraschung. Aber du warst immer so viril. Und jetzt sitzt du hier. Am besten du bestellst dir ...«

»Bitte mach jetzt keine Witze um Warmgetränke oder so. Du weißt selbst am besten, wie es sich anfühlt, wenn andere deine Karriere ruinieren«, lächelt George Michael in die Runde. »Keine Angst«, erwidert Prince, »nichts liegt mir ferner. Aber sag, wie fühlt es für dich an, hier zu sein?«

»Nun, das kann ich noch gar nicht sagen. Gerade erst ist mein Herz stehen geblieben – und jetzt bin ich hier. Eines steht fest, ich muss nie mehr ›Last Christmas‹ hören.« Bowie antwortet: »Klar, es war dein letztes Weihnachten da unten. Aber du hattest auch coole Songs wie »Faith«, »Fastlove«, »Heal The Pain«, »Young Guns« ...

»... oder den »Wham Rap«, fällt ihm Bowie ins Wort. »Schau«, meint Glenn Frey, wir haben doch alle mindestens ein Lied, das uns bis in den Tod auf Schritt und Tritt verfolgt. Bei ihm« – er deutet auf Bowie – »ist es ›Space Oddity‹, bei Lenny ist es ›Suzanne‹, beim Prinzen ›Purple Rain‹ und bei mir ›Hotel California‹. Man kann nichts dagegen machen. Nur die Talerchen mitnehmen. Immerhin ist deine Weihnachtsschnulze doch Jahr für Jahr in den Charts«.

»Prince und George wurden vom Tod überrascht, da fallen alle Pläne plötzlich ins Bodenlose. Aber was mich interessiert ...«, werfe ich, der ich bislang nichts zur Konversation beitragen und daher nur Maualaffen feil halten konnte ein – und wende mich direkt an Cohen und Bowie: »... ist, ob eure letzten Alben tatsächlich im Bewusstsein des nahen Todes entstanden sind.

Cohen antwortet als erster: »Bei mir dürfte das etwas anders als bei David gewesen sein. Also spreche ich nur von mir. Als ich die Songs für ›You Want It Darker‹ schrieb, war mir natürlich bewusst, dass meine Zeit am Ablaufen war. Der Verfall, den ich während meiner langen Tourneen 2008, 2009 schon spürte, war einfach weiter fortgeschritten. Also ist das Album ein Abschied. Wie viel Zeit ...«

»... dir tatsächlich noch vergönnt sein würde, wusstest du aber nicht, oder?«, ergänzt Bowie, woraufhin Cohen kurz nickt. »Ich wusste es bei mir schon ziemlich exakt. Also wurde ›Blackstar‹ mein künstlerischer Abschiedsbrief. Sogar der Veröffentlichungszeitpunkt war genau kalkuliert«, erklärt Bowie. »Tja, so eine Planungssicherheit hätte ich auch gern gehabt«, lächelt Prince in die Runde.

»Klar. Du hättest schon noch ein paar Jährchen gehabt. Aber du musstest ja den falschen Cocktail nehmen«, sagt Cohen. »Der Vorteil daran ist, dass du jetzt endlich mal zur Ruhe kommst und hier mit uns abhängen kannst. Auf Erden, in deinem Paisley Park, wärst du doch sowieso nur herumgetigert und hättest nach dem perfekten Groove gesucht«, meint Cohen und wendet sich an Glenn Frey: »Sag mal, hat das hier nicht was von deinem ›Hotel California‹?« Er zeigt dabei ins schwülstig-dekadente Ambiente der himmlischen Bar.

»Du, keine Ahnung, ehrlich nicht. Weder Don Henley, noch Don Felder oder gar ich haben uns je gefragt, wie das Hotel aussehen könnte. Wir haben den Song geschrieben, aber keiner weiß wirklich, worum es geht. Aber so was kennst du doch auch, Lenny. Ich hab zum Beispiel bei deinem ›Lover Lover Lover‹ immer gedacht, dass es um einen Typen geht, der wieder zurück zu seinem Mädel möchte. Und vor kurzem erklärt mir Janis hier, dass das Lied sich um einen israelischen Soldaten dreht.«

Bowie, der sich gerade von Johnny Cash einen neuen Drink – nach altem viktorianischen Geheimrezept – kredenzen lässt, murmelt, mit oberlehrerhaftem Tadel in der Stimme: »Aber Glenn, das schließt sich doch nicht aus. Ein Soldat ist ja maximal weit entfernt von seiner Süßen, sie wird so zur Angebeteten. Bei Lenny geht es ja sowieso immer irgendwie um Frauen und Sex«. Darüber würde ich jetzt gern mit den Jungs noch reden, aber das Taxi, das mich in die banale, irdische Realität zurückbringen soll, steht vor der Tür des Etablissements.

Daher sage ich, fast wie Inspektor Columbo, der im Gehen auch stets einen klugen Gedanken formuliert, dass speziell Sexualität die zentrale Agens der allermeisten Popsongs sei – und die Lust das ist, was gerade die vier hier in der Bar anwesenden »Frischverstorbenen« verbindet. »Das ist es, was ›Dance Me To The End Of Love‹, ›Take It Easy‹ ›Cream‹, ›I Want Your Sex‹ oder ›Starman‹ gemeinsam haben«, meine ich. Die Jungs sehen das wohl ähnlich, denn sie prosten mir auf den Weg nach draußen zu. »Wir werden hier sein, wenn du wiederkommst«, hör ich das Falsett von Prince hinter mir her singen. Ein schöner Gedanke irgendwie, aber mein Wecker zerstört ihn und das Bild vom himmlischen Puff – »Sign O' The Times«, halt.


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